Bad Brains – Into The Future

von am 22. November 2012 in Album

Bad Brains – Into The Future

Was passiert, wenn Hardcore-Legenden nur bedingt daran interessiert sind, ihr eigenes musikalisches Erbe zu verwalten, zeigt das zweite Bad Brains-Album nach dem „Comeback“ 2007: dann überschneiden sich Stärken von einst mit dem Befinden von heute, dem Wahnsinn von Immer schon – und machen das enttäuschende ‚Built a Nation‚ nahezu vergessen.

Nicht alles, was unter diesem Eindruck entsteht ist automatisch bestechend gut – das meiste aber zumindest interessant. Und in den besten Momenten seiner Ungezwungenheit gar ansatzweise Meisterwerken wie ‚Bad Brains‚ (1982), ‚Rock for Light‚ (1983) oder am ehesten ‚I Against I‚ (1986) würdig. Grundsätzlich haben sich HR, Dr. Know, Darryl Jenifer und Earl Hudson auch auf dem offiziell neunten Studioalbum unter dem Bad Brains-Banner – klassische Farbgebung und Motiv-Wahl selbstredend inklusive – entschieden, eine Hardcore-Punk-Platte aufzunehmen. Dass das für alte Helden von einst keine große Sache zu sein scheint, haben ja unlängst erst Off! eindrucksvoll vorgemacht. Wo Keith Morris aber angepisst wie eh und je wütet, haben die Bad Brains an ihrem Grundverständnis dessen herumgeschraubt, was Härte angeht.

Als Dreh- und Angelpunkt einer oftmals abgeschwächten, geradezu bekifft-relaxt wirkenden Hardcore-Interpretation darf der über die Jahre stark veränderte Gesang von Oberschrulle HR fixiert werden: der verbeißt sich nirgends mehr, schwadroniert eher benebelt durch Songs aller Intensitätsstufen und gleitet auch über das härtete Riff wie von Sinnen, nicht immer im vollem Ernst. Dabei zeigen Brecher wie ‚Come Down‚, ‚Yes I‚ oder ‚Suck Sess‚ eigentlich mühelos, dass die Bad Brains knackige Hardcore-Kracher noch immer mühelos aus den Ärmeln schütteln können, man dem einem oder anderen Jungspund durchaus etwas beibringen könnte. Die rock-poppige Riffschleuder ‚Fun‚ wirkt dagegen beinahe wie ein im Halbernst ausgebrütete Spinnerei.

Auch sonst kennen die Interessen der Vier kaum Zügel: ‚Earnest Love‘ ist, naja, doomiger Metal inklusive veraltetem Rausschmeißer-Solo, ‚Popcorn‘ hochinfektiöser Crossover mit ganz viel Popverständnis. Der gemäßigte Titelsong hat wie vieles hier Zeit für Hackenschläge und ausnahmsweise sogar für den Ausflug in schamamenhaft-heulende Gefilde. In ‚Youth of Today‚ kippt ein gemäßigter Hardcore-Punker dann urplötzlich in geschmeidigen Raggae – traditionell der andere große Pol, um den die Bad Brains ihre Stimulanzien kreisen lassen. Auf ‚Into the Future‚ ist er in allen Schattierungen vielleicht sogar selbstverständlicher  eingelassen, als es die Männer aus Washington bisher so fabriziert haben. ‚RubADub Love‚ schlängelt sich deswegen supersexy, ‚Jah Love‚ macht elektronischen Lounge-Dub und ‚Maybe A Joyful Noise‚ das selbe, nur in noch deutlicherer Urlaubsstimmung. Den Zenit markiert aber ‚MCA Dub‚, wenn die Bad Brains sich zu geblasenem Ska entspannen und dem verstorbenen Beastie Boy Adam Yauch ihren Tribut erweisen..

Da muss man nicht einmal zwangsweise generell mit dem Genre befreundet sein, um das absolut natürliche Selbstverständnis bewundern zu müssen, mit dem sich die Bad Brains selbstsicherer denn je in solchen Gefilden bewegen. Dazu betten sich in diese Gangart nicht nur HR’s manisch genölte, nahe der hirnwütigen Tollwut-Katze dargebrachten Rasta-, Jah- und Love-Texte (exzessiv ausgelegt wie immer) noch fragloser ein, ‚Into The Future‚ hat in dieser zurückgelehnten Ausrichtung tatsächlich seine wirklich starke Seite, sein fulminantes Finale: ungeachtet der Tatsache, dass die Bad Brains ohnedies zu keiner Sekunde mehr so aggressiv, hart, schnell und angepisst klingen (wollen?!) wie in den 1980er – die rockigen Passagen können in Summe doch viele andere Bands mittlerweile deutlich mitreißender, wuchtiger, besser. Hardcore-Punk unter mutmaßlichem Anästhetika-Einfluß bekommt aber keiner so relaxt hin. Derart theatralisch zwischen den Extremen vor der kargen Ausstattung ausgeschmückt pendelnd, wollen das aber wahrscheinlich auch nur wenige.

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