Charley Crockett – Clovis

von am 9. Mai 2026 in Album, Heavy Rotation

Charley Crockett – Clovis

Seit 2015 hat Charley Crockett nicht weniger als 17 Studioalben aufgenommen und oftmals kaum Luft zum Durchatmen gelassen. Eine turbulentere Geschichte als die ein bisschen sprachlos machende von Clovis hat aber keines seiner bisherigen Werke erlebt.

Am 28. April 2026 – und damit keine drei Wochen, nachdem der 42 jährige seine im Vorjahr mit Lonesome Drifter und Dollar a Day begonnen Sagebrush-Trilogie durch Age of the Ram beendet hatte – war Clovis auf einmal da. (Zumindest via Spotify. Und 48 Stufen später auch bei allen anderen gängigen Streaming-Portalen.)
Hochgeladen hatte Crockett selbst es an einem Dienstagabend spontan von seinem Smartphone aus, und lies drumherum keinen Zweifel daran, dass die Platte primär als Mittelfinger Richtung Island Records zu verstehen sei, bei dem er die drei Vorgänger-Alben veröffentlichte: „Every time I find out I signed a deal I don’t like, and I go to these fuckin’ business people, and tell them I don’t like the deal, I don’t think it’s fair, they say ‘Tough luck kid, you shouldn’t of fuckin’ signed it. As soon as I hold them to that same standard, I’m the fuckin’ bad guy“, so Crockett in einem mittlerweile gelöschten Insta-Post.
Dass die Aktion des Outlaw-Barden, der seinen Independent-Zeiten nachtrauert, bei besagtem Major-Label alles andere als Freude auslöste, versteht sich wohl von selbst. Alleine schon, weil Clovis hinter seinem impulsiv-pragmatischen  DIY-Cover aus dem Stand heraus einen Hype entfachte, der gefühlt alle Aufmerksamkeit vom eigentlich noch zu promotenden Age of the Ram abzog. Den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen ist wohl das eine, sich jedoch auch das Wasser von der eigenen Wollmilchsau abgraben zu lassen, das andere.
Und dennoch war es eine Überraschung, nein, ein kleiner Schock gar, dass die rein digital veröffentlichte Guerilla-Platte am 7. Mai so stürmisch, wie sie gekommen war, nach und nach auch wieder von allen Plattformen verschwand. Kurz, schmerzvoll und konsequent. Sehr zum Verdruss all jener vor allem, die zuvor keine 10 Dollar für den Download investiert hatten und denen ohne ein Wort der Erklärung mit einer spekulativen Zukunft für das Schicksalswerk vor Augen ein „Please stand by“ von offizieller Seite vorerst genügen muss.

Soviel jedenfalls zur bisherigen Clovis-Geschichte, die den aus dem Stand heraus fast mythischen Charakter des Albums freilich nur verstärkt. Aber ihn eben nicht verdeckt. Denn, wo dieser Tumult ohne die entsprechende Musik dahinter nur die (ideologische) Hälfte wert wäre, lässt sich abseits des Grabenkampfes halbwegs nüchtern betrachtet relativ gefahrlos festhalten, dass Clovis ein verdienter Scene-Stealer ist und wahrhaftig eines der bisher besten Crockett-Alben überhaupt darstellt.
Was sicher auch damit zu tun hat, dass wir es diesmal mit einem waschechten Kooperations-Album auf Augenhöhe zu tun haben: Shooter Jennings ist von seiner Rolle als Sagebrush-Produzent zum vollwertigen Co-Songwriter bei praktisch allen Songs aufgestiegen und hat dem streitbaren Protagonisten geholfen, sein Talent für starke Hooks so butterweich zugänglich zu machen, es zu verdichten und in eine ausnahmslose Riege an Ohrwürmern zu transportieren. Hand in Hand damit gehend ist Clovis zwar ein Country-Album, aber eines, das all die Einflüsse aus anderen Genres, die Crockett immer schon forciert hat, nun umso kompletter in ein weitestgehend rundes Gesamtwerk einfließen lässt, das im Gegensatz zu vielen seiner Vorgängerwerken beinahe keine Redundanz zulässt.
Tatsächlich fällt diesmal einzig der von Stephen Barber geschriebene Titelsong aus dem Rahmen: Für sich genommen ist das Instrumental ein filmisches Epos, das unheilschwer und hoffnungsvoll den Spannungsbogen einer alten TV-Serien-Prärie bewandert – meisterhaft komponiert und in orchestraler Grandezza inszeniert, majestätisch und imaginativ. Nur eben im Kontext auch zu willkürlich auftauchend, hinsichtlich des Spielflusses deplatziert und abgesehen davon einfach zu lange ausgefallen.

Exemplarischer für die komplett verinnerlichte Natürlichkeit des Langspielers ist eher seine zweite Fremdkomposition: Jennings hat die Weichen gestellt, dass sich Crockett und seine Blue Drifters Don’t Take Your Guns to Town von Johnny Cash verführerisch tänzelnd mit jazzig schwofendem Schlagzeug und bluesiger Gitarre so absolut zu Eigen gemacht haben, als wäre es die einfachste Sache der Welt.
Überhaupt sind es hinter dem eröffnenden Instant-Hit The Hallelujah Trail mit seiner simpel gackernde Gitarren-Melodie und dem sanft hintennach gestrichenen Keyboard-Schimmer nicht die wenigen rockigeren Stücke von Clovis (der fast synth-poppige, locker-leichte, aber zu lange Singalong  Down by Law und der perkussive Groover One Eyed Jack mit seinen lässigen New Orleans-Ambitionen; Eagle and the Crow, das seine Spannungen mit Bläser-Dramatik bräsiger in Zaum hält und Sturgill mit der Zunge schnalzen lassen wird; oder die staubige Aufbruchstimmung des Americana-Roadhouse Waylon Rides Again als cool-abgeklärtes Sinnbild der eigenen Agenda), die die 55 Minuten hier auf ein Podest heben, sondern die betont ruhig-gefühlvollen Szenen.

Image of a Woman glänzt soulig entspannt und gönnt sich ausnahmsweise sogar eine Steel Gitarre. Country Music ist theoretisch selbstanalytisch, praktisch aber unendlich smooth zurückgelehnte Genre-Kunst mit einer subtilen Party-Stimmung unter der Haube, derweil Last Night at the Alamo romantisch beschwingt unaufgeregten Seelenbalsam praktiziert. Die beschwingte Nonchalance Albuquerque Lights steht synonym für das hinten raus über I Ain’t Riding Anymore und Honky Tonk Philosophy nicht abnehmende Ohrwurm-Potential, respektive das durchgehend hohe Niveau und souveräne Sequencing einer Stafette aus Fan-Favorites ohne Aufwärmzeit oder aufgesetztes Spektakel.
Über allem steht dann konsequenterweise auch das (mit Gattin Taylor Grace geschriebene) geheime Western-Highlight Top Hand, das als wundervoll behutsame Sehnsucht seine Gecroone betörend haucht und trotz trauriger Pointe schlichtweg zum schönsten gehört, was Crockett bisher veröffentlicht hat. „Only men who make the law can write the stories“ sinniert der Mann auf Konfrontationskurs und macht die Sternstunde der Fuck You-Geste Clovis zu einer entwaffnend zarten Liebeserklärung an die Notwendigkeit der Freiheit.

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