My Bloody Valentine – m b v

von am 23. Februar 2013 in Album, Heavy Rotation

My Bloody Valentine – m b v

Nicht nur vernetzte Mittzwanziger rund um den Globus sind sich einig: ‚m b v‚ ist ein Geniestreich, schließt unmittelbar an das die Musikwelt umkrempelnde ‚Loveless‚ von vor 22 Jahren an, erfüllt alle Erwartungen. Aber irgendwie gilt’s dann doch nicht, denn eigentlich ist das ja alles Schnee von Gestern, und klingt auch so, und andere machen das mittlerweile sowieso besser. Ja, wie denn nun?

Bei dem in letzter Instanz dann doch Hals über Kopf über zwölf ziemlich turbulent abgelaufene Internet-Stunden veröffentlichten, 22 Jahre herausgebackenen dritten Album der Dubliner Band um Kevin Shields, hat man es zweifellos mit etwas Großem zu tun. Das merkt man beim Hören, man merkte es beim Kaufen, man merkt es wenn man etwas darüber schreiben möchte, und vor allem wenn es in irgendeinen Kontext eingegliedert werden soll. Nicht nur der einstweilige Vertrieb in Eigenregie über die Homepage spiegelt My Bloody Valentines – oder viel mehr Shields – ambivalentes Verhältnis zu Marketing und Labelansprüchen wieder; viel Herzblut, Schweiß, Gerüchte, Geschichten und Legenden stecken in der über zwei Dekaden dauernden Veröffentlichungsgeschichte von ‚m b v‚. Nur soviel: Shields hat einen Großteil des Albums über diese Zeit selbst geschrieben, eingespielt und gemastert, Dinge die Außerhalb seines Kompetenzbereiches liegen wurden den bereits 2007 wieder zurück ins Space Shuttle geholten Bilinda Butcher, Colm Ó Cíoóig und Bassistin Debbie Googe zugetragen.

Was den Shoegaze, als dessen Galleonsfigur My Bloody Valentine sowohl mit ‚Loveless‚ ab- als auch mit ‚m b v‚ nun wieder aufgetaucht sind, Grundlegend ausmacht, wird von Anfang an Lehrbuchartig vorgetragen. Wie es wohl nur Shields selber kann wird mit ‚She Found Now‚ losgelegt, als wäre seit ‚Soon‚ nur die Dauer vom Ohrensessel zum Plattenspieler inklusive Seitenwechsel vergangen. So unvermittelt wie die respektvolle Stille vor dem ersten Track zerschnitten wird befindet man sich in einer Zeitkapsel, durch deren beschlagene Fenster hindurch gesehen sich nichts verändert hat: Gitarrenwände, ebenso behutsam wie rau, ein androgyn hauchender Shields, und in Riffs verpackte Raffinesse, die sich tatsächlich erst beim näheren Hinhören voll offenbart, und Begriffe wie „monoton“ sowie „variantenreich“ gleichermaßen zulässt. Ebenso sanft wie aufregend wird man in das Album geschaukelt, und ehe man sich versieht befindet man sich wieder mitten in diesem ‚Loveless‚-Gefühl – die Brücke wird gleich zu Beginn geschlagen, nicht um später eingerissen zu werden, sondern um die Straße dahinter mehr als kompetent weiter zu denken.
Introvertiertheit wird ihn ‚Only Tomorrow‚ kleiner geschrieben, das Schlagzeug weckt aus der fünfminütigen Beinahe-Trance in die man durch den Opener versetzt wurde, nur um durch die altbekannten wie -bewährten Bestandteile in den nächsten medidativ mitschunkelnden Zustand weitergleiten zu lassen. Hier verbirgt sich unter der beinahe unterkühlten Verzerrung das erste songschreiberische Kleinod des Albums, ausgestattet mit trügerisch lieblichem Refrain der am Ende unter die Distortion-Walze gerät, und den perfekten Einstieg in die vertraute Welt von ‚Who Sees You‚, mit seiner psychedelischen, vibrierenden Gitarrenschicht über Schicht legenden Melodieführung und den hintergründig galoppierenden Drums darstellt. ‚m b v‚ bis hierhin: ein Abenteuerspielplatz für Detailverliebte, von (einem) Detailverliebten.

