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Neptunian Maximalism – Solar Drone Ceremony

Neptunian Maximalism - Solar Drone Ceremony

Aktueller ist vielleicht der Auftritt von Neptunian Maximalism im Rahmen des Roadburn Redux – der Ansatz von Solar Drone Ceremony ist allerdings ohnedies ein anachronistischer.

Aufgenommen im Magasin 4 von Brüssel am 11. März 2020 (also knapp drei Monate vor der epochalen Studioplatte Èons) stellt das (nicht mit dem Mitschnitt HS63 : A Solar Drone Opera NNMM Arkestra (Live 2019) zu verwechselnde) Solar Drone Ceremony eine Neuinterpretation des Titelstücks von The Conference of the Stars dar. Dass sich das Arkestra – hier: Mastermind Guillaume Cazalet alias CZLT (amplified guitar, vocals), Jean Jaques Duerinckx (baryton sax and sopranino), Didié Nietzsch (digital soundscape, spectral), Reshma Goolamy (amplified bass guitar), Joaquin Bermudez (amplified guitar), Romain Martini (amplified guitar), Lucas Bouchenot (percussions), Stephane Fedele (drums) sowie Alice Thiel (synth) – dabei weit von dem ursprünglichen Werk entfernt und gefühlt nur sehr sporadisch dessen Ideen aufgreift, sie vielmehr in anderen Dimensionen weitergedacht auffächert, sollte eigentlich bereits der Blick auf die Spielzeit von 53 Minuten klarstellen.

Als entrückter Ambient beginnt das okkult-mystische Tempelritual, in dem es erst unklar bleibt, ob die körperlosen Stimmen aus dem Publikum stammend ganz hinten in der Wahrnehmung auftauchen oder ob die Band bereits ihre flüsternde Beschwörung beginn. Um den Korpus flimmert es elektronisch und legt sich in die Arme eines tief ausholenden Saxofons, eine avantgardistische Percussion und greinende Soundflächen tauchen auf. Das Amalgam brodelt nebulös, köchelt lauernd zwischen losen Free Jazz-Ansätzen und improvisiertem Drone Metal, schleppt sich abstrakt polternd in impressionistischer Trance zu einer fiebrigen Mantra-Seance. Swans, Sunn O))), Colin Stetson – man kennt die Referenzen und Assoziationen, die hinter dieser Band stehen.
Neptunian Maximalism fallen in eine düster groovende Psychedelik, als würde Michael Gira der schamanistischen Inkarnation von Ruins of Beverast vorstehen. Cazalet rezitiert in einer stoischen, unverständlichen Litanei, seine Begleiter nehmen sich immer weiter zurück, bremsen sich langsam aus.

Rund um die 30-Minuten-Marke öffnet sich unerwartet eine unbekannte, repetitiv verführenden Melodie. Die Belgier folgen dieser geduldig pendelnd, das sonore Flehen wird immer wieder zu einem aggressiven Gebrüll, bleibt aber außerhalb der körperlichen Prägnanz. Plötzlich übernimmt jedoch das Schlagzeug die Führung, zieht mit einem kompakten Rhythmus in den Space Rock voran, entwickelt mit Cowbells eine Tanzbarkeit und krautigen Sog, findet eine finale Ekstase im Crescendo, das gefühlt keinen Unterschied zwischen Zeitlupe und -raffer macht.
Dass der freigeistige Ausritt nicht die formvollendet durchdachte Balance von Èons besitzt, in seiner ersten Hälfte etwa mäandernde Tendenzen feiert und in der zweiten fast zu hastige, weniger erschöpfende Entwicklungen zeigt, liegt wohl ebenso in der Natur der Sache, wie dass sich der reichhaltige Sound zwangsläufig nicht restlos befriedigend in all seinen mächtigen Formen und nuancierten Feinheiten differenziert einfangen lässt. (Hier steht der etwas matschige Mix auch der nächsthöheren Wertung im Weg.) Mutmaßlich kann die Erfahrung, Neptunian Maximalism auf der Bühne erleben zu können, aber ohnedies nur zu einem gewissen Grad konserviert werden. Dass das Kollektiv dort nämlich einen wahrlich andersweltartigen, magischen Rausch erzeugt, zeigt das seine Grenzen zwischen Livedokument und regulärer Albumveröffentlichunh ästhetisch nur sehr vage ziehende Solar Drone Ceremony immer wieder eindrucksvoll, jedoch nicht in letzter Konsequenz euphorisierend auf.

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