OFF! – OFF!

von am 12. Mai 2012 in Album, Reviews

OFF! – OFF!

Von Altersmüdigkeit keine Spur, den Mann bringt immer noch alles auf die Palme: Keith Morris ist auch mit 56 Jahren angepisst ohne Ende und lässt seinem Unmut freien Lauf. Off! prügeln die dazu passenden Hardcoresprinter ohne Ablaufdatum als Gegenentwurf zu zeitgenössischem Punkrock der Marke Green Day und Konsorten.

Bob Dylan hat in Morris‘ Alter gerade an ‚Time Out of Mind‚ gearbeitet und damit seine Spätphase begonnen, Bruce Springsteen mit ‚Devils & Dust‚ zum dritten Mal den sanften Folkmusiker rausgekehrt. Mit beinahe sechzig ist es eben keine Absonderheit, die Sache auch einmal ruhiger angehen zu wollen. Für Keith Morris hingegen ist es die passende Lebensphase um mit seiner zwei Jahre alten Band Off! so richtig auf den Putz zu hauen. Mit einem Titel hält sich das erste reguläre Album der Truppe nach dem so durchschlagenden Anachronismus ‚First Four EPs‚ dann auch gar nicht erst lange auf, setzt ohne Punkt und Komma hinten nach und macht deswegen auch dort weiter, wo Keith Morris schon vor 30 Jahren gewerkelt hat: bei aggressiv rotzigen Hardcore Punk, wie er ihn mit Black Flag auf ‚Nervous Breakdown‚ miterfunden und zumindest auf dem ersten Circle Jerks Meisterwerk ‚Group Sex‚ perfektioniert hat. Keine Gefangenen nehmen, aber jedem aufs Dach steigen lautet die Devise: „I Got News for You“ schreit sich Morris angeekelt die Seele aus dem Leib,  es gibt kaum eine Sekunde, in der er dies nicht tut. Natürlich ist ‚Off!‚ damit auch ein bisschen One Man Show, zu markant ist die immer noch erstaunlich rundum fitte Stimme Morris‘ im Dreh und Angelpunkt.

Der Rest der als Allstar-Gruppe durchgehenden Off! geht jedoch zu Unrecht unter dem Radar durch. Die ultrakompakte Rhythmussektion um Steven Shane McDonald (Red Kross) und Mario Rubalcaba (Hot Snakes, Rocket from the Crypt) lässt jedenfalls nichts anbrennen, Burning Brides Gitarrero Dimitri Coats nützt die sich bietenden Chancen, um sich in den Vordergrund zu spielen. ‚Harbor Freeway Blues‚ schiebt ihn sogar ins Rampenlicht, für die bombastische Länge von 75 Sekunden: auf ‚Off!‚ tatsächlich einer der längsten Songs. Dass sich der Oldschool Schaulauf für seine 16 Songs nicht einmal ebenso viele Minuten Zeit nimmt, ist eigentlich Ehrensache. Keine Schnörkel, kein Fett. Der Fokus ist stets scharf, das geht kompakt von 0 auf 100 von jetzt auf gleich und von da ab schon wieder mit Vollgas auf die Zielgerade. Sogar noch ein bisschen rotziger als auf ‚First Four EPs‚ ist das diesmal, mit weniger Zug zur Eingängigkeit, die größeren Hits hatten jedenfalls die EPs. Dass ‚Off!‚ dabei jedwede musikalische Strömungen der letzten 30 Jahre konsequent ignorieren, lässt das Quartett im besten Wortsinn altmodisch klingen: Schwindelte man Off! Material wahllos zwischen frühes Circle Jerks Material, müsste man mit der Lupe nach Unterschieden suchen. Stagnation ist hier aber ein wohltuender Vorzug, eine konservierte Energieladung 80er die wohltuend jede Umständlichkeit vermeidet, roh, direkt und unverblümt bleibt, die kredibile Alternative zu den Jungspunden von Cerebral Ballzy, wenn man so will.
Dass die Hipsterfraktion und Medien abseits der Szene trotzdem oder gerade deswegen einen regelrechten Narren an Morris zweitem Frühling gefressen haben, macht die Sache nicht madig. Off! sprühen hinter der sattelfesten Souveränität ihrer langjährigen Erfahrung nur so vor Elan, da fliegen die Funken aggressiv. Wo gehobelt werden fallen eben auch Späne.

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