Placebo – MTV Unplugged

von am 25. Dezember 2015 in Livealbum

Placebo – MTV Unplugged

Weil Placebo sich nach einem Lauf von fünf grandiosen Alternative-Rockalben seit ‚Battle for the Sun‚ oder auch schon wieder sechs Jahren auf einem durchwegs ernüchternden Niveau eingependelt haben, macht es (alleine weil das obligatorische Best of ja bereits abgehandelt wurde) durchaus Sinn, dass Brian Molko und Stefan Olsdal sich an bessere Zeiten erinnern und diesen neue Facetten abzugewinnen versuchen.

Es ginge nicht darum, die Songs auf ihre Basis herunterzubrechen, erklärte Molko vorab und meinte damit, dass Unplugged für Placebo keineswegs reduzierter bedeuten muss, weil der durch den fehlenden Strom (inmitten der paradox technoiden Bühnenausstatung) freigewordene Interpretationsspielraum innerhalb der Kompositionen nun zumeist durch elegisch ausgebreitete Streicherarrangements und Holzbläser ausgefüllt wird – also weniger Arena, aber nicht unbedingt weniger Opulenz hinter der neu gefundenen Sehnigkeit.
Was Placebo grundsätzlich nicht schlecht zu  Gesicht steht, entwickelt die Aufnahme einerseits doch wirklich eine intimere Atmosphäre als das Gros der regulären Studioalben (nebenbei bemerkt vielleicht ohnedies am schönsten: die Nahbarkeit des Frontmannes, wenn er zwischen den Songs mit angenehmer Stimme durch Anekdoten und schwache Witzchen führt, später sogar eine berührende Liebeserklärung an seine Gitarre abgibt), andererseits ringt die Band ihren Songs so phasenweise (ohne letztendlich wirklich überraschen zu können) sogar tatsächlich neue Ebenen ab – allerdings im Guten, wie im weniger gelungenen.

Die komplette Entschleunigung von ‚Meds‚ zur sich aufbäumende Klavierballade funktioniert ebenso stimmig wie der Titelsong von ‚Loud Like Love‚ als reiner Melancholiker ausgeleuchtet durchaus wächst. ‚Slave To The Wage‚ reizt seine Grundausrichtung (Violine + Molkos Stimme alleine genügen) zwar dezent über Gebühr aus, markiert aber dennoch einen der Höhepunkte der Platte, auch ‚Without You I’m Nothing‚ flirtet melodramatisch mit der String-Section, während ‚36 Degrees‚ sich selbst in bittersüße Atmosphäre gebettet schmeichelt und ‚Because I Want You‚ weich schlingend ins Orchester gekuschelt betört.
Auch den ‚Song To Say Goodbye‚ im entspannterem Outfit vermittelt zu bekommen ist schön zu hören – gebraucht hätte es dies aber dann eigentlich doch auch wieer nicht unbedingt – symptomatisch für nahezu die gesamte Platte.

Weil dann doch irgendwie immer ein bisschen der Druck und die inszenatorische Wucht der subtrahierten Gitarrenwände fehlt und die Grenze zur reinen Berieselung immer wieder überschreiten wird, Placebo selbst zudem ständig den an sich positiven Grundeindruck trüben. Über weite Strecken hinken die Briten den sich bietenden Optionen hinterher (die Orientalik den Kanuns in ‚Post Blue‚ geht leider nahezu vollends unter), setzen dann Experimente wie das von Broken Twin alias Majke Voss Romme gallig abgewürgte Piano-Plätschern ‚Every You Every Me‚ ein wenig in den Sand, agieren daneben bisweilen mutlos und hüftsteif (‚Protect Me From What I Want‚ dümpelt trotz Mundharmonika und Gastgesang von Joan as Police Woman enervierend) und verzetteln sich in der zerrissen fließenden Setlist (ein ‚Bosco‚ hat über 7 Minuten abseits der strahlenden Arrangements wenig zu bieten, die Coverversionen von ‚Jackie‚ und ‚Where is My Mind‚ sind gefällig und die altbackene Peinlichkeit ‚Too Many Friends‚ kann keine noch so zauberhafte Inszenierung retten), bevor einem ‚The Bitter End‚ eben schlichtweg die Energie der Studioversion abgeht – und damit die Kraft tatsächlich emotional zu berühren. Womit das Grundproblem einer an sich absolut nicht unangenehmen Fußnottenplatte zum Abschied auch geradezu demonstrativ auf den Punkt gebracht wird: die Balance aus Zuviel und Zuwenig klappt hier nur für den Hintergrund bedingungslos.

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