Die Alben des Jahres 2025: 30 – 21

von am 30. Dezember 2025 in Jahrescharts 2025

Die Alben des Jahres 2025: 30 – 21

Die stille Zeit des Jahres ist praktisch vorbei – also gilt es nun, nochmal ganz objektiv auf die 50 besten Alben von 2025 zurückzublicken, während schon die ersten vielversprechenden Platten von 2026 auf dem Radar aufgetaucht sind. Den Anfang machen die Plätze 30 bis 21.


| HM | EPs | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 | Playlisten |

Thosar - The Bold Idea Of Being Satisfied30. Thosar – The Bold Idea Of Being Satisfied

Review |

Die Dynamik, die Thosar in ihrer Duo-Besetzung entwickeln, lässt ein jedes Mal aufs Neue die Spucke wegbleiben.
Robert Stelzer (Drums) und Michael Schmuck (Bass & Vocals) attackieren den Sludge und Doom nämlich nicht nur im Titelsong oder dem fast grindig wirbelnden Slowly Burying Myself mit einer solch rohen Energie und rasanten Dringlichkeit, dass selbst den räudigsten Punk-Kombos angesichts der angedrehten Tempo-Daumenschrauben Angst und Bange werden muss – sie pflügen ganz generell mit einer relativ beispiellosen Intensität voll angepisst fauchenden Kraft durch das Feld und haben auf The Bold Idea Of Being Satisfied auch einmal mehr die entsprechenden Songs für diese hinter dieser mitreißenden Attitüde parat.
So gut das Konservieren dieses Rausches im Studio auch gelungen sein mag, kommt man jetzt schon bei der Vorstellung ins Schwitzen, wie irre das Material wohl live abgehen wird.

Agriculture - The Spiritual Sound29. Agriculture – The Spiritual Sound

Review |

Mit Living is Easy ist Agriculture 2024 der Knopf aufgegangen, der auf dem selbstbetitelten Debüt im Jahr zuvor noch alles zu bemüht zurückhielt – nun lassen die LA-Jungspunde ihr Stil-Amalgam gleich aus allen Nähten platzen.
Dem Blackgaze trieft nun nicht mehr nur der Geifer aus dem Maul, wenn er an den Metalcore denkt – er stürzt sich wüst keifend in ihn, schwadroniert ausgelassen und dekoriert ihn mit irritierend deplatziert cleanen Pop-Lethargie-Singalongs um, rast dann wie in Micah (5:15am) zu jubilierenden Gitarrensolos im mathaffinen Post-Irgendwas und dirigieren die Mischkulanz weitaus weniger in die verkopfte Avantgarde, als in einen vogelfreie drehenden Sturm-und-Drang-Übermut.
Alles geht, wenig wirkt erzwungen – eine puristengiftige Attitüde, die bei Flenser das wohl ideale Zuhause gefunden hat. Der ultimative Beweis dafür ist dann Dan’s Love Song als der beste Have a Nice Life-Song , der nicht von Have a Nice Life stammt.

Primitive Man - Observance28. Primitive Man – Observance

Review |

Wie es um diese Welt steht, wenn sogar professionelle Nihilisten wie Primitive Man sich dazu berufen fühlen, mit ein bisschen Optimismus in den Alltag zu säen, sollte dies eine erschreckende Signalwirkung erzeugen.
Dass Faktoren wie der Grad an positivem Optimismus ausnahmslos relativ zu deuten sind, versteht sich wohl von selbst: Die Zuversicht für ein Licht am Ende des Tunnels ziehen Ethan Lee McCarthy, Jonathan Campos und Joe Linden weiterhin aus denselben, hässlichen Untiefen wie immer. (Also von dort, wo Konsorten a la Hell Gift und Galle spucken – nur das Primitive Man eine weitaus konstanteres Tempo im Output an den Tag legen). Die Musik des Trios ist und bleibt so angenehm zu konsumieren, wie ein Frottiervorgang mit Schmirgelpapier. Dass sie die Stellschrauben ihres Sounds immer knackiger und phasenweise gar punkiger nachjustieren, macht aus dem räudigen Observance aber wohl tatsächlich so etwas wie eine hausinterne Wohlfühl-Platte.

