Linkin Park- Living Things

von am 23. Juni 2012 in Album

Linkin Park- Living Things

Sie mögen die „erfolgreichstes Band der letzten Dekade“ sein, glückliche Familienväter und Multimillionäre. Aus dem Blickwinkel des fünften Studioalbums sind Linkin Park in künstlerischer Hinsicht aber letztendlich vor allem eines: Arme Schweine, die einem beinahe Leid tun könnten.

Da haben die Kalifornier vor zwei Jahren immerhin versucht, sich mit ‚A Thousand Suns‚ freizuschwimmen und ein Stück weit neu zu erfinden, rauszukommen aus dem künstlichen Industrial-New Metal und dem glattgebürsteten Alternative Rock der ersten drei Alben und haben ihr – man kann es ruhig so sagen – durchwegs experimentellstes Album aufgenommen, zwischen all den prolligen Synthieflächen, billigen Beats und ratlos zurücklassenden Interludes. Dass Linkin Park ihre wiedererwachten künstlerischen Ambitionen nicht in mitreißende Songs ummünzen konnten, wiegt für ‚Living Things‚ nun allerdings wohl weniger schwer, als dass die Verkaufszahlen erstmals in den Keller fielen: Der konservative Metalfan goutierte den Ausbruchsversuch nicht über die Gold-Marke hinausgehend und plötzlich sahen sich Linkin Park in die ungemütlichen Lage versetzt, zurückzurudern und den Veränderungsgedanken konkreter an handelstaugliche Rocksongs und Erwartungshaltungen zu knüpfen. Verständlich irgendwo – allein Chester Bennington hat sieben Mäuler zu stopfen.

Deswegen ist die Keyboardmelodie im geradezu grotesk langweiligen Konsensrockvorboten ‚Burn It Down‚ auch mehr Alibi-Industrial und vorhersehbar verkaufsfördernder Billiganreiz für im Feierabend restenegiegeladene Schreibtischhengste, die sich im ach so aufbrausenden Refrain der Und-Jetzt-Alle-!-Stimmung hemmungslos hingeben und auf dem Heimweg das Lenkrad in Grund und Boden brüllen wollen, ohne das Leasingautomobil gleich zu schrotten. Ein ‚In My Remains‘ schlägt in genau die selbe Kerbe, jene nämlich, in die Linkin Park seit jeher ihr ungemein verträgliches Verständnis für Melodien zwischen Stadion und Abwasch schnitzen. So trägt ‚Lost In The Echo‚ mit Ed Hardy tauglichem Synthie das Bräunungsmittelauch nur bis zur ersten Gitarre, bevor Bennington die Maske gerade rückt und Mike Shinoda seine aus dem letzten Jahrzehnt konservierten Rap nach wie vor ohne eine Miene zu verziehen beinhart durchzieht. Dass sich Linkin Park und der wieder barfuß die Innovationflagge hissende Rick Rubin nicht vollends in die Suppe spucken haben lassen und einige wenige auf ‚A Thousand Suns‚ aufgezeigte Lösungsvorschläge für den Mainstreamknoten weiterverfolgen, darf dann wohlwollend als ansatzweise Konsequenz in der Entwicklung der Band betrachtet werden – dass diese Ansätze jedochgeradezu plump mit dem einschläfernden Radiopoprock von ‚Minutes to Midnight‚ gemischt werden, weniger.

Denn „gut gemeint“ ist eben noch lange nicht „gut gelungen„: ‚Lies Greed Misery‚ werkelt zweieinhalb Minuten an hysterisch pumpenden Elektronikbeats, schickt die Nine Inch Nails-Gitarre zu Skrillex und Konsorten, vergisst aber zu erwähnen, was man  tatsächlich plant – außer die über den knallhart kalkulierten Beginn eingeschlafene Hörer zu wecken. Gleiches gelingt dem sich selbst zerreißenden ‚Victimized‚, einem zerfahrenem Cut-And Paste Bastard aus Linkin Park-Hardcore und einem Bennington, der ungeniert bei Death Cab for Cutie abspickt, nachdem ‚I’ll Be Gone‚ hinter seinen tausend Schichten irgendwo Streicher von Arcade Fire Buddy Owen Pallet versteckt und genau die Art Verzweiflungssong ist, welche die durchschnittlich 5 Singleauskoppelungen pro Album aufrechterhalten wird. Siehe auch ‚Castle Of Glass‚, wo man erst die unangenehme Balladenkeule auspackt, um dann dem Pophörer ein leicht verdauliches Verständnis für sanfte Gewalt zu vermitteln. Die Marschroute zwischen den Polen bleibt dem Rest der Platte erhalten: ‚Roads Untraveled‚ packt die „Wohoho„-Chöre vor anschwellende Gitarrenwände und bittet vorab darum, genug Feuerzeuge zur kommenden Tour mitzubringen. ‚Skin To Bone‚ verwendet frech den gleichen Melodieansatz wie seine zwei vorangeschickten Songs, langweilt aber wegen seiner schiebenden Effektwellen weniger im Fahrwasser alter Gassenhauer bevor Mike Shinoda mit ‚Until It Breaks‚ seinen klassischen Hip-Hop Auftritt bekommt, der sich vorsichtshalber trotzdem einen butterweichen Refrain gönnt. Sicher ist eben Sicher.

Was hinter der Elektronikfassade das generelle Credo der Platte beschließt: ‚Tonfoil‚ macht dann das Steigbügelinterlude für ‚Powerless‚, dass sich dann auch die Freiheit nimmt, den Rundumschlag durch alle Eckpfeiler der Band zwischen Elektronik und Rock in aller Melodramatik in Szene zu setzen und unterstreicht nachdrücklich, dass ‚Living Things‚ dabei das ideale Album geworden ist, das es Linkin Park erlauben sollte, vergraulte Fans zu versöhnen und trotzdem weiterhin in den Spiegel schauen. Gehegte Veränderungsambitionen werden zwar nicht zu Ende gedacht, allerdings eben auch nicht vollends verschoben, sondern zielbewusst umgangen. Dass man damit die Probleme, vor denen man nach ‚A Thousand Suns‚ plötzlich gestanden hatte damit nur gegen neue tauscht und zudem wieder die Geister der Vergangenheit im Rückspiegel hat, macht ‚Living Things‚ nicht besser, aber zumindest die Ausgangslage für das nächste Studioalbum leichter.

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