Villagers – {Awayland}

von am 16. Januar 2013 in Album

Villagers – {Awayland}

Conor O’Brien schwimmt sich mit dem zweiten Album seiner Solo-Band Villagers von Erwartungshaltungen seitens der Folk-Ecke frei und scheitert mit weitestgehend grandiosen Einzelsongs in aller Schönheit daran, ein restlos überzeugendes Gesamtwerk vorzulegen.

{Awayland}‚ bleibt ein im Grunde seiner Seele zerrissenes Stückwerk: in der Vielfalt seiner Ideen, in seinen Ambitionen. Vor allem aber zwischen den stetig vorhandenen, überragenden Einzelmomenten und der sich daraus ergebenden Summe, in denen die Teile des Puzzles vor allem auf Albumlänge per se kein schlüssiges Gesamtbild ergeben wollen. Der rote Faden zwischen den Kompositionen, er ist zu selten vorhanden, eine Sogwirkung als logische Konsequenz des zur Schau gestellten Tatendrangs soll nicht entstehen – ‚{Awayland}‚ springt unschlüssig zwischen dem Beweis, dass O’Brien zu den talentiertesten Songwritern seiner Generation gehört und der Tatsache umher, dass der Versuch sich von Erwartungshaltungen, den stetigen Bright Eyes- und Conor Oberst-Vergleichen loszulösen zwar gelingt, jedoch gemäß: „Operation gelungen, Patient verstört.

Als Sinnbild des vorherrschenden unsteten Parchwork-Charakters darf der instrumentale Titelsong herhalten, welcher nur kurze Zeit damit liebäugelt, jene Sorte leidvoller Gitarrenkathedrale zu sein, mit der The Walkmen ihre schmissigen Nummern immer wieder kontrastieren – bevor dieser den Albumfluß ausbremsende Stopper zwischen Ansätzen und Ideen konturlos zerfließt. Gerade hier zeigt sich jedoch auch, dass der vielgelobte Ire sich auf dem zweiten Album seiner mittlerweile schon stärker danach riechenden, aber immer noch nicht restloses Band-Flair verströmenden Villagers einiges zutraut und viele Dinge ausprobieren möchte, koste es was es wolle – wodurch ‚{Awayland}‚ zu einem reich ausstaffierten Album wird, auf dem es zahlreiche Geheimnisse zu entdecken gibt und manche nie Preis gegeben werden und jeder Makel seine eigenen, insgeheimen Qualitäten hofiert.

So knüpft der spartanische, mehrstimmige Gitarrenfolk von ‚My Lighthouse‚ noch annähernd nahtlos an ‚Becoming a Jackal‚ an, und das, obwohl der Albumopener abbricht, bevor seine mäandernde Reise tatsächlich beendet ist – und doch führt er damit  auf eine falsche Fährte, kennt O’Brien danach doch keine Einschränkungen mehr. ‚Earthly Pleasure‚ ist ein verspulter Hit, ordentlich verschroben mit seinen geschickt umgerührten Hooklines. Hier wird sorgsam nebeneinandergeschlichtet und wieder umgeworfen, ein leiser Flirt mit der Technik tritt ins Rampenlicht – eigentlich ein tanzbarer Floorfiller, wenn sowas den Villagers denn ins Haus käme. Noch elektronischer gerät ‚The Waves‚, mit seinem stetigen Percussion-Pluggern, Conor singt dazu sanft eine betörende Melodie und kommt im Refrain stolperndem Rap sehr nahe, bevor die Abzweigung gen Rock genommen wird und die sirenenartige Gitarre in die Kakophonie heult. ‚Judgement Call‚ chiffriert seine Ideen hinter dem simplen Folkrock zu genau, was niemanden davon abhält, dem Stück ein hymnisches Finale samt Chor und Streichern zu gönnen. Geheimnisvoller Western-Song und Suspence-Noir-Thriller in einem ist dann ‚The Bell‚, hat dabei aber einen unheimlich geschmeidigen Killerrefrain und eine mit viel Tratra aufmarschierende, unkonventionelle Auflösung an Bord.

Der sexy Bassgroove bleibt das Highlight im unspektakulären ‚Passing A Message‚, ‚Grateful Song‚ schwingt sich als Ausfall getragen zu epochaler Ausbreitung auf. Seinen größten Hit hat ‚{Awayland}‚ zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich: ‚Nothing Arrived‚ verdeutlicht als erste Single, wie leicht es sich Villagers generell hätten machen können: ein charmanter, pianogetriebener Ohrwurm mit großem Text :“I waited for something / And something died / So I waited for nothing / And nothing arrived„. So hätte wohl die erwartete Ausbauung des schüchtern-betörenden ‚Becoming a Jackal‚ in vielen Imaginationen ausgesehen, zumal O’Brien das Szenario kurz vor allzu theatralischem Kitsh einfach abbricht. Das tut er auch im abschließenden ‚Rhythm Composer‚, das sich als reichhaltiges Sufjan Stevens-Folkpop-Stück wohl fühlt, bevor doch noch einmal der Laptop angeschmissen wird. ‚In A Newfound Land You Are Free‚ zeigt davor die „alten“ Villagers von ihrer besten Seite, webt eine zurückgenommene Schönheit aus Gitarre, Klavier und O’Briens betörenden Texten zu einem erhabenen Kleinod.

Hört jemand die letzten Scott Walker-Alben in Unkenntnis dessen zugänglicher Frühwerke und bekommt dann erzählt, dass diese personifizierte und ultimative Verweigerungshaltung während Walker’s Anfangstagen durchaus massentauglich konsumierbar geklungen hat – nicht wenige könnten bei dieser Überraschung Alben im Gedanken ersinnen, die sich annähernd wie ‚{Awayland}‚anfühlen. Ist das zweite Werk der Iren doch  ist ein mutiges Album geworden, wohl auch ein immens wichtiges für die weitere Villagers-Entwicklung. Es sperrt und sträubt sich innerhalb seiner Grenzen an vielen Ecken und Enden und bezieht doch einen nicht geringen Teil seines stetig wachsenden Reizes ausgerechnet aus dieser zurückbleibenden, ausgefransten Ratlosigkeit als zerissenes Stückwerk – in all der Schönheit.

07

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