Deadguy - Near-Death Travel Services27. Deadguy – Near-Death Travel Services

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Near-Death Travel Services ist ein Fenster in eine alternative Realität. Eine, in der Deadguy nicht auf der katastrophal laufenden Tour zu ihrem gefeierten (und heute, in jeder Realität, ganz ohne verklärende Nostalgie, ikonisch als Klassiker des Metal- und Mathcore betrachteten) Debütalbum Fixation on a Co-Worker in der Originalbesetzung zerbrachen. Eine, in der die verbliebenen Musiker den Kadaver der Band nicht mit wechselndem Personal noch krampfhaft am Leben zu halten versuchten, bevor das Ende von Deadguy drei Jahre nach der Gründung letztlich einfach unabdingbar wurde. Eine, in der Chris Corvino, Dave Rosenberg, Tim Singer, Keith Huckins und Jim Baglino stattdessen das Momentum für ein direktes Zweitwerk nutzten und dabei kaum etwas von ihrer Schlagkraft eingebüßt haben.
Im Hier und Jetzt ist freilich alles etwas anders passiert. Doch das Ergebnis ist beinahe das selbe: 30 Jahre mögen zwischen dem ersten Deadguy-Album und Near-Death Travel Services  liegen, doch die Veteranen haben den Faden nahtlos aufgenommen, um einem stilprägenden Eckpfeiler der Szene einen durch und durch würdigen Nachfolger zu schenken.

Nation of Language - Dance Called Memory26. Nation of Language – Dance Called Memory

Review |

Mit Dance Called Memory scheitern Nation of Language zwar in letzter Konsequenz am Überschreiten der Schwelle zum Indie-Synthpop-Meisterwerk, weswegen das vierte Album der Brooklyner einen minimal frustrierenden Beigeschmack nicht ablegen kann. Doch Strick dreht sich der referenzielle Reigen mit all seinen Ohrwürmern deswegen keinen, sondern erweist seinen Idolen (Talk Talk und The The, Depeche Mode oder New Order) alle Ehre: Wären diese 41 Minuten in den 80ern veröffentlicht worden, würde man sie heute in gewissen Zirkeln wohl kultisch verehren.
Und obwohl sich mit etwas Abstand auch in der zweiten Plattenhälfte zu einem Genre-Schmuckstück ausgewachsen hat, finden sich die herausragendsten Nummern immer noch gleich zu Beginn: in Form der Future Islands-Fan Faction Silhouette und dem Instant-Klassiker Can’t Face Another One.

Huremic - Seeking Darkness25. Huremic – Seeking Darkness

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Nach vier Soloalben und zwei Koop-Platten in 4 Jahren hat sich das in Seoul-sesshafte Enigma aus Süd Korea, das als WWW-Phänomen vor allem für sein Alias Parannoul bekannt ist, mit Huremic eine neue Spielwiese erschaffen. Weniger, um dem Hype um seine Person zu entkommen, oder das für 2026 proklamierte Ende von Prannoul vorwegzunehmen, als weil es diese Musik nun verlangt, indem sie in überlangen, pragmatisch durchnummerierten Kraut-Jams vom Shoegaze zu psychedelischen Trancen im experimentellen Post/Noise-Rock treibt und einen ganz anderen rauschhaften Sog entwickelt, als die bisherigen kreativen Ventile des Bedroom-Künstlers mit dem Gespür für satten Sound.
Von der loyalen Internet-Fanbase wird das passend betitelte Seeking Darkness mit einer neu entfachten Euphorie aufgenommen – und Huremic macht kurzerhand den Spagat zu 3. How I See Nothing but You und einer Zusammenarbeit mit sich selbst: Dass der Asiate als Mydreamfever 2025 abseits davon noch drei weitere tolle Veröffentlichungen vorzuweisen hat, setzt dem Reboot auf Nebenstraßen auch noch die Krone auf.

Smiqra - Rɡyaɡ̇dźé!24. Smiqra – Rɡyaɡ̇dźé!

