Ryley Walker – Primrose Green

von am 16. April 2015 in Album

Ryley Walker – Primrose Green

I think I get some shit sometimes for wearing my influences on my sleeve, but I hope people can see that I really love music.“ sagt Ryley Walker – seines Zeichens der vielleicht größte Traditionalist, den die Folk-Szene derzeit zu bieten hat.

Was er damit meint: ‚Primrose Green‚, das Zweitwerk des aus Chicago stammenden, so virtuos zwischen allen Techniken gleitenden Ausnahmegitarristen, ist ein vollends aus Zeit und Raum gefallenes Genrekunststück geworden, dass man ohne zusätzliche Hintergrundinformationen anstandlos in die späten 1960er datieren und dessen Ursprung man wohl auf den britischen Inseln suchen würde, es anstandslos als einen vergessenen Schatz einer vergangenen Epoche annnehmen, die nächste Zeitkapsel nach Lewis‚ ‚L’Amour‚. Denn Folk meint hier noch Folk – klassischen, traditionellen Folk; nicht das konsumentenfreundliche, eindimensionale Gedöns, mit dem Mumford & Sons, Mighty Oaks und Konsorten dem Genre seit Jahren einen unappetitlichen Beigeschmack zu verpassen versuchten. Selbst ein Sufjan Stevens klingt hiergegen irritierend modern. Weswegen die Vorbilder des 25 jährigen Walker auch weiter in der Vergangenheit zu suchen sind, als bei seinen radiotauglichen, vermeintlichen Genrekollegen, aber sich noch leichter identifizierbar präsentieren.

Gleich der einleitende Titelsong lässt da mühelos vergessen, dass Nick Drake bereits 15 Jahre starb, bevor Ryley Walker überhaupt geboren wurde, das Vermächtnis von Tim Buckley ist unmittelbar allgegenwärtig. ‚The High Road‚ verbeugt sich tief vor Jackson C. Frank und Bert Jansch, instrumentale Fingerübungen wie ‚Griffith Buck’s Blues‚ positionieren sich näher noch als an Zeitgenossen wie James Blackshaw an alten Gitarrenmeistern wie Jack Rose oder John Fahey. Im proggigen Fluss von ‚All Kinds Of You‚ treibt Walker im Gedanken an Van Morrison, und vor allem aus  den jazzig befeuerten, gleichzeitig hochkonzentzriert erbauten und doch so zwanglos schlendernden Passagen wie etwa in ‚Summer Dress‚ tröpfelt unverhohlen die Quintessenz der ‚Astral Weeks‚.
Kurzum: ‚Primrose Green‚ ist eine Platte geworden, die ihre Einflüsse ohne jedweden Versuch sie zu kaschieren durchaus neugierig, aber ohne in Ehrfurcht zu erstarren vor sich herträgt.

Was man Walker dabei eventuell vorwerfen könnte ist, dass er gelegentlich dazu tendiert, sich seinen Songs durch seine musikhistorische Sozialisierung bedingungslos geprägt beizeiten von einem zu analytischen Standpunkt zu nähern: eine solche Spontanität und impulsive Verspieltheit, die etwa das auch für seine unkonventionellen Aufnahmesessions legendär gewordene ‚Astral Weeks‚ ausstrahlt, kann ‚Primrose Green‚ nicht vermitteln, ohne deswegen gleich hüftsteif oder verkopft zu klingen. Dennoch würde es Walker eventuell gut tun, wenn er sich auch einmal kopfüber in eine Komposition stürzen würde. Ein unfairer Vergleich natürlich ohnedies, aber einer – und das spricht nicht gerade gegen ‚Primrose Green‚! – der sich eben aufdrängt.
Denn auch, wenn dieses Zweitwerk an die Strahlkraft – die Magie! – der überlebensgroßen Vorbilder nicht heranreicht, ist Walker hier alleine schon deswegen ein Triumph geglückt, weil die versammelten 40 Minuten nicht vor den gigantischen Referenzen einknicken. Dazu kommt, dass der Entwicklungsschritt seit dem letztjährigen Debüt ‚All Kinds of You‘ ein immenser ist.

Walker hat ein weitreichenderes Gespür dafür entwickelt, wie er seine Kompositionen mit Arrangements und Harmonien auszustatten hat um sie auf die nächste Ebene zu heben und umgibt sich auf ‚Primrose Green‚ deswegen mit einer Wagenladung an grandiosen Jazz- und Blues-Musikern, die jeden Song auf technisch imposante Art und Weise auskleiden, Walker die Möglichkeit geben, als zielloser Wanderer durch die erschaffene Atmosphäre und ein stimmungstechnisch enorm vitales Kopfkino schweben zu lassen.
Co-Gitarrist Brian Sulpizio und CO. nehmen sich da für liebliche Schwärmereien wie ‚On The Banks Of The Old Kishwaukee‚ angenehm zurück, nur um gleich darauf in ‚Sweet Satisfaction‚ einen sich langsam zusammenbrauenden, bis an eng angezogenen Rock heranreichenden Wirbelsturm loszutreten, in dem sich Piano, Vibraphon, Cello, Bass und Schlagzeug  (Drummer Frank Rosaly ist generell der gar nicht so heimliche Held der Platte!) zu einem Free-Jazz Monstrum aufbäumen. Walker dient seine Stimme darin eher als zusätzlicher Baustein im Instrumentenwirbel – und vielleicht ist es auch gerade dieses Element, das, weil stellenweise zu theoretisch veranlagt, dazu veranlasst ‚Primrose Green‚ vor allem mit staunenden, träumenden, nostalgischen Ohren zu hören, anstatt mit von Gefühlen überwältigten. Am intimsten wird Walker nämlich immer dann, wenn er ausnahmslos durch seine Gitarre spricht.
Und auch, wenn damit am Ende ein vor allem eklektisches Genrewerk im Stil der großen Meister steht, verzaubert der seinen Wurzeln so verbundene Walker letztendlich vor allem tatsächlich dadurch, dass man ‚Primrose Green‚ die Liebe, die er in jedes Detail seiner Platte gesteckt hat, stets anhört: Den Mann umgibt eine anachronistische Authentizität.

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