Kettcar – Der Süsse Duft Der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich)

von am 25. März 2019 in EP

Kettcar – Der Süsse Duft Der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich)

Kettcar nehmen den Schwung mit, über das ihr fünftes Studiowerkes Ich vs. Wir vor knapp eineinhalb Jahren die Discografie der Hamburger mit einem Schlag revitalisierte: Die fünf Songs der EP Der Süsse Duft Der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich) denken die Motive des großen Albumbruders weiter – mal besser, mal schwächer.

Gerade inhaltlich knüpft Der Süsse Duft Der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich) mit seiner sozialpolitisch dringlichen Einstellung direkt an Ich vs. Wir an, während sich die 23 Minuten des Kurzspielers natürlich die Anmerkung gefallen lassen müssen, dass sich Kettcar stilistisch nicht mehr entwickeln, man ein Gros der Melodien der EP (so oder zumindest verdammt ähnlich) schon oft von Marcus Wiebusch und Co. gehört hat, man den einen oder anderen Refrain in seiner assoziativen Veranlagung praktisch ansatzlos mitsummen kann.
Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings auch: Der Süsse Duft Der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich) hält durch und durch typisches Kettcar-Material parat, stemmt den zuletzt wieder ordentlich nach oben korrigierten Qualitätslevel mit seinem eingängigen Indierock zudem weitestgehend mühelos durch einen neu gefundenen Hunger und füllt das Repertoire der Band damit näher am rundum zufriedenstellenden Epilog auf, als nur routiniertes Recycling zu betreiben.

Also der Reihe nach: Palo Alto eröffnet den Reigen als flottes Roadmovie, in dem eine Handvoll Digitalisierungs-Relikte aus dem Waschsalon heraus Richtung Facebook-Hauptquartier ziehen, um es brennen zu sehen. Die zur Erzählung neigende Strophe hat dabei etwas von Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun), die Aufbruchstimmung des synthieangetauchten Chorus könnte dagegen von Du und wieviel von deinen Freunden stammen – auch, wenn das die Vergangenheit romantisierende Storytelling letztendlich doch auch in der Luft hängend entlässt. Ein netter, schmissiger Ohrwurm, allerdings mit flüchtigem Gewicht.
Das Gipfeltreffen Scheine in den Graben drückt hingegen mit fetter Gästeliste – David Frings (Fjørt), Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen), Jen Bender (Grossstadtgeflüster), Bela B (Die Ärzte), Jörkk Mechenbier (Love A), Sookee, Felix Brummer (Kraftklub), Marie Curry, Gisbert zu Knyphausen und Safi bleiben zwar im Grunde beinahe ausnahmslos eher Namedropping-Statisten, aber was soll’s! – knackig an, wird mit hastenden Gitarren kommende Livekonzerte ordentlich anheizen und will sich vor dem nächsten Charityevent keine beruhigende Wohlfühlzone gönnen. Würden Kettcar doch öfter derart aus dem Komfortbereich ausbrechen!

Notiz an mich selbst tickt dagegen getragen zur Selbstreminiszenz, öffnet sich mit erhebender Dramatik und dirigiert das Hadern mit dem Liegenlassen eigenen Potentials mit optimistischer Größe, öffnet der persönlichen Ebene („Und als Mozart in deinem Alter war/ da war er schon zwanzig Jahre tot„) immer weiter die Perspektive und mahnt, sich bei Themen wie latentem Alltagsrassismus nicht selbst aus der Verantwortung zu stehlen: „Der Wolf im Schafspelz hat den gleichen Schneider„.
Einen fahlen, die EP subjektiv abwertenden, Beigeschmack hinterlässt hingegen Natürlich für alle, das als nonchalant bimmelnder Poprock angenehm schunkelnd zur konsumkritischen Belehrung ansetzt, aber dabei in jeder Hinsicht zu eindimensional vorbeiläuft und nicht nur deswegen inkonsequent wirkt, weil Kettcar ungeachtet der Lyrics die EP Der Süsse Duft Der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich) eben sehr wohl auch problemlos selbst bei Amazon verticken. Futter für all jene Kritiker, die Kettcar vorwerfen, es sich trotz löblicher Ideale entlang griffiger Schlagworte ein bisschen zu einfach zu machen, lieber gefällig zu bleiben, anstatt wehzutun – oder wie Nicorola so absolut treffend formuliert: „Statt den Zeigefinger in die Wunde zu legen, ist er einfach nur erhoben
Wo die Platte also sowohl inhaltlich als auch kompositorisch ein generelles „Früher war alles besser„-Feeling durchweht (und das ständige Verorten des aktuellen Status Quo ohne mitreißende neue Ansätze oder Lösungsvorschläge auf allen Ebenen ein bisschen unbefriedigend wirken kann) entlässt der Closer Weit draußen als minimalistisch gehaltenes Gitarrenstück mit leise perlenden Klavierakkorden und spielt endlich den Trumpf aus: „Ich schwör ich liebe mein Kind/ Aber ich hasse mein Leben„. Ergreifend, berührend und nahe der Gänsehaut, klassisch! Auf emotionaler Ebene funktionieren Kettcar trotz allem eben immer noch am besten. Fans freuen sich so oder so über diesen feinen, abwechslungsreichen und vor allem wertkonservativen Appendix.

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