2025: Honorable Mentions
Spoiler: Das Album mit dem Song des Jahres hat es ebenso wenig in das reguläre Ranking der Jahrescharts geschafft, wie zwei jener drei Platten (aus der Feder von Ryan Adams, Sun Kil Moon bzw. Deftones), deren Reviews in Sachen Klick-Zahlen auf dem 2025er-Treppchen stehen.
Spoiler Nr. 2: Auch in der folgenden, alphabetisch geordneten Liste finden sich die erwähnten vier Alben nicht. Dafür aber 15 andere Langspieler, auf die es sich aus dem einen oder anderen Grund zum Abschluß des Kalenderjahres noch einmal hinzuweisen lohnt – die diesjährigen Honorable Mentions.
| HM | EPs | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 | Playlisten |
Ian – Come On Everybody, Let’s Do Nothing!
Review |
Während sich rund um die Windmill Scene die Nachkommen von Black Country, New Road und Maruja langsam aber sicher ein wenig zu deckungsgleich zu stauen beginnen (auch, wennso vielen Bands aus dem Umfeld in diesem Jahr tolle Veröffentlichungen geglückt sind!), kommt das Debütalbum von Ian beinahe einer frischen Brise aus Greater London gleich. Nicht nur, weil hier das Cello anstelle des überall sonst aufgefahrenen Saxofons tritt.
Come on Everybody, Let’s Do Nothing! zeigt eine junge (bisweilen freilich auch noch etwas generisch agierende) Post Metal-Band, die noch vor Cult of Luna und anderen Idolen eindeutig am liebsten Godspeed You-Black Emperor hört und dieser Schwärmerei in ruhig schwelgenden Instrumentalpassagen absolut natürlich folgt. Darauf könnte sich eine interessante Zukunft abseits eines allzu dichten Gedränges aufbauen lassen.
Sam Fender – People Watching
Review |
Sam Fender liefert nun den Soundtrack für Jedermann und nahezu jede Lebenslage. Egal ob für das gemütliche Erledigen des Haushalts, beim pathosbewussten Wochenendeinkauf oder dem geselligen Partyabend, auf dem gemütlichen Roadtrip, dem Flanieren durch Bekleidungsgeschäfte oder beim Kochen. Seine Songs haben endlich und endgültig auch das Formatradio jenseits der Indie-Basis geknackt. Superstars wie Elton John werden für Special Editions vorstellig, Olivia Dean macht den Support. Der 31 jährige spielt ausverkaufte Stadion-Shows und hat den Mercury Preis gewonnen.
Kurzum: Er hat alles richtig gemacht, indem People Watching die smart aus dem Bruce Springsteen-Playbook abgepauste Erfolgsformel von Hypersonic Missiles und Seveteen Going Under unter Mithilfe von Adam Granduciel noch massentauglicher anlegt, zum puren Konsens wird. Oder: Sam Fender ist endlich der Superstar geworden, den er seit seinem Debüt vor 6 Jahren in Aussicht gestellt hat.
Lord Snow – Have You Heard of the High Elves
Review |
Sechs Jahre nach Shadowmarks haben sich Lord Snow wieder mit ihrem (bisher nur auf der selbstbetitelten Debüt-EP vertretenen) Gründungsmitglied An Lacy zusammengetan. Gefeiert wird dies, indem die Screamo-Ausnahmeerscheinung ihre seit 2011 als Trio von der Leine gelassen habende Diskografie als Quartett durchgegangen ist, und ausgesuchtes Material nicht nur neu eingespielt hat, sondern den Band-MO als Ganzes auch soundtechnisch jenseits des LoFi professionell inszeniert generalüberholt hat.
Dieser umfassende Reboot steht Lord Snow exzellent und macht Have You Heard of the High Elves auch zu Mehr als nur einer Compilation mit Zäsur-Charakter: Dass hier ist die Startrampe in eine neue Lebensphase, durch welche der Emoviolence-Vierer sein Potential mutmaßlich überhaupt erst wirklich abschöpfen wird können.
Magdalena Bay – Nice Day: A Collection of Singles
Review: I II III IV |
Ja, klar – streng genommen hat Nice Day: A Collection of Singles hier als Compilation nichts verloren.
