Justin Walter – Unseen Forces

von am 15. Juli 2017 in Album

Justin Walter – Unseen Forces

Diese Unseen Forces schweben körperlos als Anachronismus ins Unterbewusstsein: Justin Walter lässt sich vier Jahre nach dem die Ästhetik seines Schaffens neu prägenden Lullabies & Nightmares abermals durch eine nachtschwer schwebende Melange aus leiser Ambient-Elektronik und bläserschwerschwer angedeuteten Jazz-Elementen treiben, hat die Alpträume dafür jedoch weitestgehend zurückgelassen.

Düstere Drone-Elemente wie im kurzzeitig dräuenden Soft Illness bleiben die Kontrast setzende Ausnahme im Spektrum von Unseen Forces: Melancholisch, ätherisch und auf entrückt-verhuschte Weise wunderschön wattiert ist das Drittwerk des minimalistisch arbeitenden Studiobastlers aus Brooklyn.
Zumal instrumental abermals charakteristisch: Walter streichelt über 44 Minuten durch unaufgeregte EVI (Electronic Valve Instrument)- Klanglandschaften, zaubert über die analogen Synthie-Klänge hier und da Piano-Tupfer und Trompeten-Fäden, hat dabei ein stilles Lächeln im nachdenklich sinnierenden Gesicht. Er improvisiert eine tröstende Elegie, traumwandelt gerade eingangs mit einer gewissen Prägnanz, die danach ein wenig verschwindet, und führt sorgsam durch eine unwirkliche Form der Einsamkeit.

Unseen Forces modulieren dabei eine niemals greifbare Eleganz, bleiben zwar bisweilen gleichzeitig abgründig an der Disharmonie brutzelnd interessiert, nimmt jedoch dennoch primär mit einer seltsamen Wärme und Intimität in den Arm. Eigenwillige Melodieansätze passieren in bester Kranky-Manier unterbewusst ausgebreitete esoterische Tiefen.
Dass deswegen viele Momente hier (zu) vage bleiben, gehört jedoch zur schwelgenden Aura der neun Tracks: Kompositorisch umfließt Unseen Forces seine zwischen Ambient, Elektronik, Avantgarde und Jazz dösenden Ideen mit einer Mischung aus Vorsicht und Scheue.

Veränderungen und spontane Entwicklungen ersetzen dabei klare Konzeptionen, die Abwesenheit von Drummer Quin Kirchner fordert die Abstraktion der schwebenden Klänge zusätzlich, löst Begriffe wie Songwriting in der Ziellosigkeit auf.
Es ist dabei trotzdem (oder gerade deswegen) vor allem der in einem eigenen Raum-Zeit-Kontinuum stattzufinden scheinenden Fluss der Platte im Ganzen, der Unseen Forces zu einer körperlos transzendierenden Erfahrung macht, die einem Kaleidoskop gleich immer neuen Details offenbart, während man sich in der (erstaunlich kurzweiligen) Stimmung verlieren möchte.
Shape-shifting watercolors of pastel haze, lit by the soft synthetic glow of electric breath“ wird das anderswo genannt, und meint damit eine retrofuturistisch kaum zu verortende Suche, die ein klein wenig so klingt, als hätte Brian Eno die Boards of Cananda geduldig in den Schlaf gewogen.

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