Die Alben des Jahres 2025: 50 – 41

von am 30. Dezember 2025 in Featured, Jahrescharts 2025

Die Alben des Jahres 2025: 50 – 41

Die stille Zeit des Jahres ist praktisch vorbei – also gilt es nun, nochmal ganz objektiv auf die 50 besten Alben von 2025 zurückzublicken, während schon die ersten vielversprechenden Platten von 2026 auf dem Radar aufgetaucht sind. Den Anfang machen die Plätze 50 bis 41.

| HM | EPs | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 | Playlisten |

50. Vildhjarta – + Där Skogen Sjunger Under Evighetens Granar +

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Den Zeitraum zwischen zwei Alben haben Vildhjarta im dritten Anlauf mehr als halbiert – aus zehn wurden diesmal gerade einmal vier Jahre. Wobei die aktuell nur noch aus Vilhelm Bladin, Calle Thomér und dem überall involvierten Buster Odeholm bestehende Band die Wartezeit für die Thall-Gefolgschaft ja ohnedies durch die beiden (Forte)-Releases 2022 sowie seit 2023 veröffentlichte Singles praktisch komplett egalisierte.
Wichtiger aber ist, dass die Schweden in diesen relativ knappen Zeitrahmen nichtsdestotrotz auch an eine inhaltlich klar erkennbare Evolution geknüpft haben – und im so unverkennbaren Trademark-Sound von Vildhjarta für Überraschungen sorgen. Denn wie gut den progressiven Djent-Konstrukten ein konsequentes Mehr an relativer Zugänglichkeit, praktischer Melodik und nachhaltiger Atmosphäre-Arbeit stehen, damit musste man nicht rechnen.

Glare - Sunset Funeral49. Glare – Sunset Funeral

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Die Reichweite, die Glare auf TikTok und Spotify generieren, steht praktisch umgekehrt proportional zum Originalitätsgrad, den die (seit der Trennung von Gründungsmitglied und Haupt-Sänger Christian “Rez” Resendez personell wieder auf eine Viererbesetzung geschrumpfte) Gruppe aus der Hype-Keimzelle Texas bedient.
Doch ihr vom Alternative Rock genährter Shoegaze aus der Whirr– und Nothing-Schule trifft umgeben von Trauma Ray, Kraus und Konsorten einfach trendbewusst den Nerv einer neue Generation von Genrefans und hat zudem die nötigen Songs parat, um auch ältere Semester in einer relativen Deckungsgleichheit zu zahlreichen Kollegen abzuholen: Nach den vielversprechenden EPs Heavenly und Into You / Void in Blue hat das Quartett die heavy Tendenzen seines Sounds dafür erfolgreich heavier gemacht und die poppigen poppiger, derweil der Versuch, inhaltlich weniger vage zu agieren, sich immer noch guten Gewissens von melancholisch sinnierenden Plattitüden träumt.

Ambre Ciel - Still, There is the Sea48. Ambre Ciel – Still, There is the Sea

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Owen Pallett hat die weitestgehend zurückhaltenden, manchmal in voller herrschaftlicher Grandezza erblühenden, immer aber wohltemperiert ausbalancierten Streicher-Arrangements für das Debütalbum von Ambre Ciel geschrieben und der Musik der Kanadierin damit eine bisweilen unwirklich erhabene Ebene hinzugefügt.
So sehr man diesen Faktor schätzen kann, brauchen die melancholisch verträumten, stets ein wenig bekümmerten Songs ihn aber nicht notwendigerweise, wie man dank der zurückgenommenen, den Raum komplett für sich einnehmenden Live-Shows von Ciel weiß: Im Kosmos von Julia Holter, Agnes Obel oder Olafur Arnalds verankert, fließen die neoklassizistischen Piano-Stücke dieses Erstlingswerk wie nautische Assoziationen an Daydreaming und erzeugen ohne aufregendes Brimborium eine stille, unscheinbare Faszination, die mit tiefgründiger Präsenz nachwirkt.

