Carla Bozulich – Boy

von am 25. März 2014 in Album

Carla Bozulich – Boy

So verquer und artifiziell verschleiert das ersten Soloalbums nach 8 Jahren Evangelista auch sein mag: ganz unrecht hat Carla Bozulich nicht, wenn sie ‚Boy‚ als ihr Popalbum bezeichnend.

Schon der Opener ‚Ain’t No Grave‚ als lose gezogene Verneigung vor Claude Ely, mit seinem inmitten von Jazzkeller und Kunstgalerie ausfransenden Schlagzeug merkt allerdings sicherheitshalber auch gleich an, dass die New Yorkerin ihr Comeback unter eigenem Namen mindestens ebenso unkaschiert aus Motiven von Blues, Country und Artrock speist. Was Bozulich mit der auf den ersten Blick ob der doch deutlich zur Schau gestellten Kauzigkeit der Songs irritierenden Klassifizierung der Platte allerdings wohl meint: die zehn Songs haben nichts geradliniges oder kunsumfertig abgeschliffene an sich, spreizen sich so experimentell wie verführerisch zwischen nonkonformistischer Underground-Attitüde und einer um die Ecke gedachten Eingängigkeit, mit einem durchwegs einnehmenden Reiz der Eigenwilligkeit auf. ‚Boy‚ ist also eine Platte die erarbeitet werden will, jedoch zu keinen Zeitpunkt ein allzu gut gehülltes Geheimnis daraus macht, für Mühen auch weitestgehend zu entlohnen.

Weitestgehend deswegen, weil ‚Boy‚ weniger als ganzes, denn als homogene Einzelteilsammlung funktioniert (derart allerdings großartig!), daneben auch mutwillig einige Fäden lose im Sand verlaufen lässt, sich nebulös in seine Atmosphäre auflöst und seine Songs mit verschwommenen Konturen auf hypnotische Art gelegentlich aus den Augen verliert oder sich gar zu sehr gegen jede Bequemlichkeit stellt – ‚What Is It Baby‚ etwa, bei dem es Bozulich nicht genügt in bittersüßer Romantik zu verglühen, weswegen sie den Song hinterrücks mit derart vielen Kanten ausstattet, dass man sich beinahe schon etwas mehr Zuneigung zur Konventionalität wünscht. Gerade aber auch genau durch seine Gedankenverlorenheit (oder ist es nicht viel eher genau das absolute Gegenteil?) und den gewollten Mangel an forciert zwingenden Spannungsbögen kreiert ‚Boy‚ eine unwirkliche, losgelöste und verruchte Anziehungskraft, gespannt über die Schnittmenge aus Beth Gibbons ‚Out of Season‚, einer archaischeren Marianne Faithfull, einem verschlossenen Tom Waits und den in sich gekehrten Discographiemomenten der Swans. Retrofuturistische Bluesmusik für fremde Dimensionen, aus der Zeit gefallen.

Mit ihrer betörend erfahrenen Stimme gleitet Bozulich so durch Klettergerüste wie das sich sexuell aufgeladen räkelnde ‚Deeper then the Well‚, erschafft rollende Fabrikhallenchants (‚One Hard Man‚), erblickt in der Kristallkugel unstete Fiebertraum-Meditationen (‚Don’t Follow Me‚) und unter der Oberfläche friedlicher Schlaflieder bedrohlich brodelnden Insekten, oder schickt mit ‚Drowned To The Light‚ einen sanften Blues als unscheinbare Erhabenheit in die Prärie. Wenn ‚Danceland‚ oder das von Nick Cave totsicher heiß geliebte ‚Lazy Crossbones‚ vordergründig an einer dreampoppigen Rhythmikverselbstständigung interessiert sind erhascht man zudem wohl einen Ausblick darauf, wie David Lynch als versierter Musiker klingen könnte.
Bozulich bleibt dabei stets vage, baut ihre spärlich arrangierten Songs vorwiegend auf menschenleere, mitternächtliche Spielplätze, auf denen sich ihr verwunschenes Organ auf unhandlichen Kompositionsskeletten und dem ungemein diszipliniert verschwommenen Schlagzeugspiel von Andrea Belfi ausbreiten kann. Dass Bozulich abseits einiger Kniffe von Langzeitkompagnon John Eichenseer nahezu die gesamte Platte im Alleingang eingespielt hat ringt nicht nur im großteils rein instrumentalen ‚Number X‚ Respekt ab, sondern passt letztenlich nur allzu perfekt hinter die tranceartige Klangfarbe von ‚Boy‚ und seiner schamanenhaften Kunstfertigkeit: Popmusik, nicht im allgemeinen gängigen Sinn, aber durchaus in seiner verlockenden Eigenwilligkeit.

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