Boris – No

von am 10. Juli 2020 in Album

Boris – No

Boris haben ihre ungestümen Tage der auslaugenden Exzesse und Heaviness, des plättenden Doom, Punk, Drone und Rock, längst hinter sich, und spielen ihre eklektischen Karten nur noch bekömmlich aus? No!

Bei aller mittlerweile irgendo traditionellen, latent zu wohlwollenden Fanbrillen-Bewertung tendierenden Neigung an dieser Stelle gilt es schon festzuhalten: Jedes Boris-Album aus den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten hatte gerade mit etwas Abstand absolut verlässliche Qualitäten: Tatsächlich schlechte Werke haben die Japaner selbst in ihren fragwürdigsten Momenten einfach noch nicht hinbekommen, mögen die Heydays auch weit im Rückspiegel liegen.
Es ist allerdings dann eben doch schon länger her, dass Veröffentlichungen des Trios in Euphorie versetzen konnten. Selbst ein unerwartete Qualitätsanstieg wie der Doch-Nicht Schwanengesang Dear war eher ein Fall für zufriedene Begeisterung. Auch, weil immer wieder so manche Haare in der Suppe die Hausmannskost verpfuschten – wie im konkreten Fall der 2017er Platte ein wenig kraftvoller Mix.
Dass bei Kalkulationen mit Boris selbst heute, im beinahe 30. Bandjahr, ein gewisser Unberechenbarkeitsfaktor als positive Konstante nicht in der Rechnung vergessen werden darf, war jedoch seit vielen Jahren nicht mehr derart frontal demonstriert worden, wie nun auf No – und das, obwohl Refrain zuletzt ja bereits ziemlich steil vorwegnahm, dass der Einstieg von Boris in ein weitere Dekade durchaus bärenstark gelingen konnte. Insofern wollte man von einer solchen (und vor allem: solch konsequenten) Platte wie es das (vielleicht) 26. Studioalbum nun in seiner Vollständigkeit geworden ist trotz allem (also: trotz solcher Vorabsingles wie Loveless und Anti-Gone) kaum zu träumen wagen.

Denn Boris stehen plötzlich auf Albumlänge noch einmal angriffslustig auf den Hinterbeinen, zeigen mit der Freude am Krach, Tempo und Adrenalin endlich wieder Schaum vorm Mund und das Weiße in den Augen. Atsuo, Wata und Takeshi  haben eine Platte aufgenommen, auf der letzterer immer wieder brüllt und schreit und dann und wann auch bestialisch grunzt, die sich instinktiv aus dem Sludge, Noise, Crossover Thrash und Crust Punk speist, den D-Beat praktiziert und die Verstärker so weit in den roten Bereich prügelt, bis der Schweißverlauf im Pit eskaliert.
Der an Henry Rollins denkende Opener Genesis ist diesbezüglich also keine neue Schöpfungslehre, aber gewissermaßen ein falsche Fährte, wenn Boris sinister bratend einen stoisch wälzenden Doom-Brocken kredenzen, der sein Riff mit fieser Dunkelheit zum Instrumental-Death schielen lässt, stark aber im eigenen Kosmos nicht herausragend, bevor No zu eine kaum vom Gaspedal gehenden Abfahrt drangsaliert.
Anti-Gone nimmt erst Anlauf, biegt dann auf die Überholspur wie ein rotziger Garage-Punker, ist symptomatisch simpel gestrickt, aber kaschiert dies mit einer schmissig Direktheit samt heulendem Überbau und einer Gangshout-Nachhut – in etwa dort, wo Guitar Wolf Electric Wizard zum Wettrennen herausfordern würden. Non Blood Lore addiert dort noch deutlicher neben der Spur leiernde Mitgröhl-Melodien, bevor Temple of Hatred das Tempo gleich zum Hardcore drückt, phasenweise gar mit Blastbeats explodiert: Die einzelnen Elemente scheinen in ihrem kaum zu bremsenden Tatendrang förmlich über sich selbst zu stolpern.

