Portugal. The Man – Shish

von am 28. November 2025 in Album

Portugal. The Man – Shish

Zurück in die Zukunft: Das eklektische Potpourri Shish erinnert sich an die Attitüde der Frühphase und schlägt damit, von den Fesseln des Majorlabel-Vertrags befreit, ein neues Kapitel für Portugal. The Man auf.

Deswegen davon zu sprechen, Shish eine Platte ist, die zurück an ihre progressiven, sich stets neu erfindenden Wurzeln der Band aus Alaska geht, fühlt sich nicht nur alleine deswegen falsch an, weil mittlerweile nur noch das Ehepaar John Gourley und Zoe Manville offiziell an Bord sind – Kyle O’Quin mag hier noch einige Streicher-Arrangements beigesteuert haben, hat sich aber mittlerweile ebenso verabschiedet, wie Bassist Zach Carothers, der (ja genau genommen schon auf dem Vorgänger weniger Auftritte als Ben Stiller und) aus dem losen Kollektiv aus Musikern ausgestiegen ist, um Fliegenfischer zu werden.
Es ist außerdem auch so, dass die für Mainstream-Erfolge sorgende Pop-Phase von In The Mountain, in The Clouds, Evil Friends, Woodstock und Chris Black Changed My Life in vielen Entscheidungen (von der Produktion bis zu den Melodien) merkliche Spuren auf Shish hinterlassen hat und (kompositorisch wie ästhetisch) auch deswegen nicht die originäre Weirdo-Genialität von Waiter: „You Vultures!“ Sowie seinen direkten Nachfolgern von der Leine lässt.

Allerdings hat Shish tatsächlich bis zu einem gewissen Grad jene Unberechenbarkeit wiedergefunden, die Portugal. The Man in der Frühphase ihrer Existenz auszeichnete. Die 42 Minuten toben sich mit viel Freude an den Dynamiken aus Laut und Leise oder Extro- und Introvertiertheit aus, legen sich in der neu gewonnenen Indie-Freiheit betont uninteressiert an kommerziellem Erfolg in die Kurven des Rock in vielen seiner schillernden Facetten aus – streifen an der Psychedelic, dem Noise oder Garage vorbei, immer mit schrulligen Trademarks intoniert: catchy, schrullig, verquer.
Denali verwandelt mit LoFi-Attitüde gleich als Ansage die fast thrashige Grimmigkeit seines Riffs North of Hell mit Punk-Sensibilität in niedlich scheppernde Zuckerwatte. Der reduzierte Minimalismus von Angoon platzt im Rahmen einer 80er-Synthese voluminös auf, und der shoegazende Ambient Dream Pop von Knik ist auf harmlose Weise angenehm und schön, selbst wenn zur Mitte dann die Verstärker aufgedreht werden und ein Solo abheben darf.

Tatsächlich ist Shish trotz der Zäsur zur Atlantic-Zeit samt der variabler aufgestellten stilistisch Bandbreite trotzdem relativ leicht zu durchschauen, da die meisten Nummern dasselbe, auf den Kontrast setzende Verhaltensmuster an den Tag legen. Typnek mag so etwa zurückgenommen im Elektropop beginnen, findet aber bald eine monströs wummernde Breitseite, derweil das rundere Kokhanockers seine bratzende Gitarren weniger bemüht zu plätschernden Bläsern schlendern lässt, und Father Gub ein ziemlich herrlicher Clusterfuck-Tumult aus an am Freejazz-Gefühl darstellt.
Auf dem Titelstück bleibt von der Shibuya-Helium-Hip-Hop-Party bis zur relaxten Slacker-Lethargie voll optimistisch aufbrechender Hoffnungslosigkeit viel kleben, aber wenig konkretes hängen und passend zu diesem MO zieht Mush den Katamari-Verweis und pflegt einen auf Krawall gebürsteten Punkrocker, der Graham Coxon gefallen sollte, um die Ruhe auf Blur-Alben zu stören.

Durchaus symptomatisch für eine Platte, deren Form und Existenz symbolträchtiger und markanter ist, als das Songwriting an sich wirklich zwingend zu überzeugen weiß. Denn die Freude darüber, dass Portugal. The Man noch einmal ohne Netz und doppelten Boden turnen, wiegt, bei aller Liebe,  doch schwerer als der emotionale Impact.
Das Mahnmal diesbezüglich ist Pittman Ralliers, das mit dem ehemalige Fear Before The March of Flames-Shouter David Marrion (der seines Zeichens mittlerweile zur erweiterten Basis von Portugal. The Man zählt) komplett willkürlich als simpler Hardcore-Rabauke in das Geschehen bricht, vor allem den Job hat, als erschreckende Geste Formatradio-Erwartungen düpiert, an sich aber, ohne wirklich interessant komponiert zu sein, den Albumfluss einfach nur als Selbstzweck stört – da hätte man für ein runderes Ganzes besser auf den Shoegazer V.I.S. zurückgegriffen.
Doch den gut gelaunten All In-Mittelfinger gönnt man Gourley nur zu gern. Schließlich hat er am anderen Ende der Platte ja dafür auch die Pointe parat, Glide und Reach You als hauseigenen Pop-Konsens des Jahres mit dem wunderbar infektiösen Tanana noch auf den letzten Metern auszustechen.

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