Loathe – The Things They Believe

von am 10. April 2021 in Reviews

Loathe – The Things They Believe

2020 haben Loathe aus Liverpool mit ihrem (starken und ambitionierten, aber subjektiv auch doch noch etwas zu unausgegorenen) Zweitwerk I Let It In and It Took Everything für ein ordentliches Workout in der Szene gesorgt. Dort praktiziert The Things They Believe nun stilistisch überraschenden Cooldown.

Anstelle den mit allgegenwärtiger Deftones-Verehrung ausgestatteten Spagat zwischen fettem Metalcore und Alternative Metal bauen Loathe ihre Faszination für instrumentale Interludes weiter und konsequent aus: The Things They Believe ist ein ätherisch-unaufgeregtes Amalgam aus Dark Ambient, Drone-Flächen und assimilierten New Age-Elektronik-Versatzstücken, irgendwo zwischen den Synthieschwaden von Blade Runner und Tim Hecker als Referenzpunkte. Das folgt wie im von Field Recordings durchzogen Don’t Get Hurt einem unheilschwangeren sakralen Wellengang, hypnotisch und sedativ, während The Year Everything And Nothing Happened wie eine weniger düstere Aussicht auf Silent Hill anmutet. Letzterer Song scheint dann auch symbalosch für die Existenz der Platte zu stehen – einem Werk, das in einer Zeit entstanden ist, da Loathe eigentlich auf der Bühne die Früchte ernten hätten sollen dürfen, die ein durch die Decke gehendes Zweitwerk säte; einem gefühlten Intermezzo zwischen den Hauptwerken.

Das ist dann zwar genau genommen nichts, was man im Genre nicht kennen würde, aber doch zu jeder Sekunde sehr kompetent gemacht, voller subversivem Understatement und Sachverstand. Der tolle surrealistische Kopfkino-Score The Things They Believe driftet so zwar vielleicht immer wieder ein wenig zu beiläufig in den Hintergrund und verankert wenige prägnante Szenen aktiv  im Gedächtnis, funktioniert aber assoziativ. Wenn etwa ein unwirklich-verträumtes Saxofon von The 1975-Kollaborateur John Waugh durch den in Zeitlupe fliesenden Äther von Love in Real Time fließt, Black Marble eine dystopische flimmernde Reznor-Brandung mit percussiver Ahnung erzeugt, Keep Fighting the Good Fight von der drohenden Rezitation mit sphärischen Streichern und Chören trotz einiger mäandernder leerer Meter zur stellaren Sigur Rós’schen Klarheit findet…
Der Eklektizismus ist insofern kein negativer Aspekt einer Talentproben-Platte, die gerade im Kontext der Diskografie von Loathe einen wunderbaren Ausgleich bietet; mehr noch – der das Potential der Band auf eine breitere Ebene hebt und die Aussichten auf das Drittwerk der Briten noch interessanter macht, als es bisher bereits ohnedies schon der Fall war.

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