Weil die vier Doppel-Glanztaten Second Sleep / Star Eyes, Human Happens / Paint Me A Picture, Unoriginal / Black-Eyed Susan Climb und This Is The World (I Made It For You) / Nice Day als Stafette aus absoluten Killer-Singles aber schlichtweg das mitunter Beste sind, was der Popwelt 2025 passiert ist, seit ihrem Release eine absolute Heavy Rotation gepachtet haben, und zudem auch am Stück ausgezeichnet(er) funktionieren, führt einfach kein Weg daran vorbei, in diesem Rückblick noch einmal darauf hinzuweisen, dass Magdalena Bay, egal in welchem Format, aktuell einfach das Nonplusultra in ihrem (auf diesen rund 30 Minuten hier stilistisch ja auch zusätzlich expandierenden) Metier bleiben.
Malevich – Under a Gilded Sun
Review |
Was, wenn Aaron Turner auf halben Weg zum Sludge Halt gemacht und Sumac zu einer Screamo-Band hätte mutieren lassen, die in ihrem Interesse für Disso Death-Tendenzen auch vor der postrockigen Einkehr zur ruhigen Harmonie (wie in Illusion Never Changed) nicht zurückschreckt, während der Hang zur avantgardistischen Improvisation einen konkretere Songwriting folgt?
Die sachdienlichsten Hinweise für eine ansatzweise Antwort auf diese Frage liefern Malevich nach sechs Jahren Langspieler-Pause auf ihrem dritten, bisher rundesten und konsequentesten Album, das seine zwischen den Stühlen sitzende Position für eine breite Auftrittsfläche nutzt. Und natürlich, um dem ehemaligen Isis– und Hydra Head-Kopf Rosen zu streuen.
The Mars Volta – Lucro sucio; Los ojos del vacio
Review |
Man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass wohl selbst ein Großteil der ausgewiesensten The Mars Volta-Afficionados acht Monate nach dem regulären Release (bzw., mit der abstrusen Leak-Geschichte der Platte eigentlich ja schon einige Wochen mehr) vergessen haben dürften, dass Lucro sucio; los ojos del vacío überhaupt existiert.
Nicht eine solch nachwirkende Enttäuschung der Erwartungshaltung wie The Mars Volta (trotz seines im Jahr darauf erschienenen Acoustic-
Dabei darf man, hat man einmal akzeptiert, dass das Comeback von The Mars Volta kein Comeback, sondern ein Neuanfang hin zu einer Ausrichtung, die praktisch nichts mit dem Progrock ihrer ersten Lebensphase zu tun hat, sehr gut mit dem Psychedelic-Art-Pop-Collage hier leben. Nein, mehr noch – gerade mit ein wenig Abstand immer wieder gerne in diese ganzheitliche Collage eintauchen.
Martröð – Draumsýnir Eldsins
Review |
Seit der EP Transmutation of Wounds sind von der isländischen Supergroup Martröð „nur“ noch Alex A.P. Pool (u.a. Chaos Moon oder ehemals Skáphe) und Hafsteinn Viðar Lyngdal (alias Wormlust) übrig. Dafür hat das Duo nach fast zehn Jahren das nicht mehr für möglich gehaltene Debütalbum des Projekts fertiggestellt.
Und Draumsýnir Eldsins stemmt die hohen Ansprüche trotz der personell so namhaften Aderlässe als eigenwilliger Kraftakt des atmosphärischen Dissonant Black Metal scheinbar so mühelos und selbstverständlich – tatsächlich nur zu spät im Jahr veröffentlicht, um sich noch ädaquat (weit oben) in die regulären Jahres-Charts einordnen zu lassen.
Die aggressive reißende, majestätisch tragende und auch psychedelisch vom Ambient geprägte Spannweite der 36 irritierend gefühlvoll ineinander überfließenden Minuten hier will trotz all ihrer Kurzweiligkeit eben erst einmal erfasst werden, jede Nuance zwischen einer kontemplativen Ruhe und nervenzerfetzenden Brutalität verinnerlicht. Denn in der aktuellen persönlichen Euphorie über Draumsýnir Eldsins besteht auch die Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen – dabei ließe sich von diesen vier Songs hier notfalls wohl auch das nächste Jahrzehnt über zehren.

Van Morrison – Remembering Now
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So viele, viele Alben der vor allem rund um die Pandemie nicht um aneckende Kontroversen verlegene, immer schon enorm produktive Ire auch bereits veröffentlicht haben mag – aktuell sind es, ganz nebenbei bemerkt, übrigens bereits 47 Solo-Platten – waren in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur wenige darunter, die auf eigenes Songmaterial aus der Feder von Van Morrison selbst setzten.
