Motorpsycho – Here Be Monsters

von am 17. Februar 2016 in Album

Motorpsycho – Here Be Monsters

Es scheint, als hätten die drei grandiosen Spidergawd-Alben den Drang von Bent Sæther und Kenneth Kapstad auf zupackenden Rock vorerst weitestgehend gestillt. ‚Here Be Monsters‚ lässt es über weite Strecken zumindest deutlich entspannter angehen, als das Gros der restlichen Discographie der Norwegischen Institution. So sehr gar, dass man sich durchaus fragen darf: Sind Motorpsycho hiermit nun gar in ihrer altersmilden Spätphase angekommen?

Eine Entwicklung, die angesichts der pünktlich zum letztjährigen Jubiläum erfolgenden Zäsur mit der gelungenen Werkschau ‚Supersonic Scientists‚ einerseits durchaus schlüssig erschiene, andererseits auch ohnedies angekündigt war: man erforsche nun überwiegend ruhige Gefilde, ließ die Band aus Trondheim im Vorfeld ihres eventuell 17. regulären Studioalbums verkünden.
Mit welcher Konsequenz – oder eher: unangestrengten Leichtigkeit! – sich Motorpsycho nun aber in den dösenden Sog der Platte fallen lassen, sich in einen frühlingshaft relaxten Flow spielen, der den monströsen Trademark-Rock von Sæther, Ryan und Kapstad über weite Strecken schlichtweg zur nicht angestrebten Nebensache erklärt, das überrascht dann aber doch. Motorpsycho erfinden sich damit rund um ihren unverwechselbar klingenden Korpus wieder einmal ein Stück weit neu, mit Hilfe eines weich fließenden Growers einer Platte; keinem überwältigenden Monstrum wohlgemerkt, sondern einer sich klammheimlich anschmiegendem Traumlandschaft, die barrierefrei dazu verleitet, in ihre Klangwelten abzudriften.

Dabei kristalliner sich alsbald der wunderbar luzid-treibenden Albumfluss als das eigentliche Highlight der homogen in sich geshlossenen Platte heraus. Die beiden knapp einminütigen Piano-Miniaturen ‚Sleepwalking‚ und ‚Sleepwalking Again‚, sowie auch das sechsminütige Psychedelik-Instrumental ‚Running With Scissors‚ (entgegen dem Titel eine vollständig ungefährlich und uneilig um seinen Kern trippende Meditation, die ohne Knackpunkt den ungezwungenen Charaktere von ‚Here Be Monsters‚ wohl ideal auf den Punkt bringt und letztendlich bezaubernd friedfertig in wohligen Flötenklängen aufgeht) mögen da für sich genommen wie unfertige Skizzen wirken, funktionieren aber tatsächlich als vitalisierende Brücken zwischen den herausragenden Songinseln der Platte.
Lacuna/Sunrise‚ gibt da als eine an ‚Let Them Eat Cake‚-in-dezent-düsterer erinnernde Reminiszenz an die Pink Floyd der 1970er die Stimmung vor. Der nasal-verletzliche Gesang schmiegt sich an zärtliche Backgroundharmonien, der zum Niederknien erhabene Refrain bettet sich in ein wärmendes Meer aus souligen Orgelklängen, die Gitarren wandern hippiesk durch das weihevolle Ambiente. Erst in ‚I.M.S.‚ (bedeutet: Inner Mounting Shame) lassen sich Ryan und Sæther dann von dem behände Druck machenden Kapstad aus der Reserve locken und proggen mit gelöster Handbremse, nichtsdestotrotz näher an den Motorpsycho von vor ‚Little Lucid Memories Moments‚ – nur die aus dem Setzkasten entlehnte Gesangsmelodie entpuppt sich als etwas vorhersehbare Schwachstelle, selbst  wenn sie die folgende Coverversion von H.P. Lovecraft’s ‚Spin, Spin, Spin‚ nahtlos einleitet: Motorpsycho schillern hier vier Minuten in mehrstimmiger, flowerpowernder Luftigkeit, die Akustikgitarren lassen sich nur zu gelöst durch den luftigen Song tragen.

Zu diesem Zeitpunkt kann ‚Here Be Monsters‚ allerdings (alleine wegen deiner subjektiv empfundenen Spärlichkeit an übermannenden Songs) bereits durchaus ernüchternd wirken, nicht die Schwere und Tragweite besitzen, die man von Motorpsycho erwartet und kennt. Eine Einschätzung, die sich einerseits langsam entfaltend durch die sich verselbstständigende Gesamtdynamik des Albums zumindest weitestgehend revidiert (‚Here Be Monsters‚ ist ein Album der Band, dass man vor allem am Stück hören wollen wird, das Gesamterlebnis ist die Erfahrung, nicht wie zuletzt einzelne Songs) und andererseits durch den abschließenden Monolithen ‚Big Black Dog‚ ohnedies noch nachhaltig niedergewalzt wird: Das ‚The Wheel‚ der Platte erklimmt über einen feierlichen Aufstieg aus dem nebeligen Tal die Bergspitze im Sonnenlicht, passiert Melotron und hymnische Harmonie, „Sunlight, please warm me/ Cold emptiness is out there in the fog/Sunlight, please save me/ please keep me safe and stay„. Dann plötzlich ziehen Motorpsycho einen unverrückbar wachsenden Wuchtschieber, ein Musterbeispiel sich auftürmender, außerweltlich fesselnder Rockmusik auf: „Into the void we have to travel„. Und richtig, die Band schleppt sich mit stoischem Groove und hypnotischer Bannkraft wieder einmal mitten hinein ins Nirwana, so, wie niemand sonst das kann.

Dass Motorpsycho nicht einmal nach diesen kurzweiligen 18 Minuten unbedingt einen auslaugendes Gefühl hinterlassen, ist symptomatisch für eine Platte, die nicht die Intensität der besten Discographie-Momente erzwingt (vielleicht fehlt tatsächlich das letzte Quäntchen Genie des zeitlich verhinderten ‚The Death Defying Unicorn‚- Tastenmannes Ståle Storløkken, mit dem gemeinsam der überwiegende Teil des hier versammelten Materials zur Hundert Jahr Feier des  Norwegischen Technischen Museums 2014 eigentlich entstanden war) und sich wieder weniger auf Jamexzesse und spontanes Muskelspiel verlässt als seine Vorgänger. Das darf einen freilich nicht in falscher Sicherheit wiegen: Selbst wenn die Norweger hiermit in einer versöhnlich milden Spätphase angekommen sind (oder nur in der ausgewogenen Assimilierung des diesmal zurückhaltender agierenden Kapstad), deutet weiterhin nichts darauf hin, dass es mit ihnen jemals nicht herausfordernd und großartig werden könnte.

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2 KommentareKommentieren

  • Jürgen - 24. Februar 2016 Antworten

    Treffende Plattenbesprechung. „Big Black Dog“ mit „The Wheel“ in Verbindung zu setzen passt genau. Kleine Korrektur: Die erwähnte frühere Platte heißt nicht „Little Lucid Memories“, sondern „Little Lucid Moments“. Ich würde übrigens nicht auf eine altersmilde Spätphase wetten. Die Band ist immer wieder anders als erwartet und schafft es, auch langjährige Hörer zu überraschen – sei es mit oder ohne Kollaborationen mit anderen Musikern. Welche Musiker sonst schaffen das nach über 25 Jahren unglaublich spannender Veröffentlichungen?

  • Oliver - 24. Februar 2016 Antworten

    Damn – wie konnte der Fauxpas denn passieren?! Danke für die Korrektur in jedem Fall, wird sofort ausgebessert!

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