Bore - Feral47. Bore – Feral

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Als Every Time I Die-Fan war man durch das Dreigespann, das mittlerweile aus der Konkursmasse der 2022 aufgelösten Band entstanden ist, rundum gut bedient: Wrestler Andy hat Atomic Rule auf Schiene gebracht; Keith hat endlich den Fokus von Many Eyes gefunden (und zudem mit The Dillinger Escape Plan auf der Bühne gestanden); Jordan, Goose und Stephen haben mit Greg und Will zwei Songs nachgeschoben, anhand derer Highly Irresponsible optimiert werden kann.
Ihnen allen wurde aber vom lange kein Zuhause findenden Feral der Rang abgelaufen. Schließlich gelingt Bore darauf das seltene Kunststück, gar keinen Hehl aus dem puren Worship & Tribute-Ansatz ihres Sounds zu machen, dabei aber mit mehr Hardcore in der Formel und einem Mr. Bungle-Verweis als Würze so zwingend zu Werke zu gehen, dass der Hörer zu keinem Zeitpunkt Gedanken an eine mangelnde Originalität verschwenden muss. Oder anders ausgedrückt: Dass diese 29 Minuten derart aus der Masse an ETID-Epigonen herausstechen, dass sie alleine den Vergleich mit den Originalen verlangen, spricht für sich – und die Qualität dieses ziemlich furiosen Erstlingswerks.

Vauruvã - Mar da Deriva46. Vauruvã – Mar da Deriva

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Caio Lemos nähert sein Kooperations-Projekt mit Bruno Augusto Ribeiro anhand des Drittwerks Mar de Deriva zwar deutlich an seine anderen, von der brasilianischen Folklore geprägten Black Metal-Spielwiesen (also vor allem KaatayraBríi und Vestígio) an, lässt Vauruvã damit aber auch in harschen Sanftmut in ein interstellares Abenteuer gleiten.
So entsteht die zurückgelehnte Schönheit einer eigenwillig friedlichen Welt voll kosmischen Naturalismus. Akustik-Gitarren und aggressive Riffs umarmten sich, verträumte Percussion und schneidende Blastbeats schmiegen sich aneinander, harsche und cleane Vocals ergänzen sich somnambul.
Die Entscheidung, einen Teil des individualistisch geprägten Band-Konzepts gegen epischere Songs in einer uferlosen Atmosphäre aufzuwiegen, macht sich so mit jener Art staunenden Faszination bezahlt, die sich ein wenig wie geborgenes Heimkommen anfühlt.

Defacement - Doomed45. Defacement – Doomed

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Es macht – so absurd es ist, ein derartiges Wort in Verbindung mit einer derartigen Platte wie Doomed zu verwenden – Freude zu beobachten, wie (die personell übrigens auch am fabelhaften Continuum of Xul-Debüt mitmischenden) Defacement mit jedem Album wachsen und selbstsicherer werden. Wie sie ihr Gespür für filmreife, imaginative Atmosphäre-Flächen immer faszinierender über das exzessive Chaos ihres harsche Disso Death in der rohen Black Metal-Aura legen – diesmal in den sphärischen Space schwelgend. Wie sie formvollendeter mit Texturen und Abgründen verstören, melodische Elemente missbrauchen, wo der Mahlstrom aus Riffs und gespenstischen Vocals halluzinogen bedrängt, während ruhige Passagen eine so unangenehm einmehemende Grandezza erzeugen, und hinter jedem Schatten unerwartete Elemente die Songs infizieren können – etwa, wenn der unberechenbare Bastard Unexplainable plötzlich zu in einen Lofi-Rock zurückzieht, um dann umso hysterischer zu peitschen und hinten raus im behutsamen Röcheln zurückgenommen in der falscher Synth-Ambient-Sicherheit des Postrock zu wiegen.
Dass sich die Niederländer in Sachen Artwork-Auswahl diesmal auch selbst übertroffen haben, sei außerdem explizit erwähnt.

