At The Gates – The Ghost of a Future Dead
Die hiernach mutmaßlich zu Grabe getragen werdenden At the Gates bäumen sich mit dem selbstreferentiellen Tribut The Ghost of a Future Dead ein letztes Mal als Melodic Black Metal-Instanz auf: RIP Tompa!
Dem siebten bzw. achten Studioalbum (respektive dem vierten seit dem Comeback) der Göteborg-Ikonen zu begegnen, ohne es im Zuge des Todes von Frontmann Thomas Lindberg während der Aufnahmen im September 2025 emotional massiv zu verklären, ist praktisch freilich unmöglich.
Was angesichts der Umstände aber okay sein muß.
Und abseits davon zudem wohl auch abseits aller Tragik drumherum insofern verständlich wäre, weil At the Gates mit Rückkehrer Anders Björler nach (dem durchaus interessante Optionen aufzeigenden) The Nightmare of Being (2021) wieder einen konservativeren Ansatz ins Visier genommen haben, und gewissermaßen über eine Wurzelbesinnung an den Sound anknüpfen, der das Fan-Herz direkt entlang der Genre-Sozialisierung entzündet. Eine Frischzellenkur in Sachen Nostalgie quasi. Dass At the Gates dabei mit durchgehend hochklassigen Songs aufwarten, die die Stärken der Band mit einer motivierten Routine absolut effektiv bedienen, tut außerdem sein übriges.
Tompa und Anders sowie Martin Larsson, Jonas Björler und Adrian Erlandsson begegenen dem Ende nicht in Schockstarre oder überladenem Pathos (auch wenn sich manche Stücke wie beispielweise Det Oerhörda ein bisschen Goth-Theatralik gönnen), sondern dem Willen, sich zwischen Ideallinie und Komfortone zu verausgaben, wofür das Quintett hymnisch gestikulierende Melodien an fiese Riffs (mal ein bisschen generisch, meistens aber vor allem knackig, zwingend und bissig) binden und Stücke wie In Dark Distorition nicht umsonst auf das Single-Podest stellen, während ein A Ritual Of Waste thrashig der Melancholie weggaloppiert.
The Ghost of a Future Dead hat einen souveränen Spannungsbogen, keine leeren Meter und ist kurzweilig, doch läuft die ohne innovativen Gedanken angetriebene Platte erst in der zweiten Hälfte nahe der Bestform auf, nachdem das Doppel aus Of Interstellar Death und Tomb Of Heaven episch fetzend über herrschaftliche Synth-Texturen pflügt, eilig und straff. At the Gates variieren das Tempo und die Intensität vor allem in dieser Phase bestechend, pendeln ruhige Momente und die Heaviness gekonnt aus und lassen Soli in einem Schaulaufen heulen.
Nur das instrumentale Durchatmen Förgängligheten nimmt dann als Ruhe vor dem Sturm doch noch den (bisweilen auch nicht ganz ungezwungen wirkenden) Druck aus einem Schwanengesang, der um seine letzte Chance weiß und in der malerischen Bandbreite von Black Hole Emission sein ganzes Gewicht abzurufen versucht.
Das gelingt, wenn auch – die Ebene über der musikalischen außer Acht lassend – ohne überwältigende Euphorie. Wiewohl einer unbedingten Erfüllung, die Frieden schließen lässt. Denn nocheinmal, so nüchtern wie möglich betrachtet: The Ghost of a Future Dead scheitert wie seine drei Vorgänger an der ikonischen ersten Lebensphase der Band, und ist als Highlight der seit 2010 laufenden Reunion kein (wie mancherorts proklamiert) triumphales Meisterwerk. Aber ein durch und würdiger Abschied von Tompa – und wohl auch At The Gates an sich.


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