Das Ambiente Score Outro der Nummer ist als Überleitung zum SloMo-Blackened Sludge von 鏡 -Zerkalo- schlüssig, der röchelt und sich dissonant schleppt. Thou und Primitive Man schauen um die Light-Ecke und sehen hinten raus einen The Body-Subtext samt herrlich okkultem Gitarrensound; als großes Ganzes zudem die mittigen Einkehr als Herzstück von No nach all dem Höher! Weiter! Schneller!-Streben der Eingangsphase.
In dieser Phase der fiesen tektonischen Verschiebung wirkt HxCxHxC -Parforation Line- seltsam ungrundiert gemixt, als wäre es ein nach vorne preschender Shoegaze-Traum am Highway ohne Bass-Fundament – eine Startrampe in die zweite, weniger qualitätskonstante Phase des Husarenritts. Das brillante, überragende キキノウエ -Kiki no Ue- ballert dafür umso morastartiger beinahe zum Deathgrind, biegt aber irgendwann über seinen psychedelischen Mittelteil zum Groove Metal ab. Lust ist danach die Schwachstelle der Platte, wenn ein eindimensional gestricktes Ventil seinen Mangel an Ideen mit Effekten zu kaschieren versucht, zudem ein billiges Fade Out als heimlichen Ausstieg benutzt: Nicht immer kann die extreme Spielwut der Band das phasenweise durchsichtige Songwriting vollends mittragen, weswegen irgendwann auch durchscheint, dass die Ästhetik und Ansage von No nachhaltiger ist, als einige Kompositionen an sich.

Andererseits wiegen gravierende Muskelspiele etwaige nachlassende Phasen locker auf. Etwa wenn Fundamental Erorr als grandiose D-Beat-Hatz mit hirnwütigen Gitarren atonal zur Mitte hin den Twist herbeibrüllt und am Ende ein Solo über die kickt, oder Loveless als knackiger Riffrocker kantig repetiert, dann das Kerosin durch eine Erinnerung an Pink und Heavy Rocks herbeibellt, drückend voranpeitscht, ohne wirklich der assigen Raserei nachzugeben, stattdessen in den zähflüssigen heulenden Mahlstrom abtaucht. Ein Schaulaufen, irgendwo; ein Beweis: Boris können es immer und jederzeit – wenn sie denn Bock drauf haben.
Und Bock macht No definitiv: Wenn der Flüssigkeitsverlust schon beim bloßen Tonträger-Konsum brachial ans Eingemachte geht und selbst dann keine Gefangenen nimmt, sobald das demonstrativ seine Funktion als Finale ablehnende (zu kurz ausgelegte, um den Abspann ergebnisorientiert zu befüllende) Interlude als ätherischer Postrock-Nachhall und geflüsterter Epilog ins Nirgendwo entlässt, sondern bis dahin sowohl die kleinen Mäkel der Platte mit der verloren geglaubten Dosis an Euphorie dopt – aber auch Spekulationen entfacht, dass Boris in ihrer wiedererwachten Zielstrebigkeit hier wirklich nur ein vorläufiges Intermezzo eingeschoben haben, bevor der nächste Schub an abgelassenen Dampf mittels eines bereits im Köcher befindlichen Schwesterwerkes hereinbricht.
Darüber ernsthaft den Kopf zerbrechen will man sich wohl auch deswegen nicht wirklich, weil No (im Gegensatz zu den stärksten Szenen vieler der direkten Vorgängerplatten) niemals als Methadon wirkt und den Wunsch weckn könnte, unmittelbar zu den Meisterwerken der Japaner zurückzukehren – viel lieber lässt man sich von diesen verflucht kurzweiligen 41 Minuten berauschen, in denen Boris das Momentum so sehr auf ihrer Seite haben.

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