VCMG – Ssss

von am 10. März 2012 in Album

VCMG – Ssss

Dreißig Jahre nach der gemeinsamen Zeit bei Depeche Mode sind die Streithähne Vincle Clarke und Martin L. Gore wieder vereint – um sich ihr eigenes, kleines Retro Techno Album zusammenzuschrauben.

Die Faszination, die Gore für analoge Synthesizer und bei anderen Elektronikern längst am Dachboden dahinschimmeldes Soundequipment hegt, konnte das so durchwachsene letzte Depeche Mode Album ‚Sounds of the Universe‚ nicht kaschieren, weil es viel zu beschäftigt damit war, große Rocksongs vorzugaukeln. Insofern könnte der Zeitpunkt von Vince Clarke goldrichtig gewählt gewesen sein, um Gore mit Demoversionen eines Technoprojekts zu überraschen; neue Perspektiven eben. Noch überraschender: die einstigen Bandbuddies, die 1980 gemeinsam eine Synthie-Teenband aus der Taufe hoben um in weiterer Folge eine Trennung samt hässlicher Begleiterscheinungen wie Songwritergeburtsschmerzen erleben zu müssen und  in den letzten Jahrzehnten via  Depeche Mode Geschichte bzw. als Erasure und Yazoo gute Melancholiepopsongs geschrieben haben – die machen auf Albumlänge tatsächlich wieder gemeinsame Sache.

Ssss‚ hält sich soweit jedoch gar nicht mit der bisherigen Discographie der beiden Szeneikonen auf, schielt vom ersten Moment an mit nostalgischen Augen unverhohlen auf den Dancefloor, fährt die passenden Beats auf um die ganze Nacht in Trance durchzutanzen. Gore und Clarke haben eine anstandslose Technoplatte zusammengeschraubt, minimalistisch in ihrer Ausführung, drückend in ihrer Konsequenz. Vocals benötigt niemand, der solch schillernde Synthiewände auffahren kann, so konsequent das Rhythmusgefühl bedienen will. Die glitzernde Melodie im pluckernden ‚Single Blip‚ bleibt einzige Erinnerung und die Ausnahme im oszillierenden Soundgewirr; es bleibt wenig hängen, weil Hooks und Melodien nur eine nicht erforderliche Begleiterscheinung sind. Irritierende Effekte grätschen in die pumpenden Analogbauten, kündigen vom nächsten Energieschub. ‚Ssss‚ ist ein Album das vordergründig auf den Tanzflächen dieser Welt funktionieren wird, abseits davon auch keine wirkliche Bindung zum Hörer sucht. Feldversuche müssen  die eigentlichen Qualitäten der Kompositionen erst unter Beweis stellen, womit man in dieser Bedingungslosigkeit nicht unbedingt gerechnet hätte.

Das so unwahrscheinliche Duo Clarke Gore verhebt sich deswegen auch in erster Linie an der an sie gerichteten Erwartungshaltung. Denn ‚Ssss‚ ist keineswegs so belanglos und abseits der Zeitüberbrückung im DJ Set unhörbar, wie es teilweise dargestellt wird. Nur eben weniger gut, als es ob seiner Schöpfer sein könnte – um eben nicht zu sagen aufgrund der Reputation der beiden Synthielegenden auch sein müsste. Mit einem Popalbum hätten die beiden aber wohl nur verlieren können, also die Erwartungshaltungen lieber gleich komplett umschiffen.  ‚Ssss‚ will so gar nicht erst kaschieren, dass die Inspiration der beiden in der Vergangenheit schlummert, das Album trotz Zukunftsvisionen streckenweise dezent altbacken daher kommt und es zuhauf junge Elektroniker da draußen gibt, die das Rad spannender kurbeln, selbst alte Recken wie Underworld innovativer die Köpfchen drehen. V(ince)C(larke)M(artin)G(ore) kümmert dies nicht, das Zustandekommen der gemeinsamen Arbeit  wiegt künstlerisch schwerer denn Anerkennung. Die Aufarbeitung einer Epoche, die man nicht zusammen erlebt hat gelingt. Und wen soll man schon groß beschuldigen, wenn grundsolide in diesem Fall nur nicht ganz genügt.

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