40 Watt Sun – Wider than the Sky

von am 10. November 2016 in Album, Heavy Rotation

40 Watt Sun – Wider than the Sky

Zu den schnellsten Veröffentlichern hat Melancholiker Patrick Walker ohnedies noch nie gehört. Derart eklatant viel getan, wie in den knapp 5 Jahren, die es nun gedauert hat, bis der Engländer The Inside Room, diese wunderbar erschöpfende Fackelübergabe von seinem einstigen (demnächst reaktivierten) Flagschiff Warning, überwinden konnte, hat sich dann allerdings zuvor auch noch nie: Das getragene Zweitwerk von 40 Watt Sun gießt seinen mächtigen Doom in eine völlig neue Erscheinungsform.

Wo sich live bereits ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen begann, sind auf Wider than the Sky die unerbittlich dröhnenden, bedrohlich verzerrten Doom-Breitseiten nun traurig angeschlagene Akustische und klar funkelnd klingenden Gitarren gewichen, deren Verstärker auf wärmender Zimmertemperatur laufen, eine immanente Ruhe und Besinnlichkeit hofieren. Wo sich früher monströse Wall of Sound-Wälle auftaten, herrscht nun eine direkte Nahbarkeit, die pure Symbiose aus Bass, Schlagzeug, Gitarre und Walkers in die Einsamkeit singende Zauberstimme wird in eine weiche, differenzierte Produktion gebettet. Eine stillere Niedergeschlagenheit hat sich so über die verzehrende Dichte gelegt, vielleicht sogar den Horizont ein klein wenig gelichtet: Ein vergleichender Blick auf das Artwork von The Inside Room und seinem dezent weniger finster wirkenden Nachfolger rückt die Perspektiven gerade. Doch ob man sich aus dem Unwetter entfernt hat, oder gerade im Auge des Sturms befindet, bleibt letztendlich offen.

Denn auf Wider than the Sky zelebriert Walker mit seinen kongenial den Rhythmusunterbau liefernden Kompagnons William Spong und Christian Leitch zwar zum Sterben anmutigen Slowcore, der sich stilistisch, ästhetisch und gefühlsmäßig weitaus verbundener zu Folk-affinen Kollegen wie Tenhi, Sun Kil Moon, den Angels of Light, Savoy Grand oder Songs: Ohia positioniert, als zu klassischen Doom-Vertretern wie etwa Pallbearer. Doch darf man dabei nicht übersehen, dass, wenngleich Walker auch andere Wege gefunden haben mag um seine inneren Dämonen auszudrücken, der Charakter seines Songwritins dahinter eigentlich unverändert, monolithisch und erdrückend, geblieben ist; Sich dessen einnehmendes, übermannendes Gewicht und seine schier endlos ausgebreitete Weite nun nur anders gekleidet hat. Optimismus und Hoffnung glimmern da weiterhin höchstens dezent unter der immerwährenden Traurigkeit, wenn sich 40 Watt Sun in tiefster Bekümmertheit immer wieder zu Momenten überwältigender Schönheit schleppen, sich zerbrechliche Melodien abringen, die gleichzeitig so unsagbar tröstend anmuten, wie sie einem gnadenlos das Herz brechen können. Wider than the Sky wächst, als hätte Walker all seine Trademarks und Stärken für Wider than the Sky destilliert, auf das Wesentliche beschränkt. Und derart reduziert inszeniert klang die betrübte Melancholie des 38 Jährigen paradoxerweise vielleicht sogar nie schonungsloser und auf unmetallische Art heavier als hier.

Schon der Einstieg gerät da kräftezehrend kompromisslos: Das eröffnende Stages treibt die ersten 6 seiner 16 Minuten Spielzeit über einen melodisch repetitiven Wellengang, zu gleichen Teilen abgekämpft wie mit sich selbst im Reinen. Es sind minimale Betonungen im Spiel der Band, die das an sich simplizistisch strukturierte Spektrum verschieben, es zwischen Lethargie und Aufbegehren schwanken lassen, während die Intensität der Atmosphäre gefangen nimmt, in Trance versetzt, eine regelrecht transzententale Wahrheit in sich trägt, in die man sich verlieren kann.
Wenn 40 Watt Sun nach einiger Zeit das Licht am Ende des Tunnels zu sehen beginnen, scheint längst alles Gewicht der Welt auf den Schultern des herzzerreisenden Romantikers Walker zu liegen – wie  beruhigend, wohltuend und schmerzlindernd diese ergreifende Tortur letztendlich sein kann, entlässt dann aber doch schlichtweg erschöpfend.
So if you want to surrender, then I will too/ Or if you want me to carry on, then I will do./ And the night falls around us/Pressing us apart/ With the weight of silence/Such is my love for you.“ folgen 40 Watt Sun Walkers Texten, um letztendlich vor einem vermeintlichen Ausbruch zu stehen, der sich instrumental selbst in aller Stille zur introspektiven Versöhnlichkeit beruhigt, den Finger in die Wunde schiebt und zum Kern der Dinge vordringt: „The heart of the matter, that the both of us can’t hide/ Beats on against us/ With the rhythm of the tide/ And through this apathy/ Wider than the sky/ I’m feeling everything like nothing in my life„.

