Brutus – Nest

von am 6. April 2019 in Album

Brutus – Nest

Burst, das Debüt des belgischen Trios, war durchwegs gelungen, aber irgendwo doch schnell vergessen. Dem versuchen Brutus nun mit dem Wachstumsschub Nest und noch unausgegorenem Erfolg entgegenzuarbeiten.

Irgendwo im mit unbedingtem Post-Präfix versehenden Spannungsfeld aus Metal, Hardcore und Rock, ist Nest in diesem Bestreben ein gewissermaßen typisches Zweitwerk geworden, indem es versucht, die ungestüm im Punk wütende Rohheit des zwei Jahre alten Einstandes gegen eine gewisse Reife zu tauschen, über vielschichtigere Texturen zu wachsen und den Sound elegischer im Reverb auszubreiten.
Einzig: Das Songwriting kann diesen Ambitionen mit seinen zumeist arg konventionell gehaltenen Strukturen erst noch nicht standhalten, stößt immer wieder an Limitierungen, die den Radius von Nest beschränken. Gerade eingangs lässt das die Band in einem unentschlossenen, ja sogar aufdringlich-nervenden Übergangsmodus verweilen.
Der Opener Fire zieht exemplarisch dafür im Refrain energisch nach vorne, ist mit seiner straighten Ausrichtung und kompakten Form auch sehr eingängig, ermüdet aber mit den forciert langgezogenen, penetrant mäandernden Vocals von Sängerin/Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts. Die im Sound badenden, aber von ihren individuellen Motiven her kaum erinnerungswürdig aus dem Hoheitsgebiet von Dredg und Catch Without Arms her adaptiert strahlenden Gitarren wirken deswegen auch noch eher wie ein ästhetisches Beiwerk, zumal die relativ simpel-eindimensionalen, zu stumpf der Zweckdienlichkeit neigenden Drums den Fokus diktieren. Die überschwängliche Dringlichkeit des Debüts wird dabei trotz allem niemals provoziert.

Dadurch prägt bereits der Einstieg in die Platte den auch später nicht gänzlich abgebaut werden könnende Eindruck, dass Brutus gerne zu überhastet einer unnötig leicht zu durchschauenden, formelhaft inszenierten und repetitiven Monotonie verfallen.
Auf den Erstkontakt scheinen deswegen auch nahezu alle Songs verdammt ähnlich gestrickt. Mannaerts singt und intoniert auf die ständig selbe dramatisch gemeinte Art im Windschatten einer weniger variablen Björk und im Gedenken an die Cranberries. Dazu beschränken sich ihre simultan gespielten Rhythmen in diesen Fällen (vielleicht aufgrund der Reproduzierbarkeit auf der Bühne?) auf eine zu direkte Gangart, lässt den Saiten nicht den Raum, um entsprechende Klangwelten entwerfen zu können. Wie das geht, könnte man sich derweil eigentlich ja bei Big|Brave anschauen.
Die Produktion der Platte klingt zudem ohnedies dünner als notwendig und an den falschen Stellen zu wenig kraftvoll packend – es stellt sich in dieser Phase von Nest einfach nicht die anvisierte Energie ein, obwohl die Band viel zu verkrampft daran arbeitet. Symptomatisch dafür: Erst wenn Django, obgleich mit knackig an Bord rotierendem Riff ausgestattet, atmosphärischer aufmacht, kommt die Nummer den neuen Absichten von Brutus nahe. Im Umkehrschluss ist Cemetery wiederum gerade deswegen so stark geraten, weil es seine Agressivität durch die beißende Performance von Sängerin Mannaerts intensiviert und die Belgier hier zwingend abholen und mitnehmen, anstatt sich nur im Kreis drehen.

Überhaupt und trotz allem kommt Nest nach anfänglichen Unausgegorenheiten immer besser in Fahrt. Sowieso rund um die herausragenden – und hier unerreicht bleibende – Vorabsingle War.
Zuvor tut Carry allerdings zumindest eine weichere Anlehnung an punktgenaue Alternative Rock-Standards in der Strophe gut, auch wenn der Chorus nach alten Mustern spielt, bevor War sich epischer mehr Zeit nimmt, der Stimmung Raum und Zeit lässt, um sich zu entwickeln. Auch wenn der Ausbruch letztendlich zu abrupt überstürzt wirkt, entwickeln Brutus hier am Höhepunkt die mitreißende Intensität, die Nest sonst immer wieder abgeht.
Das starke Blind überzeugt dennoch als voluminöserer Mahlstrom mit starker Dynamik, wo es Brutus voranbringt, in der zweiten Hälfte nicht mehr den allzu unkompliziertesten Weg zu verfolgen, das Tempo rauszunehmen und wie in Distance ergiebiger in der Stimmung zu baden, die allgegenwärtige Gleichförmigkeit ein bisschen zu untertauchen. Space funktioniert deswegen aber auch nur im Kontext der Platte, indem es die Spannung als lauernder Suspence aber umschichtet und Vielseitigkeit und Unberechenbarkeit in das Geschehen bringt, auch das Finale durchatmend vorbereitet: Horde V schiebt mit nervösem Hunger und destilliert die Größe des Postrock, bevor der abschließende Leviathan Sugar Dragon als längste Nummer seine Qualitäten niemals restlos kanalisieren kann, aber durchaus erschöpfend am Optimierungspotential von Brutus arbeitet. Haben wir es also mit einer Übergangsplatte zu wahrhaftiger Größe zu tun?

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