Ails – The Unraveling

von am 19. Mai 2018 in Album

Ails – The Unraveling

Progressiver Black Metal mit atmosphärischem Rundumblick: Die Bay Area-Vorreiterinnen Laurie Sue Shanaman und Christy Cather steigen über The Unraveling mit erhebender Brutalität wie der Phoenix aus der Asche ihrer ehemaligen Band Ludicra.

Während sich drei Fünftel der 2011 getrennte Wege gegangenen, durchaus stilprägenden Band aus San Francisco mit der Supergroup VHÖL relativ schnell ein neues Betätigungsfeld in die Auslage stellten, das mit dem selbstbetitelten Debüt (2013) sowie Deeper than Sky (2015) triumphal Richtung punkigem Thrash bretterten, ließen es die beiden ehemaligen Ludicra-Frontfrauen, Gitarristin Carther und Brüllwürfel Shanaman, vergleichsweise gemütlicher angehen.
Erst 2015 versammelten die beiden mit Gitarrist Sam Abend (Desolation, Abrupt), Drummer Colby Byrn (One In The Chamber, 2084) und Bassist Jason Miller (Phantom Limbs) ebenfalls eine nominelle Allstar-Szene-Kombo um sich, um über die Demo The Seven (2016 – auf The Unraveling als Bitter Past neu eingespielt) sowie Dead Metaphors (2017) allerdings bereits andeuteten, dass Ails das Vermächtnis von Ludicra trotz der verstrichenen Zeit durchaus nahtloser aufgreifen würden, als VHÖL – wie sich spätestens jetzt zeigt, aber zudem gewillt sind, die Ansätze von Alben wie dem epochalen The Tenant fortzusetzen und weiterzudenken.

Black Metal ist das im Ausgangspunkt mittels seiner rudimentären Blastbeats und höllischen Schreie, durch seine beklemmend-harsche Stimmung und die finstere Aura. Gefühltermaßen ist die Identität von Ails durch die dynamisch aufgelockerten Strukturen sowie die Variabilität der Songs aber sogar noch näher dran am Prog, an der packenden Direktheit des Hardcore und damit wenig puristischen Genre-Randgruppen wie Vilkacis oder Agalloch.
Gleich The Echoes Waned treibt also ein erstaunlich knackiges Riff an, der Gesang pendelt zwischen beschwörenden Gesten und bestialischem Gekeife. Trotz seiner sechseinhalb Minuten Spielzeit ist das ein ziemlich straighter Opener, der neben seiner fokussierten Stringenz jedoch bereits viel Raum für Erkundungen abseits jeder Zielstrebigkeit lässt – ein Spektrum, das Ails in weiterer Folge dann auch genüsslich exerzieren. Dass The Echoes Waned hinten raus einen schwelgenden Unterton bekommt, driftet und sich windet, später sogar mit folkigem Akustikgezupfe liebäugelt und sich mit elegischen Doom-Chören auflöst, ist nur bedingt exemplarisch. Zwar verschaffen sich Ails auf The Unraveling immer wieder derartige Highlightphasen die Aufmerksamkeit, doch ist das Debüt in erster Linie ein geschlossenes Gesamtwerk, das nur selten unbedingt individuell aus einer beinahe unermüdlich angekurbelten Gleichförmigkeit der Ästhetik aufblitzende Einzelszenen aufs Podest stellt, sondern eben eher als ganzheitliche Mutation um die DNA der Band funktioniert.
Die finale kakophonische Auflösung von The Echoes Waned kommt deswegen zwar strukturell vorhersehbar, detoniert aber nichtsdestoweniger in einem ekstatischen Rausch, der The Unraveling mit enormer Dichte weiterspinnt.

Der homogen übernehmende Beginn von Dead Metaphors  gibt sich doomiger, getragen und erhebend. Das lebendige Gitarrenspiel tänzelt um die wuchtige-luftige Dichte des Gebräus, bevor die Band den Wink mit dem Zaunpfahls als Breitseite aus Death und Thrash auflöst. Es ist gerade auch dieser Spagat aus knackiger Kompaktheit im Kern und der weitläufigen Ungebundenheit darüber, die Ails auszeichnet; auch der organische Fluss, den die Band im Songwriting über die zwingende Performance und zahlreiche detaillierte Einfälle und Nuancen kommuniziert. The Unraveling übersetzt diese Dramatik mit so majestätischen wie brutalen Gesten, praktiziert einen Sound, der roh und wuchtig zugleich funktioniert – und etwaige Längen in den frei streunenden Kompositionen als schwarzes Loch zu fressen versucht.
Immer wieder dringen Ails dort wie etwa in Any Spark of Life mit beklemmender Intensität zum Kern ihres Black Metal-Charakters vor, hofieren aber darum herum die finster-ätherisch veranlagte Liebe für melodische Überbauten, bleiben sogar relativ zugänglich. Kleine Facetten wie die nur für Sekundenbruchteile angeschrammte Gitarre hinten raus halten zudem den Spannungsgrad aufrecht und verdeutlichen die synergetische Verbindung aller Songs zueinander. Wo ein Mare Weighs Down also einen hypnotischer Singsang einflicht und das mit nicht einmal 180 Sekunden Gaspedalarbeit vorbeihetzende The Ruin weniger aufsehenerregend in der Dynamik des Kontextes funktionieren, fahren Ails zum Ende noch einmal eine Tour de Force der Extraklasse auf.

Das überragende Bitter Past kippt nach seinem mystischen Beginn schnell in eine blanke Raserei, die sich mit hysterisch böllernder Schlagseite aufbaut und energisch am Geschwindigkeishebel reißt, seine garstige Riffarbeit zu unberechenbaren Husarenritt malträtiert und das Szenario immer mehr zum Mahlstrom anrüht.
Nie sonst kommt der Spagat zwischen weihevoller Schönheit und besessener Wut derart imposant, martialisch und erfüllend zu seiner enormen Tragweite, spielen Ails ihre immensen Fähigkeiten beeindruckender aus: Hier greifen alle Zahnräder triumphal ineinander und setzen den Status Quo für die nominell junge, aber merklich mit allen Wassern der Meisterhaftigkeit gewaschenen Band.
The Unraveling stellt zwar auch hier die Chemie von Cather und Shanaman bewusst als dominierendes Element in den Fokus – ob im starken Wechselspiel der beiden Stimmen oder der dominant anführenden Leadgitarre. Doch leben die 41 Minuten der Platte explizit vom organischen Wesen des gesamten Bandgefüges, dass die Grenzen des Black Metal nicht mit Gewalt aufbricht, sondern seine Progressivität mit subversiver Tiefenwirkung in das stilistische Amalgam unterspült. Die immense Größe der auszufüllenden Fußspuren von Ludicra erreicht The Unraveling damit vorerst nur in seinen besten Momenten. Dass Ails mit dieser aufgebürdeten Vorgabe in Zukunft aber keinerlei Problem haben werden, wenn sich die Eigenheiten des Quintetts noch stärker konturiert hervorgeschält haben und man rein für sich selbst stehen wird, zeichnet sich aber praktisch mit jeder Sekunde dieses starken Debüts und Versprechens an die Zukunft ab.

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