Easy Sevens - Guitar Music44. Easy Sevens – Guitar Music

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Die Behauptung, mit den Stones nichts anfangen zu können, wird freilich durch beschwingte Ausflüge wie das flott rumpelnde Cousin Matt oder Foreign Car entkräftet, die durch die grieselige Vierspur-Lo-Fi-Erscheinung der Platte zudem frappant an die Ästhetik von The Men erinnern.
Wo Guitar Music, das enigmatisch bleibende Debütalbum des Texaners Will Boones als Easy Stevens also auch rocken kann, gefällt es sich dennoch meist darin, dösend durch den in Slo Motion schrammelnden DIY-Bedroom-Country zu schlapfen und den gemütlichen Honky Tonk ausfransen zu lassen, bis über der spartanischen Drum Machine und der verwaschenen Pedal Steel aus der Zeit gefallene Schmuckstücke wie Old Blue Rose entstehen.
Aufgrund dieser Nacktheit kann man durchaus die Vielseitigkeit der Platte übersehen: Ein Later on the Evening wäre wie gemacht für den Style von Charley Crockett, derweil Everything You Had shoegazend in die Zeitlupen-Komfortzone von Mac DeMarco pluckert. Das findet selbst in Cave-in-Kreisen seine Fans!

Iron Lung- Adapting Crawling43. Iron Lung- Adapting // Crawling

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Das (von der Mental Distancing EP vorweggenommene) Oster-Wunder Adapting // Crawling hat sich als radikalste Rückkehr im Powerviolence-Business nicht einmal von Sub-Normal mit seinem exzessive Wutausbruch im Grind und Noise den Rang ablaufen lassen.
Jensen Ward und Jon Kortland attackieren zwölf Jahre nach White Glove Test immer noch so angepisst, als stünden sie im Krieg mit allem und jedem, als würde jeder Funke Freundlichkeit unendlich viel Gebietsverlust für die eigene Misanthropie und sozialpolitisch aufgeladen, geradezu maschinell präzise aggressiv. Iron Lung haben die Pandemie immer noch nicht verdaut und durch „a failed healthcare system, heavy grief from multiple friends/family deaths, paranoia and distrust of government, meaningless existence and loss“ die Adrenalininjektion bekommen, um nahe ihrer Ideallinie zu foltern.

Betcover!! - 勇気 Yuki42. Betcover!! – 勇気 Yuki

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Ein wirklich ansprechendes Artwork haben die Japaner in dieser Zeit zwar offensichtlich nicht auftreiben können, doch das eine Jahr Platten-Pause, das Betcover!! 2024 ausnahmsweise eingelegt haben, hat der Band gut getan –  die Batterien sind mit einer beschwingten Frische aufgeladen. Auf 勇気 Yuki geht dem Sextett um Leader Jiro Yanase (der aktuell Gitarrist Riki Hidaka und Bassist Falconman, Drummer Umi Ōgimi, Keyboarder Tsukasa Shirase sowie Saxofonist Kei Matsumaru um sich geschart hat) der Jazz Rock jedenfalls so smooth und lässig von der Hand, als wären die durch fünf tolle Vorgängerplatten immer höher geschraubten Ansprüche an die Tokyoer keine Bürde, sondern der Freifahrtschein für Spielfreude und Coolness, einen sexy Swing und joviale Hooks.
Mitverantwortlich dafür ist auch der Sound von Engineer Jim O’Rourke, der die Gruppe inszeniert, als würde man würde man einer distinguiert ausgelassenen, sich selbst nicht zu ernst nehmenden, aber mit proggiger Professionalität zelebrierten Live-Session der in feinen Zwirnen steckenden Aristocats in einem sauber aufgeräumten Studio beiwohnen.

Crippling Alcoholism - Camgirl41. Crippling Alcoholism – Camgirl

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Und alle singen mit! „Uh, uh, a monster/ I’m a monster/ Baby I’m a god damn monster„.
Der Text von Bedrot ist (übrigens keineswegs unbedingt als Ausnahme der existentialistisch im Selbstmitleid suhlenden Regel) nicht unbedingt sonderlich geistreich ausgefallen, aber auch dahingehend symptomatisch, dass Crippling Alcoholism ihren Sound als Frankensteins Monster des Gothic-Darkwave-Noiserock zum Synthpop hin so schmissig wie nie zuvor aufgeräumt haben: Passend zu der Griffigkeit der Lyrics schreibt die Band aus Boston auf dem gefühlten Schwester-Album zu I Know You Will Die plötzlich zugängliche Beinahe-Hits wie Mr. Sentimental.

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