Mouse on the Keys – Tres

von am 8. Juni 2018 in Album

Mouse on the Keys – Tres

Mouse on the Keys sind mittlerweile nicht nur auf Topshelf Records angekommen, sie nähern ihren jazz-infizierten Spagat zwischen Fusion-, Post- und Mathrock auf ihrem dritten Studioalbum Tres ganz generell näher westlichen Formen an.

Mehr noch ist das dritte Studioalbum von Akira Kawasaki, Atsushi Kiyota und Daisuke Niitome aus Tokyo aber ganz allgemein von der unbedingten Ambition durchdrungen, den bisherigen MO der japanischen Edeltechniker zu einer noch variableren Vielseitigkeit (sowie unter den Eindrücken einer gemeinsamen Tour mit Brian Eno auch atmosphärischeren Transparenz) zu entwickeln.
Tres gibt sich insofern deutlich gemäßigter als seine beiden Vorgänger, stellt weniger die typischen exzessiven, technisch aufdrehenden Time Signature-Stunts in den unbändigen Rhythmen in die Auslage, zügelt auch die Atemlosigkeit des proggigen Math-Aspekts und lässt dem Ambient mehr Raum, um seinen ätherischen Fluss bis hinein in den loungartigen Nu Jazz und Trip Hop auszubreiten.
Das dritte Studioalbum von Mouse on the Keys entwickelt sich so zu einem stilistisch immer wieder seine Positionierung wechselnden Evolutions-Schaulaufen. Aber auch zu einem homogenen Ganzen, das seine ständig mutierenden Variablen unangestrengt vereint – und dessen Vielseitigkeit sich alleine schon an der hohen Dichte an Features ablesen lassen kann.

Im eindrucksvollsten geraten dabei die beiden Kooperationen mit der kanadischen Sängerin Dominique Fils-Aime. Das überragend grazile Stars Down zügelt das Tempo der Platte Richtung Massive Attack und erzeugt über wummernden Synthies eine eindringlich-geschmeidige Melodramatik, während die sphärische Ambientballade Pulse dagegen einen subtil-funkigen Beat sowie ein relaxtes Saxofon spendiert bekommt. Das ist beinahe westlicher Pop, doch eine mystische Note bleibt.
Das eröffnende Clarity lädt dagegen die irischen Stimmbänder von M’ANAM in klassischere Mouse on the Keys-Bandgefilde ein und startet zwar rhythmisch vertrackt shiftend, aber eben grundlegend auch entspannter aufgefächert. Später streuen Mouse on the Keys noch weihevolle Gast-Chöre über das flimmernde Konstrukt und denken damit sowohl das Wesen von Kollegen wie Lite mit synthetisch streunendem Freigeist weiter, wie sie auch gleich zu Beginn eine Verortung an der sanften Schnittstelle zwischen vertrauten Sound und der Integration neuer Bestandteile installieren.

Das folgenden Mosaik entpuppt sich jedoch auch als schwankende Dynamik. Wo etwa das starke Time hektischer zum Vorgänger The Flowers of Romance kurbelt und ausnahmsweise seine instrumentale Muskeln herrlich zuckend spielen lässt, indem das elektrifizierende Schlagzeugspiel neben ein virtuoses Solo von Mario Camarena (CHON) frickelt und damit auch Mouse on the Keys-Puristen mit der Zunge schnalzen lassen dürfte, plätschert One Hundred Twenty mit seinem patentierten Spiel zwischen Hi-Hat-Hatz und flinken Pianolinien schlichtweg etwas zu gefällig und harmlos.
Oder wo Phases wie ein modulierter Computerspiel-Score mit sphärischer Nervosität klingt, der in einer schwelenden Nachdenklichkeit aufgeht, kann das 66 sekündige Interlude Golconda außer nebensächlicher Verschrobenheit nichts eklatantes zum Gesamtgefüge beitragen. Ähnlich verhält es sich bei den beiden Neueinspielungen bereits bekannter Songs: The Prophecy (eigentlich Teil einer Klanginstallation im Verbund mit der Ausstellung Tadao Ando: Endeavours im National Art Centre in Tokyo) weht für sich stehend als melancholisch träumende Pianofläche zu ziel- und konturlos durch den vielversprechend stimmungsvollen Orbit, um nachträglichen Eindruck zu hinterlassen – wohingegen der elegant dahintreibender Grails-Teppich Dark Lights bis hin zu seiner zurückhaltenden Bläsersektionen eigentlich ein besseres, weil erträglicheres Finale für Tres gewesen wäre, als es die ätherische Industrial-Collage Shapeless Man es letztendlich im unentschlossenen Spannungsfeld aus Ghibli-Mystik mäandernder Entrücktheit darstellt.
Zumal die Spoken Word-Rezitation von La Disput-Poet Jordan Dreyer zwar ästhetisch, nicht aber unbedingt essentiell ist. Und damit durchaus auch symptomatisch für eine Songwriting von Tres steht, dass die Bandbreite seiner Möglichkeiten nicht immer befriedigend gewichtig umsetzt.

Überhaupt ist es eine gewisse Ambivalenz, die zwischen den Zeilen über der Ausstrahlung der Platte schlummert. Ohne restlos überwältigende, konsequent atemberaubende Highlights fehlt Tres schon auch bis zu einem gewissen Grad das berauschende Element früherer Veröffentlichungen von Mouse on the Keys. Allerdings funktioniert die Platte am Stück konsumiert dennoch absolut zufriedenstellend. Der nichtsdestotrotz absolut kohärente Kontext und die tolle Produktion ist es, der selbst die weniger überzeugenden Tracks im Verbund des Gesamtwerkes schließlich rund und angenehm begleitend funktionieren lässt.
Über 40 kurzweilige Minuten, die eigentlich Stückwerk sein müssten, aber eher ein anziehendes Puzzle geworden sind, war es deswegen noch nie einfacher oder auch schöner, die subtiler gewordenen Mouse on the Keys zu konsumieren. Ebenfalls richtig: Dadurch, dass das Übergangsalbum Tres den aufgeworfenen Hunger nicht zu stillen vermag, kann man kaum erwarten wohin es die nicht mehr ganz so exotischen, aber gerade in ihrer Offenheit immer eigenwilliger werdenden Japaner in baldiger Zukunft noch verschlagen wird.

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