Das erst interludig anmutende ‚Is This And Yes‘ leitet mit fragilem, scheinbar ziellos um sich selbst herumschwebendem Orgelgepfeife den Mittelteil und die Bühne für Bilinda Butcher ein, deren Gesangliches hin und her mit Shields den Löwenanteil zum androgyn-abgehobenen Klangbild, zum spacigen großen Ganzen nicht nur auf ‚m b v‚ beiträgt. Butcher haucht ‚If I Am‚ und ‚New You‚ fast Single-tauglich gen Radio, letzterer wäre in einer besseren Welt wohl einer der Nineties-Evergreens der in keiner ernstzunehmenden Alternative-Liste fehlen würde. Irgendwie pendeln gerade diese zwei Songs zwischen Lush und den versöhnlicheren Sonic Youth, zwischen ‚Isn’t Anything‚ und ‚Loveless‚, und schaffen dabei etwas gänzlich neues im Kosmos von My Bloody Valentine. Der Sound einer Band, der anno dazumal die Radiotauglichkeit förmlich auf die Stirn geklatscht wurde, und sich heutzutage um nichts der gleichen mehr kümmern braucht, und dabei für anderthalb Stücke so sehr mit dem Pop liebäugelt wie eigentlich noch nie.

Das furiose Ende – sprich die letzten drei Nummern – von ‚m b v‚ machen schließlich den Laden dicht. ‚In Another Way‚ verquirlt die besten Zutaten wie Butchers sphärischen Gesang und den stetigen Aufbau einer verdammt genialen Melodie mit einer zuvor ungehörten Art der Synthiehymnik und schaukelt sich langsam und erhaben in den siebten Dreampop-Himmel, nur um vom folgenden Instrumental ‚Nothing Is‚ wirkungsvoll knarzend niedergaloppiert zu werden. Kein Problem ob der Leichtigkeit mit der das Ganze von statten geht, der militärisch ratternde Absturz des Aufzuges endet immer noch in etlichen Höhenmetern. Und dann hängt man da, schwerelos, und wird von ‚Wonder 2‚, einer psychedelischen Achterbahnfahrt durch Lautstärke- und Tempoloopings und synthetisch im Vakuum auf und ab klopfendem Schlagzeug ungefähr mit den selben Gefühlen aus dem Album verabschiedet, mit denen es vor 47 Minuten begonnen hat. Der Respekt bleibt, die Ratlosigkeit weicht nach kurzer Akklimatisierung.

Das „Comeback“ von My Bloody Valentine ähnelt in vielerlei Hinsicht wohl dem von Godspeed You! Black Emperor aus dem letzten Jahr. Absurd hohe, unerfüllbare Erwartungshaltungen, die sich mittlerweile zum Großteil aus der gemeinsamen Denkblase einer anonymen Öffentlichkeit ergeben, die nur ungern befriedigt, und dann beim Massenansturm auf Kevin Shields aus ‚Loveless‚-Zeiten rübergeretteten Servern auch noch hingehalten wird. Beide veröffentlichen Material, dass bereits länger im Regal liegt, beide müssen sich bis zu einem gewissen Maße den Vorwurf gefallen lassen, ihrem selbst auferlegten Anachronismus zu erliegen, sich vielleicht darin zu suhlen. Am Ende haben beide Werke vorgelegt, für die andere Bands im Genre ganze Karrieren und ihre Haustiere opfern würden, My Bloody Valentine ihrerseits zelebrieren ein längst vergessen geglaubtes Gefühl, Understatement und eine Eleganz in ihrer Rückvorwärts gerichteten Zaubermusik, dass man eigentlich nur dankbar sein kann – egal ob zu spät geboren oder vor knapp einem viertel Jahrhundert schon bekehrt.

09

Vinyl LP / CD / MP3 Download auf mybloodyvalentine.org

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