M83 – Knife + Heart

von am 14. März 2019 in Soundtrack

M83 – Knife + Heart

Anthony Gonzalez füllt das M83-Repertoire an Soundtrack-Arbeiten mit Knife + Heart nach dem Tom Cruise-Science Fiction-Streifen Oblivion für seinen Bruder Xann noch einmal weiter auf. Der hat mit Vanessa Paradis einen Slasher-Film über die Homosexuellen-Pornoszene der 70er gedreht.

Was die Sache (gerade auch als direkte Reaktion auf das polarisierende Puristengift namens Junk) noch interessanter macht: Gonzalez hat dies gemeinsam mit Nicolas Fromageau getan. Die erste gemeinsame Zusammenarbeit der beiden M83-Gründer seit fast eineinhalb Dekaden oder Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts (nach dem sich Fromageau seinem Projekt Team Ghost zuwandte) ist dann im weitesten Sinne auch tatsächlich näher dran an einer Rückkehr zum klassischeren, zutiefst nostalgisch ausgelegten Synthsound der Franzosen und insofern eine versöhnliche Angelegenheit – letztendlich aber am Papier spannender, als in tongewordener Form.

We wanted to recapture the Giallo ambiance of the ’70s, to feel that sinister yet sentimental tone. Anthony and I are both poetical and even sentimental, in a certain way. We wanted to dive in headlong, particularly as melancholy and poetry are found in numerous ’70s horror film soundtracks, from films by Lucio Fulci to those by Mario Bava.“ erklärt Yann Gonzalez die Ziele des Scores.
Und Knife + Heart mag den Kern der anvisierten Epoche mit seinen klangtexturalen Stimmungsbildern durchaus einnehmend nachahmen, ist alleine deswegen schon kein Ausfall per se, weil Bruder Anthony und Komplize Fromageau atmosphärische Synthiewelten mit ambienten Elektronik-Blick in die Vergangenheit einfach können. Zumindest ohne dazugehörigen Film bleibt aber nur wenig konkretes von den homogen zusammengefügten Tracks hängen, die letztendlich eher ästhetische gefällige Unverbindlichkeit bleiben und weniger Songs darstellen, als inkonsequente Soundskizzen. Melodien und Ideen geben sich allgemein, plätschern in den Keyboardteppichen einfach zu flüchtig, austauschbar und belanglos. Es stellt sich kaum Tiefe ein, alles bleibt oberflächlich betörend und nebensächlich.

Auf emotionaler und imaginativer Ebene funktioniert Knife + Heart deswegen jedenfalls nur phasenweise, ohne Intensität agieren Gonzalez und Fromageau zumindest hin und wieder griffig, mit zuverlässiger Klasse.
Gedankenleicht sinnierend bekommt der Harfennebel Karl irgendwann eine leicht orientalische Schlagseite aus der Dose, pulsiert entschleunigt. Auch The Cave nimmt diese Rhythmik auf, dirigiert die potentielle Extase aber innerhalb von Sekunden ins Nirgendwo, wo der sehnsüchtiger Traum von Sauna ebenso nur andeutet, die schwüle Elegie zu einem knackigen Rock aufbrechen zu wollen – M83 lässt die aufgebaut stampfende Spannung dann aber doch lieber symptomatisch verpuffen.
Besser ist deswegen Clairvoyance, das seine akustischen Gitarren zupft, als würden Air in den Folk schwelgen – ein Motiv, das A Knife in the Heart schon geradezu kitschig weiterverfolgt. Maß und Ziel halten sich auf Knife + Heart eben zu selten die Balance, spannen sich lieber unerschlossen zwischen großartigem Noir Flair mit seinem melancholischen Jazz- Gebläse (Letter Laws), der feinfühligen klassizistischen Gitarrenwiege The Cave und flapsigen Funk Anleihen auf, die gleichermaßen skurrile Ironie wie absurde Persiflage darstellen könnten (Detective Rachid).
Trotzdem reicht es Knife + Heart weder zu den qualitativen Untiefen von Junk, noch zu dessen polarisierender Reibungsfläche – selbst in vermeintlich kontroversen Titel wie Sperm, and Fresh water: Abseits der vier Fremdkompositionen als Highlights aus dem zeitgeschichtlichen Archiv (Malaria!, La Maison, Malaguena und der überragenden Jefre Cantu-Ledesma) sind die versammelten 58 Minuten relativ egaler Schönklang, versiert und eine gelungene Hintergrundbeschallung. Damit aber wohl schneller vergessen, als die bisherigen zwei Soundtrackarbeiten von M83.

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