Tobias Jesso Jr. – Shine
Everything May Soon be Goon: In den zehn Jahren seit seinem vielerorts als veritablen Klassiker betrachteten Debüt war Tobias Jesse Jr. als ausgezeichneter Songwriter hinter dem Rampenlicht allgegenwärtig. Für Shine, sein nicht mehr für möglich gehaltenes zweites Soloalbum, hat er (ungeachtet des wohl größten Jumpscare-Terrors 2025) jedoch ein paar der vermeintlich eher langweiligeren Kompositionen auch für sich selbst aufgespart.
Dass zumindest der erste Eindruck, den die Platte trotz ihrer Kompaktheit von gerade einmal 28 Minuten in Summe vermittelt.
Alle Songs sind wohlklingend, auf sentimentale Weise in eine romantische Nostalgie verführend, sind eine gefühlvolle Einkehr in verletzlichen Seelenbalsam. Man darf wieder an Randy Newman, Chris Martin oder Paul McCartney denken – und nicht nur Rain oder das R&B-affine Green Eyes deuten an, Potential für ergreifende Cinemascope-Introspektiven in Händen anderer, expressionistischer veranlagter Musiker aus dem konventionellen Mainstream entfalten zu können.
Was selektiv alles sehr fein, sogar fast ein bisschen berührend ist, am Stück aber durch das schleichend getragene Tempo und eine selbstmileidige Harmlosigkeit, in der die große Geste die gleiche Dramatik und Dynamik wie die kleine Fürsorglichkeit zeigt, schlichtweg sehr rasch ziemlich langweilig werden kann.
Die unterwältigende Wirkung von Shine liegt auch am sich selbst mutwillig limitierten Konzept einer Platte, die den heute 40 jährigen Songwriter nur durch einen proklamiert neuerlichen schweren Herzensbruch zurück ins Rampenlicht gespült hat.
Jesso Jr. mag zwar mittlerweile in den Credits von Veröffentlichungen von Justin Bieber und FKA Twigs über Dua Lipa und Bon Iver bis hin zu Adele, Harry Styles und Orville Peck auftauchen, doch gerade deswegen wollte er weitestgehend auf sich alleine gestellt ein betont nacktes, minimalistisch gehaltenes Album aufnehmen, das (abseits des ersten Videos) ohne seine prominente Kundenkartei und Freundesliste auskommt. (Was angesichts der mitwirkenden Musiker aber wohl nur zum Teil gelang).
So hat er sich in DIY-Home-Demo-Manier an das Piano gesetzt – ein altes Steinway, das er um 800 Dollar auf Craigslist erstand, selbst restaurierte, und das mit seinem bezaubernd warmen Klang nun praktisch den einzigen Begleiter für den Kanadier während seiner acht neuen Solo-Songs darstellt – und bestenfalls auf First Take-Versuche bei den Aufbahmen zurückgegriffen.
Allerdings mäandern die Stücke nun feinfühlig mit mitunter arg banalen Text-Schablonen, geben sich wie in Everything May Soon Be Gone liebenswürdig sanft, zartbesaitet melancholisch und auf geradezu naive Weise existenziell, finden emotional aber einfach nicht den Knackpunkt jenseits der Berieselung, wirken unfertig.
Ein Black Magic scheint da mit seiner hicksenden Hibbeligkeit und den erahnbar mitschrammenden ziselierten Texturen zudem lange Zeit wie der radikalste Ausbruch aus der Monotonie – bis das zauberhaftes Kleinod I Love You die Ruhe plötzlich mit Drumssalven auseinanderfetzt, die klingen, als würde eine Pistole mit zuschlagenden Autotüren geladen sein. Auf den erschreckend-irritierenden Erstkontakt herrscht da massive Herzinfarktsgefahr.
Und ja, die durch einen exzessiven Trip geborene Idee von Jesso Jr. ist eigentlich komplett willkürlich aus dem Rahmen fallend. Aber sie reinigt auch dringend nötigst die Wahrnehmung: Man kann die Anmut und Schönheit, die der fragile Closer mit vagen Becken-Schraffuren zurückbringt, plötzlich viel besser zu schätzen wissen! Wäre Jesso Jr., der seine seine Donner’sche Deutungshoheit hinsichtlich des Erstlings ja mittlerweile verloren zu haben scheint, mehr derartige Risiken eingegangen, es hätte Shine nicht nur deutlich spannender und interessanter gemacht, sondern auch die kathartisch gemeinte Ader der Platte jenseits der Komfortzonen-Ästhetik freigelegt.


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