Wo andere Bands in die Nacht entlassen, fangen 40 Watt Sun also erst an. Walker entblößt textlich seine Narben, und dennoch zaubert Wider than the Sky immer wieder ein verhaltenes Lächeln der zuversicht ins Gesicht. „Take what you need/Or all you can save/All you ever wanted will burn in a blaze/ Look not for the ending/ The end is unmade/ All you ever lived for will carry these days/ Far beyond the ties of time.“ sinniert Walker im folgenden Beyond You, schraubt den Song vor seinem behutsam perlenden Finale zu verletzlichen Höhepunkten und klingt dabei in seiner hingebungsvollen Gebrochenheit und Intimität derart wahrhaftig, als könnte er sein Seelenleben gar nicht unkaschierter ausbreiten: „Whatever love will take apart/Beyond these precious moments/These alone are undivided„.
Das stoische Another Room schmiedet in seiner schleichenden Tristesse die gravierendsten Allianzen mit Earth und deren Zeitlupen-Americana-Gemälden, ist allerdings auch in erster Linie eine Leinwand für die Poesie des Mannes aus Essex. „The lyrics, the words come first. That’s what it’s all about for me; that’s the most important thing; the bedrock of my self-expression. The music follows that.“ erklärt Walker und schickt den Song wie zum Luftholen für Sekunden an die Sonne. Freilich nicht, ohne ihn in eine Abwärtsspirale zu verwickeln: „And I’m starting on the inside/There’s not life enough/Under the in-between.

Sicherlich setzt diese 62 minütige Reise grundsätzlich die passende Stimmungslage voraus, um richtig greifen zu können und seine Sogwirkung zu entfalten. Ist Wider than the Sky doch nicht zu jedem Zeitpunkt davor gefeit, aufgrund seiner gleichförmigen Gangart, patentierten Melodiefolgen und exaltierten Spielzeit die eine oder andere Länge vorzuweisen. Ein Manko, das natürlich relativ zu sehen ist, weil gerade auch diese Muster zur Homogenität der Platte beitragen.
Zudem: Selbst das lange beglückend mäandernde, erst spät verhalten-hymnisch aufmachende Craven Road spielt hier in seiner unaufgeregten Authentizität in einer eigenen Liga, entlohnt jede Sekunde Aufmerksamkeit mit einem Schwall an Emotionen. Dazu kurbelt Walker ohnedies immer wieder subtil die Gesamt-Dynamik an, wenn etwa Pictures mit seinen bluesigen Nuancen im Kontext regelrecht impulsiv nach vorne schreitet, sich fast schon unaufgeregt in seine Rockigkeit legt und unterbewusst fesselnd treiben lässt, oder Marazion mit gerade einmal 4 Minuten Spielzeit unüblich kompakt und schmissig aus Wider the the Sky entlässt, weil der Schmerz nach all den unangestrengt geborenen Kraftakten auf den Punkt gebracht wird: „But the pain that I never rise above/ I thought it the measure of my love/But I’ve loved you more than that„.
In Summe gelingt Walker mit Wider than the Sky somit, was man sich auch nach der schier endlosen Wartezeit kaum zu erträumen wagte: Ein Meisterwerk, das ebenbürtig zu Watching From a Distance steht, sich dem Vergleich mit dem bisherigen Referenzwerk seiner Discografie aber geschickt entzieht und auf eigenen Beinen steht, indem es sich von allen Doom-Korsetten emanzipiert. Dass Wider than the Sky sich zu einem unerschütterlichen Begleiter für die dunkelsten Stunden des Lebens auswachsen wird, steht insofern weniger in Frage, als ob dieses Album nicht in Wirklichkeit bei jeder Begegnung den Hörer selbst immer ein Stück weiter in die abgrundtiefe Melancholie zieht.

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