Swans – To Be Kind

von am 7. Mai 2014 in Album, Heavy Rotation

Swans – To Be Kind

Michael Gira kennt zwischen gnadenlosen Babyfratzen und auslaugenden Mediationen um Revolutionsführer im Exil keinerlei Erbarmen, denkt Ansätze weiter und setzt den Höhenflug seiner Swans konsequent dort fort, wo ‚The Seer‚ zu Ende ging.

Das kolossartig ausgedehnte Möbiusband ‚To Be Kind‚ schickt sich über seine langen 120 Minuten hinweg an Raum und Zeit aufzulösen. Das beginnt beim Artwork, bei dem Gira sich nach über 30 Jahren den ihn seit jeher terrorisierenden Babyportraits von Bob Biggs stellt, setzt sich fort bei von Klanggenie maßgeschneiderten Sound von Alleskönner John Congleton, der das dreizehnte Studioalbum der Swans soundtechnisch vom stoisch und schräg aus der Kälte groovenden ‚Screen Shot‚ weg die ästhetische Nähe zu den Anfängen der Band Mitte der 80er suchen lässt und Giras Produktion doch mit einer wärmernderen Note ausstattet als ‚The Seer‚ –  jenes Meisterstück von 2012, welches ‚To Be Kind‚ nun vor allem strukturell als Leitkegel dient und offensichtliche Querverweise offen vor sich her trägt.
So thront auch 2014 ein übermächtiger Monolith in der Mitte der Platte: ‚Bring the Sun / Toussaint L’Ouverture‚ hat sich aus der auf ‚Not Here Not Now‚ dokumentierten Live-Umklammerung von ‚The Seer‚ gelöst, verleugnet über 34 Minuten seine Ursprünge aber weiterhin nicht und durchstreift wie im Rausch Landschaften aus schimmernden Feedbackglimmern, spirituellen Ambientflächen, Noiseschichten und kakophonischen Momenten,  suhlt sich in einer Dunkelheit, die von der in Aufregung befindlichen Pferdekoppel bis in den Noir Jazz reichend sinister umarmend empfängt, immer wieder erlösend durchatmet, aber bereits ohne falsche Freundlichkeit als unerbittlich hämmerndes Crescendo aufplatzend eröffnet: Swans beginnen ihre Songs immer noch dort, wo andere sie beenden.

Wie sein Vorgänger ist ‚To Be Kind‚ ein Album geworden für das man sich bewusst entscheiden muss, das fordert, wieder an den eigenen Leistungsgrenzen operiert und eine Herausforderung für Aufmerksamkeitsspannen darstellt: keine Option für beliebige Hintergrundbeschallung also, sondern eine den nötigen Ernst in der Herangehensweise fordernde Reise, die Gira als tonalen Tranceakt mit verschlingender Sogwirkung inszeniert – die deswegen auch durchaus die eine oder andere Länge in Kauf nimmt. Er lässt seine Gefährten und Gäste wie St. Vincent oder Al Spx Epen spielen, die sich repetitiv winden, sich auftürmen, verdichten und zusammenschieben, sich bis zum Folterakt intensivieren und im nächsten Moment im Nichts verlieren zu scheinen. Ein ‚Just a Little Boy (for Chester Burnett)‚ ist da ein psychedelisch kriechender Nebeldampf mit Gira als besessenen Direktor, der vor der alptraumhaften Manege gackert, brüllt und greint, als würde Tom Waits die Einstürzenden Neubauten malträtieren. Das eingespielte Gelächter wirkt als blanker Zynismus, während der Song im Delirium den Blues am Noise vorbeitreibt, alle Ausbruchsversuche immer wieder vereitelt und den Reigen letztendlich als tonaler Coitus interruptus geißelt. Das launige ‚Some Things We Do‚ meditiert ähnlich abgründig, ‚Kirsten Supine‚ gibt sich beinahe lieblich und holt in weiterer Folge doch zur sakralen hämmernden Intensivkur aus; der Badass-Funk-Groover ‚Oxygen‚ boxt wie von der Tarantel, Glenn Branca und tollwütigen Bläsern gestochen, ‚She Loves Us‚ schraubt sich aus seinem nervös angetriebenen Rhythmus über ein lose verknüftes Geflecht zu einem kraftvoll zupackenden Rocksong zwischen „Fuck!“ und „Halleluja!“ empor.

Vor allem die Eingangs- und Schlußphase der Platte gelingt Swans der Fiebertraum über experimentelle Bluesattacken und transzendentale Odysseen bis hin zu sphärischen Industrialmomenten schwindelerregend fulminant. ‚To Be Kind‚ ist um Nuancen stringenter als ‚The Seer‚, auch, weil es deutlichere Festhaltepunkte bietet. ‚A Little God in My Hands‚ marschiert mit zusammengekniffenen Augen die Straße entlang, sieht dämonische Oompa Loompas um den beschwörenden Hexenmeister Gira tanzen und gönnt sich leidensbereite Explosionen gleichermaßen wie pendelnde Melodien als Vorgabe. Auf ihre Art zeigen sich Swans diesmal tatsächlich versöhnlicher, als hätte man sich den Albumtitel als Vorsatz an die Studiotür gepfählt, und das gar nicht ausnahmslos deswegen, weil die Momente des Verstörens und Zerstörens zurückgefahren wurden, sondern weil ‚To Be Kind‚ durchaus zugänglicher ausgefallen ist als sein direkter Vorgänger. „There are millions and millions of stars in your eyes“ singt Gira im über Lagefeuer und Bohren & der Club of Gore brodelnden Titeltrack, erreicht dabei auf eine unmittelbarer zündende emotionale Weise, bevor der Song nach nicht einmal achteinhalb Minuten in ein feuerspeiendes Inferno kippt und auch so im Vergleich zur Liveversion Entgegenkommen zeigt. Trotz der kompakteren Aufarbeitung ist es besonders in diesen letzten eineinhalb Minuten schlicht atemberaubend anzuhören, mit welche überwältigender Prägnanz Gira auch nach all den Jahren den Finger in offene Wunden bohrt und das kreisende Katharsis-Fegefeuer der Swans immer weiter schürt. Vermutlich wird ‚To be Kind‚ trotz allem wie schon ‚The Seer‚ Kritikerliebling und Kassengift werden. Darüber hinaus aber eben auch ein auslaugendes, brutales und schonungsloses Meisterwerk.

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