Boris – W

von am 23. Januar 2022 in Album

Boris – W

Das prolongierte Companion Piece ist ein polares Kontrastprogramm: Boris erforschen auf W die konturoffen-esoterische Kehrseite des Wutausbruchs NO als fragmentarische Kaleidoskop-Collage.

Mag W titeltechnisch an seinen Vorgänger gefügt auch NOW ergeben, könnte diese in beiderlei Fällen uns als Ganzes sicherlich so schlüssige tonale Reaktion auf die Pandemiezeit gefühlt kaum weniger gegenwärtig ausgefallen sein: Das 27. Studioalbum der Japaner experimentiert unter der produktionstechnischen Mitarbeit von suGar Yoshinaga mit avantgardistisch Versatzstücken aus dem elektronisch gefütterten Ambient- und Dreampop, phasenverschobenen Shoegaze und Post Industrial, und badet dort, wo NO auf das reißende Momentum und die kraftvolle Direktheit des Expressiven setzte, in einer entrückten Zeit- und Raumlosigkeit, andersweltartig introspektiv und mysteriös verspult.
Das Ergebnis ist eine eklektische Elegie, die manchmal klingt, wie Boris es noch nie zuvor taten, dabei aber durchaus imaginative Erinnerungen daran kreiert, was bereits vor zehn Jahren sein hätte können – denn W steht auch dafür, dass Wata hier erstmals seit Attention Please wieder die Hauptrolle als Leadstimme übernommen hat (diesmal aber säuselnd per se als Teil des Sounds angelegt ist).

Inwieweit Boris das kompakte Songwriting dabei konsequent gegen mäandernde, fragmentarische und strukturoffen verwobene Ideen-Collagen eingetauscht haben, während  aufgelöste Spannungsbögen mit einem Maximum an eigenwilliger Stimmungsdichte aufgewogen werden, lässt sich schon am Opener I Want to Go to the Side Where You Can Touch… vermessen.
Dort übernimmt Wata die Gesangmelodie von des No-Closers Interlude, übersetzt sie aber kaum weniger fassbar in eine nebulös-psychedelisch Trance. Die Synthflächen orgeln vor diesem transzendental geloopten Mantra, das Schlagzeug improvisiert dahinter, die Gitarrenflächen dröhnen somnambul und malen ein symptomatisch zielloses Kaninchenloch zum darin verlieren. Wenn die Nummer in der letzten Minute einem astral heulend-schimmernden Höhepunkt zuspitzt, drehen Boris jedoch einfach abrupt den Saft ab und widmen sich Sekunden einem Mitteltding aus Fahrstuhl-Muzak und Rainbow-Entspannung. Auch anderswo wird W seine Mosaikstücke immer wieder radikal unmittelbar beenden.

Trotzdem ist W ein Album das (obwohl gerade auch angesichts seiner überraschenden stilistischen Ausrichtung an sich schnell und relativ unkompliziert erschlossen) als Gesamtwerk auch entlang dieser forcierten Brüche kohärent in seinen Bann zieht, eine einnehmende Sogwirkung erzeugt und letztendlich auch durch unterschiedliche Facetten glänzt.
Icelina träumt etwa davon, was Deerhunter in den kontemplativen Momenten von Silent Hill 2 machen würden, wenn Audrey Horne im gedimmten Licht funkelnd und sedativ zu hallend schnipselnden Handclaps unverbindlich plätschend tänzelt und Drowning by Numbers zählt in die gebremste Dringlichkeit der Rhythmussektion eine halluzinogene Zeitlupe. Invitation haucht seinen bittersüßen Gesang behutsam über das Oszillieren der friedlich fließenden Gitarren. Takeshi flüstert ausnahmsweise rezitierend von der Seite in das Spektrum und schafft damit einen harmonischen Kontrast, der gerne öfter eingesetzt hätte werden können – derweil bleibt Invitation sogar noch mehr Skizze, als viele andere Passagen der Platte.

Neben dem folgenden The Fallen fällt dies jedoch erst wenig auf. Hier bäumt sich W schließlich unerwartet zum heroischen Instrumental-Metal auf und wirkt wie ein durch die Textur der Platte brechende Reminiszenz an No. Ein körperbetontes Riff deutet die Melvins‚eske Heaviness an, löst diese jedoch kurzerhand wieder in losen Soundschleifen auf: Gleichzeitig wirkt dieser Ausbruch komplett willkürlich im Kontext auftauchend, wie er dennoch stimmig und schlüssig passiert, und damit exemplarisch für das Wesen der kurzweiligen, auch unberechenbaren und eben auf eine andere Weise genauso impulsiv und instinktiv wie No agierenden 40 Minuten steht.
Danach ist der Knoten entgültig verführt, der Bewusstseinsstrom barrierefrei. Das schüchterne Beyond Good and Evil schlurft balladesk, hüllt sich als ansatzweises Anzeichen von verfolgten Songwriting-Strukturen in eine majestätischer erblühende Schönheit, die mit der Dissonanz flirtet, bevor Old Projector den Twin Peaks-Reverb melancholisch an den Dirty Beaches-Western heranführt, irgendwann irgendwann abblendet und ausschnitthaft zum Metal zurückkehrt, dabei aber nur eine sporadische Episode antäuscht, die nahelegt, dass das Narrativ von W nicht zwangsläufig in der chronologisch Kontinuität liegt, sondern sprunghaft zu verstehen ist.
Vielleicht gelingt die Assimilation des Reincarnation Rose-Tracks You Will Know – hier als Ohayo Version – auch deswegen derart fulminant: Die verträumt in den nautischen Drone tröpfelnde Melodie ist kaum greifbar und doch so unendlich bezaubernd, erzeugt mit klar aufgeräumter Weite eine andersweltartige Sehnsucht, als würde ein The Cure sich im tröstenden wattierte Noise auflösen. Subversiv ergreifend – und als Paradebeispiel der Tugend des Albums eben auf emotionaler Ebene erfüllend, wenngleich unstillbar nach mehr verlangend. Danach kann Jozan ruhig demonstrativ eine so leise in die Stille gelehnte Ahnung einer unscheinbaren rockigen Nuance als Epilog sein – Boris prolongieren mit dieser wahrlich heilenden Einkehr eine triumphale neue Hochphase.

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