Und sicher war keine dieser Veröffentlichungen, die sich primär mit Cover-Darbietungen, Neueinspielungen oder kruden Schwurbeleien die Zeit vertrieb, auch nur ansatzweise so schwach, wie sie in der öffentlichen Wahrnehmung gemacht wurden. Mit dem Oscar-nominierten Down to Joy als Herold spielt das ausnahmslos auf Originale setzende Remembering Now dennoch in einer ganz anderen Liga und fühlt sich, trotz der einen oder anderen Länge, wie ein potentieller Klassiker im Schaffen der Blue Eyed Soul-Legende an.
Nas & DJ Premier – Light Years
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Alle sieben Veröffentlichungen, die im Rahmen von Mass Appeals Legend Has It…-Reihe erschienenen sind, sind weitaus überzeugender ausgefallen, als die weitläufigen Kritiken nahelegen – jede einzelne der mitunter viel Legendenstatus als Ballast schleppen müssenden Platten ist mit etwas Abstand gewachsen.
Nach Victory (Slick Rick), The Emperor’s New Clothes (Raekwon), Supreme Clientele 2 (Ghostface Killah), Infinite (Mobb Deep), Harlem’s Finest: Return Of The King (Big L), und (dem wahlweise letztendlich doch noch als Highlight der Serie abgelösten) Cabin In The Sky von De La Soul, erfüllt ausgerechnet Light-Years seine zugedachte Rolle als deswegen doch noch Sahnehäubchen.
„Ausgerechnet“, weil die seit gut zwei Jahrzehnten angeteaserte (und die 2024er Single Define My Name als erste handfeste Materialisierung des Albums aussparende) Kooperation von Nas und DJ Premier schlicht und einfach unterwältigend vorstellig wurde, bis heute einfach nicht das erhoffte Feuerwerk zweier Rap-Meister ist. Doch alle Ernüchterung hat sich so unerwartet schnell gewandelt, während 15 Tracks ganz unspektakulär auf Heavy Rotation laufen – zeitlos gut.
(Für per se aufregendere aktuelle Releases kann man getrost auf James Gunn vertrauen).
Scarab – Burn After Listening
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Die Gepflogenheiten, die Ex-Year of the Knife-Sänger Tyler Mullen mit seiner neuen Band Scarab an den Tag legt, lassen sich daran ablesen, welche Gesellschaft Burn After Listening um sich scharrt: Todd Jones (Nails), George Hirsch (Blacklisted, Staticlone) und Justin DeTore (Innumerable Forms) stecken das Koordinatensystem ab, in dem der metallisch wütende Hardcore Punk hier in unter 13 Minuten angepisst und aggressiv über die Ziellinie hetzt.
Wem diese knappe Distanz nicht erschlagend genug erscheint, kann frolocken: Zwei Jahre nach der ersten EP haben Mullen und seine Gangden idealen Zeitpunkt angepasst, um ihr Debüt zu einem Zeitpunkt auf die Welt loszulassen, an dem der kleine Bruder von Heavier Than Heaven, Every Bridge Burning das Tag-Team mit dem flankierenden Doppel aus Not Worthy of Human Compassion und Grinding Mechanism Of Torment machen konnte.
Scour – Gold
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Mischt man Grau, Rot und Schwarz, ergibt das Gold – zumindest nach der Allstar-Farben-Lehre von Phil Anselmo (Pantera, Down), John Jarvis (Agoraphobic Nosebleed), Derek Engemann (Philip H. Anselmo and The Illegals), Mark Kloeppel (Misery Index) und Adam Jarvis (Pig Destroyer, Lock Up).
Das Debütalbum von Scour setzt seinen Death Black Metal-Hebel jedenfalls jedenfalls exakt in der Schnittmenge der drei vorangegangenen EPs an – inklusive seminotwendiger Interludes – und rast von Riff zu Riff.
Doch Hand aufs Herz: der elementare Grund, warum Gold derart viel Bock macht, ist in erster Linie ein komplett entfesselter Frontmann im Biest-Modus, der (eineinhalb Dekaden nach dem heute weitestgehend vergessenen Viking Down) mit seinen 57 Jahren derart vor manisch berserkender Energie zu bersten scheint, dass es der Jugend des Genres die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte.
