Carpenter Brut – Leather Temple
Wer die Enttäuschung darüber verdauen kann, dass sich Leather Temple frustrierenderweise einfach nicht wie der Abschluss der (2018 begonnenen und 2022 fortgesetzten) Album-Trilogie von Carpenter Brut anfühlt, darf eigentlich seine helle Freude an diesem Syntherpunk Hyperdrive Through Time haben.
Um es also gleich vorwegzunehmen: Man sollte Leather Temple am besten als für sich alleine stehendes Werk betrachten und insofern auch gar nicht erst auf auf eines der markantesten Markenzeichen der beiden Vorgängeralben in Form namhafter Features warten – alleine schon, weil weder Kristoffer Rygg noch sein kongenialer französischer Spezi aktuell Lust auf Gesang in ihrer Musik haben.
Eine Herangehensweise, die im Umkehrschluss zwangsläufig auch paradox sein muß, weil sich der (vorab viel AI-Kritik eingesteckt habende) Temple eben auch dezidiert nicht von seinem prolongierten Kontext – respektive der ohne Worte weiter erzählten Geschichte um Killer Bret Halford, der im dritten Teil der Saga nun eine Art aus der Kühlkammer geholter Cyborg-Messias in einer postapokalyptischen Welt inklusive todesmutiger Highspeed-Rennen ist – lösen will. Und deswegen den Umstand mit sich bringt, die beiden direkten Vorgänger praktisch in der Luft hängen zu lassen und einen latent unbefriedigenden Beigeschmack einzuladen.
Doch grundlegend macht Franck Hueso mit dem auf den ersten Blick unterwältigenden Untertauchen der Erwartungshaltung viel richtig. Indem er sich auf die Essenz seines Projektes konzentriert, den Fokus von Carpenter Brut näher an den Wurzeln wieder deutlich enger stellt als zuletzt, und, den Vibe von Blood Machines und Death Racer mitnehmend, seinen patentierten Synthwave essentieller an der Basis als eine relative Rückbesinnung auf die legendäre EP Trilogy beschleunigt – wenn auch mit einem über die vergangenen Jahre gewachsenen, deutlich direkter angelegten Songwriting als Mitte der 10er-Jahre, was geradezu konventionell strukturiert die allgemeine Zugänglichkeit des Materials weiter forciert.
Während also die Fragen offen bleiben, ob dem kurzweiligsten, faktisch geradezu vorbeirauschenden Album der Diskografie Songs wie Eyes Without a Face oder gar Tell Me When the World Stops Ending genutzt oder geschadet hätten, und man sicher argumentieren kann, dass Leather Temple im Wesentlichen auch immer wieder in ein Carpenter Brut‘sches Malen nach Zahlen ohne Überraschungen oder Risiken übergeht, ist es doch auch beeindruckend, dass der Franzose selbst sein Schema-F (wie gleich im dynamisch treibenden Major Threat, das dynamisch vor Energie pumpt) niemals routiniert nach Autopilot klingen lässt, sondern – ganz im Gegensatz zu Kollege Perturbator zuletzt – seinen angestammten Sound immer noch hungrig und motiviert fährt, ja, den Adrenalinspiegel sogar noch nach oben kurbeln kann.
Nachdem das Intro Ouverture (Deus Ex Machina) den filmischer gelegten Rahmen der Platte mit seiner Orgel, den Chören und einer großen Dramatik ausgelegt hat, rast Hueso an einigen Karriere-Highlights vorbei. Dem mit Streichern episch werdenden She Rules The Ruins etwa, oder dem catchy Hit Neon Requiem, der mit seinem Saxofon zu Gunship schielt. The Misfits / The Rebels definitiv auch, in dem Carpenter Brut mal eben zu The Prodigy mutiert. Und natürlich The End Complete, das den Bogen vom pluckernder Stranger Things-Score über eine sinistre maschinelle Melancholie zu erhebenden, hoffnungsvollen Düsternis von Nine Inch Nails-Soundtrack-Arbeiten findet – atmosphärisch dicht, seine PS auf den Boden bringend.
Was freilich alles keineswegs etwas daran ändert, dass Leather Temple nicht das Album (und gefühlt eher ein Reboot oder Übergangswerk als der Abschluss) ist, auf den man seit knapp vier Jahren gewartet hat. Ein zwingenderes, ohne Längen unterhaltendes Cop Out-Szenario hätte Hueso allerdings kaum schaffen können.


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