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Der Knackpunkt, um zu verstehen, warum Liu Zhenyang Rgyaġdźé! nicht als Ὁπλίτης (Hoplites) oder Vitriolic Sage veröffentlichen konnte, bricht spätestens herein, wenn 犏牛舞!vom Drum’n Bass ausgehend seinen Rhythmus übersetzt und die Disso Death-Hatz zur Saxofon-Psychose hetzt, bevor das Erstlingswerk von Smiqra erst fragmentarisch ausfranst und dann in knapp zehnminütigen Qa-si-re-u! auslaugend aufkocht.
Der Weg dorthin führt über einen erstaunlich straight nach vorne galoppierenden Avantgarde Tech Thrash Metal, der das Chaos mit einer feisten Blackened Roll-Attitüde an der engen Leine hält, wo groovende Dillinger-Frickeleien (1960怪人) neben zerfahrenen Jazz-Delirien (未知舞蹈) hyperventilieren und wahllos eingestreute melodische Spasmen auf keiner anderen Spielwiese des Chinesen denkbar erschienen wären – ohne deswegen für einen richtigen Bruch zwischen den Projekten zu sorgen.
Bei so viel manischer Kreativität und neue Fronten suchender Produktivität kann man es der Ein-Mann-Kombo dann auch nachsehen, dass für die Artwork-Wahl ausnahmsweise der Weg der geringsten Widerstandes gegangen wurde.

Old Saw - The Wringing Cloth23. Old Saw – The Wringing Cloth

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Der Sound von Old Saw war immer schon mehr als der Soundtrack für eine imaginäre Appalachian Folk- und Western-Geistergeschichte im Ambient Americana, Drone und American Primitivism – es war die Atmosphäre für das Wandern durch eine subtile und substantielle Grundstimmung, hinter der eine ganze Welt – oder, ja wirklich: Earth –  liegt.
Für ihr finales Album hält sich das um die Doppelspitze aus Henry Birdsey und Bob Driftwood versammelte Kollektiv nicht zurück und breiten ihren Sound mit einer Ergiebigkeit aus, die seinesgleichen sucht: über 73 fein nuancierte Minuten hinweg ist The Wringing Cloth unaufgeregt und behutsam, be(un)ruhigend einsam und angenehm meditativ, friedvoll. Komplett und erschöpfend,
Ein Abschied als Ankommen – er fängt Old Saw in seiner ultimativen Form ein.

Vendrán Suaves Lluvias22. Silvana Estrada – Vendrán Suaves Lluvias

Review |

Dass das Material von Vendrán suaves lluvias jenem von Marchita  gar nicht so eklatant nachsteht, hat sich zugegeben erst abseits des zweiten Studioalbums von Silvana Estrada erschlossen. Sobald man die Mexikanerin live erlebt hat und die Songs auf ihre nackte Essenz heruntergebrochen wurden – egal ob (auf beispiellosen Extremen der Gefühlslagen im Publikum thronend) in einer relativ versifften Bude oder in der schicken Hochglanz-Aufnahme.
Spätestens, wenn man die Stücke der (hinten raus entgegen der ersten Wahrnehmung übrigens keineswegs weniger starken) Platte ohne ihre zugegeben meisterhaften, aber auch ein wenig zu süßlich zum lieblichen Kitsch neigenden Arrangements gehört hat, muss es aber wie Schuppen von den Augen fallen: Silvana Estrada hat hier beinahe ihr zweites ikonisches Werk des lateinamerikanischen Folk geschrieben.

Bell Witch & Aerial Ruin - Stygian Bough: Volume II21. Bell Witch & Aerial Ruin – Stygian Bought: Volume II

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So – bitte absolut relativ zu verstehen! – enttäuschend Stygian Bought Volume 1 vor fünf Jahren nach ausgefallen ist, so befriedigend übertrifft Volume 2 nun die Erwartungshaltung an die neuerliche Zusammenarbeit von Bell Witch und Aerial Ruin.
Ohne die Extreme ihrer jeweiligen Hauptprojekte als Maßstab heranzuziehen, haben Dylan Desmond, Erik Moggridge und Jesse Shreibman – quasi den kleinsten gemeinsamen Nenner pflegend, anstatt sich am größten zu verheben – die Schnittmenge ihrer Komfortzonen gestärkt und eine gemeinsame Mitte gefunden. Das Ergebnis ist kein schaler Kompromiss, sondern die Verinnerlichung einer runden, harmonisch ausbalancieren Synergie.
So schenkt das Trio dem folkloristisch geprägten Funeral Doom vier wunderbar sanftmütige Schönheiten melancholischer Heaviness.

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