Nuvolascura – Nuvolascura

von am 15. März 2019 in Album, Heavy Rotation

Nuvolascura – Nuvolascura

Nuvolascura schicken sich an, die Fußstapfen von Saetia und Co. ausfüllen zu können. Das selbstbetitelte Debütalbum der Band aus Los Angeles setzt vorerst zumindest den diesjährigen Status Quo in Sachen traditionellem Screamo und Emoviolence.

Aus dem Stand heraus und gänzlich unerwartet geschieht das keinesfalls, ist Nuvolascura doch ein Sammelbecken für (ehemalige) Mitglieder von unter anderem SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Heritage Unit oder Curtains. Ein kleines Szene-Who is Who gewissermaßen, dass (neben etwaigen personellen Umbesetzungen) vor dem leidlich schmeichelhaften Namenswechsel von 2015 bis Ende 2018 bereits als Vril firmierte (nachzuhören übrigens auf den rückwirkend assimilierten Veröffentlichungen No Traditions, 2017 sowie der Pre-2015er-Compilation Predispositional).
Nuvolascura nimmt nun jedoch den finalen Schub Richtung Klassiker-Tendenz trotzdem mit einer überraschend konsequenten Rauschhaftigkeit, schließt über alte Kumpels wie Ostraca und Loma Prieta zu Klassikern wie La Quiete, Lord Snow, Raein und eben auch Saetia auf: Das ist rasender, noisiger, chaotischer Screamo der Extraklasse mit wenig Luft nach oben.

Wo also anfangen mit dem Schwärmen? Bei den schonungslos frontalen, so wütend wie poetisch keifenden Lyrics von Brüllwürfel Erica? Bei ihrer zerstörenden, mitreißenden Performance, der die restliche Band mit geradezu furioser Intensität Rückhalt gibt? Den Instrumenten, die wild und harsch knüpppeln und tackern, ebenso aggressiv wie atmosphärisch aufblühen, ein impulsives Gespür für kaum offensichtlich Melodien im unbequemen Sperrfeuer zünden? Der Produktion, die so roh und direkt, aber nicht dünn, sondern extrem kraftvoll und ungestüm kurbelt? Oder der dadurch freigesetzten Energie, so leidenschaftlich und manisch getrieben, wütend und angepisst?
Egal – Fakt ist, dass Nuvolascura keinen Schongang kennt, permanent nach vorne geht und unablässig attackiert, nachdenkliche Atempausen gönnt, aber niemals in Sicherheit wiegt. Die gerade einmal 19 Minuten der Platte provozieren in dieser Raserei dadurch einen unnachgiebigen Punch, der auf den Erstkontakt eindimensional in seinem MO wirken kann, aber im Grunde eine schöne Bandbreite an nuancierter Variabilität und Dynamik offenbart: Immer wieder streut das Quartett im unberechenbaren Songwriting kleine Facetten ein, die die Stimmung ändern oder das Klangbild kurz lüften, das Steuer mal subtiler und dann wieder markanter herumwirbeln, und erreicht immer wieder beinahe die Qualität der Genre-Säulenheiligen.

Death as a Crown fällt hysterisch über sich selbst her, dramatisch und erruptiv, die Spannungen immer wieder neu zirkelnd, hinten raus beinahe versöhnlich zum Mathrock pendelnd, bevor …On Account of the Poison Purzelbäume schlägt, eskaliert, es die Band förmlich zu zerreißen scheint. Das wunderbare Flower Offering gönnt sich danach einen beinahe postrockigeren Ambient-Beginn, flehentlich zum Post Hardcore frickelnd – ein Faden, den Saccharine Trance aufnimmt, weiterspinnt und zur Ekstase treibt.
Nuvolascura gönnen sich in weiterer Folge kurze Anläufe, um vehement dir Tür einzurennen, suggerieren strukturlosen Irrsinn, der seine Griffigkeit jedoch subversiv in den Mahlstrom indoktriniert. Songs wie Vow of Violence kotzen deswegen in gerade einmal 42 Sekunden ihre Tollwut aus, wo Half Truth über eine sinnierende Distanz gar Wohlklang antäuscht. Der Konfrontationskurs drückt mal hemmungsloser aufs Punkpedal (Cerulean Wound) und forciert dann wieder düster-bedrohliche Untertöne (Zen Depression), fächert das Portfolio perspektivenreich auf.
Gerade die Schlussphase zeigt diesbezüglich , wohin diese Band noch wachsen können wird. Das Doppel aus The Slowest Color Seeping Through (Mask of Myself) und Design for an Altar pendelt von liebevoller Kontemplation zu extremer Dringlichkeit, Nuvolascura bürsten jede Gefälligkeit vertrackt gegen den Strich, hyperventilieren mit klarer Lead und Linie. Einfach ist es nicht, sich in diesem auslaugenden, hirnwütigen, akribisch konstruierten Husarenritt zurechtzufinden – doch es lohnt sich jede Sekunde. „This record was written between January 2016 & May 2018“ gibt die Band zu Protokoll und lässt schließlich all das Herzblut und die präzise Effektivität spüren, die über diesen Zeitraum in ein fantastisches, süchtig machendes Debütalbum geflossen sind. Ein triumphaler Neustart.

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