John K. Samson – Provincial

von am 9. Februar 2012 in Album

John K. Samson – Provincial

Das gute Gewissen des kanadischen Indierock hat von besorgten Kätzchen bis hin zu französisch sprechenden Pinguinen bereits alles besungen. Und doch bewegt nichts John K. Samson so sehr, wie seine Heimatstadt Winnipeg. ‚Provincial‚ ist die Aufarbeitung dieser Hassliebe im Mikrokosmos aus Straßensystemen und Sportfanatismus.

Den ultimativen Song über die Gefühle hinsichtlich Winnipeg, den hat Samson bereits mit ‚One Great City‚ geschrieben. Auf seinem Debütalbum (oder zumindest seinem ersten seit 1993) setzt der The Weakerthans Vorstand deswegen die Lupe ein und fokussiert auf die kleinen Welten innerhalb der Stadt. Samson macht den Stadtführer und entführt in nicht unbekannte Gefilde: der politische Punkrock von Propagandhi ist da nur mehr verblasste Erinnerung, der immer behutsamer gespielte Indierock der Weakerthans findet im Solowerk Samsons seit jeher seinen Ursprung wie auch seine logische Fortsetzung. Die ganz großen Momente seiner Stammband erreicht Samson auf ‚Provincial‚ dabei nie ganz, schrammt aber mit gesteigerter Intimität zwölfmal aufs wunderbasrste daran vorbei. Weil natürlich: Grandiose Melodien mit grandioser Stimme ist zwangsläufig eine grandiose Sache. Nur im Rampenlicht, da stehen bei Samson ohnedies eher seine so skurril weisen Geschichten.

Nicht zuletzt die sparsame Instrumentierung rückt diese auch auf ‚Provincial‚ ins Rampenlicht – da bleibt sogar noch mehr Platz für kauzige Spleens. Samson singt über Grand Theft Auto beinahe im selben Atemzug, wie über seine Studienzeit. Dass er keine Ahnung von dem Spiel hat, passt, weil er auch nicht wirklich studiert hat. Und für aktives Eishockey war irgendwann ebenfalls keine Zeit mehr, aber von Reggie Leach ist Samson trotzdem glühender Fan – deswegen heißt ‚Pedition‚ der einfachheit halber nun ‚www.ipetitions.com/petition/rivertonrifle/‚: Wer Leach ebenso in der Hall of Fame sehen will, muß also nicht mehr lange nach dem passenden Direktlink suchen. Es ist auch dieses Zusammenspiel aus Analogien und Pragmatismus, der ‚Provincial‚ ausmacht. So ist aus dem Plan, vier thematisch übereinstimmende EPs zu veröffentlichen, auf halben Weg kurzerhand ein Album geworden.

Gehetzt wirkt ‚Provincial‚ jedoch in keinster Weise, viel eher breiten sich die Songs gemächlich aus und nehmen an der Hand. Was von ‚City Route 85‚ und ‚Provincial Road 222‚ mitgenommen wurde, hat Samson überarbeitet und für Grand Hotel Van Cleef in Reih und Glied gebracht. Eine gewisse Grundmelancholie ist allen Songs gemein, mag Samson nur mit Akustischer und schüchternem Schlagzeugspiel unterwegs sein (‚Heart of the Continent‚) oder mit Piano und Gaststimme (in ‚Tapsed Reversed‚ ergänzen sich Ehegattin Christine und Samson perfekt). Ansonsten bleiben flott poppunkige Nummern wie ‚When I Write My Master´s Thesis‚ oder ‚Cruise Night‚ die Ausnahme, ebenso wie das hauptsaächlich von Streichern gestemmte, wunderschöne ‚The Last And‘.
Dass sich Samson mit jeder Minute steigert, passt ins Gesamtbild: ‚Provincial‚ mutet an wie der entspannte Abend mit dem besten Kumpel. Das ist nicht zwangsläufig die spannendste Sache der Welt, doch auch durch nichts zu ersetzen.

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