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Burial – Claustro / State Forest

Die Identitätskrise des William Emmanuel Bevan setzt sich fort. Claustro / State Forest ist die erste Burial-Veröffentlichung seit knapp zwei Jahren und kann sich nicht zwischen Club-Banger und Kopfkino entscheiden. Letztendlich wirken beide Versuche unausgegoren.


Man hat sich irgendwo bereits damit abgefunden, dass Burial seine einst so meisterhafte Unantastbarkeit in den vergangenen Jahren leider abhanden gekommen ist, dass der Dubstep-Vorreiter und Future Garage-Messias seit ungefähr 2016 auch mit einer frustrierenden Orientierungslosigkeit durch eine Melange aus klackernden Trademark-Selbstzitaten und unentschlossenen Stil-Erweiterungen stolpert.
Gerade 2017 konnte (oder wollte) sich der Engländer mit dem Trio Rodent, Pre Dawn / Indoors  sowie der Subtemple-EP nicht zwischen House-Versatzstücken, Ambientwelten und wuchtigen Rave-Fantasien entscheiden. Eine Spannweite, die nun auch das Doppel Claustro und State Forest weitestgehend vermisst, die Akzente zumindest im eröffnenden Stück auch durchaus überraschend verschiebt.

Claustro diktiert den zwingend/verwischten Breakbeat schließlich zurück zu seinen Garage- und 2-Step-Ursprüngen, ist fast schon irritierend flott und tanzbar. Die unfassbar stumpfe Synth-Melodielinie sowie catchy R&B-Hooks („I want you, I know you want me/ You can’t hide, I can see it in your eyes„) als weit nach vorne gepitchte Gesangsfragmente sind allesamt frontal ausgelegt – wirklich gefühlvoll arbeitet Burial ja schon länger nicht mehr daran, diese Elemente subversiv in die Texturen einzubasteln.
Während man also als Jamie xx denken darf und den Dancefloor nebst typischen Signaturen wie knisternden Vinylrillen oder hypenden MCs vor dem inneren Auge sieht, hinterlässt der Track einen ambivalenten Eindruck: Diese anachronistisch vor die Jahrtausendwende schielende Ausrichtung und Gewichtung ist ein interessanter neuer Aspekt im Schaffen des Burial – gleichzeitig aber doch zu penetrant und übersättigend ausgeführt, viel zu durchschaubar arrangiert.
Was Bevan selbst wohl klar ist. Als finalen Twist lotst er das Ende vollkommen ironiefrei in eine potente 90er Eurotrash-Schmachterei ohne Angst vor zutiefst cheesy daherkommender Sülze: „This song goes out to that boy/ I’ve got my eye on you/Tonight I’ve got my eye on you!“ Plötzlich ist da wirklicher Mut sich aus dem Fenster zu lehnen, zu polarisieren, in dieser vergänglichen Signature Sound-Adaption, die (trotz der geschmacklos-unnuancierten Samples) ebenso viel Ohrwurm-Spaß machen, wie sie mit ihrer repetitiven Gangart ermüdend nerven kann.

Soviel Good Times-Vibe-Assimilierung für den Club braucht natürlich einen gewissen Ausgleich im nachtaktiven Spektrum, wofür (das heimliche Highlight) State Forest zu sorgen hat. Als Klangmaler wird Burial zwar auch durch diese Nummer nicht die Anerkennung bekommen, die er sich als Ambient-Künstler verdient hätte, doch schickt er die Gedanken hier durchaus ätherisch auf Reisen. Da stört es auch kaum, dass die stimmungsvollen acht Minuten in ihrem Wirkungsradius von Blade Runner-Austrahlung und Field Recordings-Kosmos relativ ziellos und ereignisarm anmuten.
Die Wahrnehmung bleibt aber ohnedies eine ähnlich zerissene wie bereits bei Claustro: Mal verliert man sich in die Tiefe des hier geschaffenen Kosmos, bewundert die subtile Schönheit und skizzierte Erhabenheit, dann wieder erscheint das hypnotische Imaginarium selten aber doch auch latent langweilend mäandernd. Die EP muss einen im richtigen Moment kriegen, sonst geht hier wenig bis nix.
Überhaupt ist alles eine Frage der Relation: Mehrmaliger Konsum lässt Claustro / State Forest durchaus wachsen (oder doch eher nur die eigene Toleranzgrenze?) und nach anfänglicher Ernüchterung einen gewissen Frieden mit den beiden Ergüssen schließen, sogar eine latente Bewegungs-Euphorie entstehen. Hört man jedoch wieder einmal in die Meisterwerke des Londoners hinein – egal ob nun Lang- oder Kurzspieler – muss man sich doch ernsthaft fragen, was aus der tiefenwirksamen Meisterhaftigkeit des Burial mittlerweile geworden ist. Wobei das womöglich nicht einmal William Bevan selbst so genau weiß.

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