SSIO – Alles oder Nix
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Justament, da nach zwei eher schwächeren Alben der Witz an dem überzeichneten Meme SSIO ausgereizt zu sein schien, gelingt Ssiawosch Sadat das Kunststück, mit Alles oder Nix seinen (mindestens!) zweitbesten Langspieler überhaupt rauszuhauen. Doch obwohl sich die Hits die Klinke in die Hand geben, der Flow des notfalls auch den Alleinunterhalter machenden 36 jährigen irre ist, und der G-Funk so sicher sitzt, wie wohl bei niemandem sonst abseits der Westcoast, ist der eigentliche Scene Stealer dann doch irgendwie die Special Edition der Platte – jetzt kann schließlich jeder SSIO sein!
Aber gut, an hochklassigem Merch hat es dem Rapper ohnedies noch nie gemangelt. Das wissen seit kurzem auch die Handwerker unter seinen Fans. (Wobei die Promo für den nächsten Release-Zyklus ja irgendwie schon läuft.)
Tom Skinner – Kaleidoscopic Visions
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Seine The Smile-Kollegen Thom und Jonny waren zuletzt mit der Wiederkehr von Radiohead gut beschäftigt, doch auch dem ehemaligen Sons of Kemet-Schlagzeuger Tom Skinner wird nicht langweilig: Mit der Unterstützung von u.a. Tour-Kollege Robert Stillman und Portishead-Mann Adrian Utley hat er den Nachfolger seines Solo-Debüts Voices of Bishara von 2022 eingespielt.
Kaleidoscopic Visions setzt nicht auf das ausufernde Volumen, wie es die die aktuellen von Jazz-Werke von The Necks, Ahmed أحمد oder Nels Cline tun, und assimiliert seine Mitmusiker auch noch homogener, als das etwa bei Patrick Shiroishi zuletzt der Fall war.
Dafür lenkt Skinner seinen Groove zu einer Kompaktheit, die auf verquere Weise catchy ist – selbst wenn ein The Maxim mit Meshell Ndegeocello über zehn strukturoffene Minuten formfrei wandert. Das leichtgängige, verträgliche Kaleidoscopic Visions macht einfach auf barrierefreiere Weise Spaß, als die meisten seiner Genre-Kollegen.
Lorien Testard – Clair Obscur: Expedition 33
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In einem Forum für Indie-Games wird Guillaume Broche auf die Musik aufmerksam, die Gitarren-Lehrer Lorien Testard auf Soundcloud hochgeladen hat, und fragt daraufhin bei diesem an, ob dieser nicht den Score für Claire Obscure, das Erstlingswerk seines 2020 gegründeten Entwicklungstudios Sandfall Interactive übernehmen wolle. Der Rest ist Videospiel-Geschichte.
Zu den unzähligen Preisen, die Clair Obscur seit seinem Erscheinen eingesackt hat, kommt nun als weiterer Höhepunkt auch eine Erwähnung bei den hiesigen Honorable Mentions hinzu – nur wenige Soundtrack-Arbeiten konnten sich diese Ausnahme-Behandlung in der Geschichte von Heavy Pop verdienen. Zu Recht: die (in ihren erhabensten Momenten sogar ein kleines bisschen magische) Schönheit, die Testard erschaffen hat, ist einfach etwas Besonderes und funktioniert auch abseits der Belle Époque-Ästhetik der Spielewelt so imaginativ faszinierend. Kommendes Jahr übrigens auch live auf Tour (A Painted Symphony).
Colter Wall – Memories and Empties
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In einem ziemlich schwachen Country-Jahrgang, in dem ohnedies nur die üblichen Verdächtigen wussten, spaltete sich das Lager aktuell empfundenermaßen in zwei Lager – die einen, wie Charley oder Tyler nahmen spürbare Kurskorrekturen in ihrem Sound vor; die anderen, wie Willie oder die Turnpike Troubadours setzten auf einen wertkonservativen Ansatz.
Zu welcher Seite Colter Wall tendiert, sollte dabei keine Überraschung sein.
Er bleibt auf seinem fünften Studioalbum einmal mehr jedem Spektakel fern, lebt und atmet den Western mit einer untrüglichen Authentizität und hebt Songs, deren Substanz auf den ersten Blick wie grundsolide Routine-Qualitätsarbeit anmutet, zu einem süchtig machenden, aus der Zeit gefallene Schaulaufen. Man muss dabei übrigens auch keineswegs auf individuelle Highlights verzichten: Alleine schon 1800 Miles und 4/4 Time haben ihren Best-of-Platz im Schaffen des Kanadiers sicher.

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