Chastity – Death Lust

von am 10. August 2018 in Album

Chastity – Death Lust

Schon vor Death Lust war da eine Faszination für die Wechselwirkung von Gegensätzen, psychischen Problemen und einer ganz allgemeinen suburbanen Tennage Angst. „Ich bin entweder wütend oder traurig“ gab Brandon Williams – Herz, Hirn und weitestgehend ohnedies auch alleinige Repräsentationsfläche von Chastity in Personalunion – rund um die Chains-EP zu Protokoll.

Das Debütalbum seiner zumindest nominellen Band spannt er knapp neun Monate später nun noch einmal über ein deutlich variableres Spannungsfeld in dem alte Weggefährten wie Drug Church, Pup, Priests oder sogar Glassjaw allesamt ihre prägenden Spuren hinterlassen haben. Death Lust bedient sich bisweilen knietief in den 90ern verwurzelt beim Punkrock und Hardcore ebenso selbstverständlich, wie beim Noise-Pop und Grunge, beim Emocore oder Alternative Rock, springt also stilistisch ansatzlos zwischen den Genres und assoziativen Referenzen umher und nimmt intuitiv mit, wonach gerade die Ambition steht.
Das taten vor wenigen Monaten zwar auch beispielsweise The Men auf Drift ganz ähnlich, allerdings ist es gerade im direkten Vergleich schon auffällig, mit welch einer beeindruckenden Homogenität sich Williams ohne eklatante Sprunghaftigkeit zwischen den Stühlen austobt: Trotz seiner Spannweite wirkt Death Lust weitestgehend wie aus einem Guss über die kanadischen Landesgrenzen hinausgedroschen.

Wo Children wie eine Hommage an Futures in monströser bratzend mit einem jungen Gavin Rossdale am Mikro anmutet, sich wuchtig und massiv drückend mit stoisch schiebender, knubbelige Härte an der Kickdrum zum schwelgenden Refrain unter dem zum Noise schielenden Antrieb motiviert, tritt Choke gleich viel unverhohlener aufs Gaspedal und probt den poppigen Punkrocker mit latenter Dissonanz unter der Schmissigkeit, der im permanenten Zug nach vorne schrammelt.
Scary kurbelt dagegen die Gitarre rauf und hat den ersten Hit der Platte unter der Haube: Ein verwaschener Indie-Ohrwurm mit gedrosselterem Tempo, nonchalant und melancholisch, aber trotzdem mit ordentlich Energie im Anschlag. Toll zudem, dass sich die Nummer hinten raus einfach mal den obligatorischen finalen Refrain erspart – Williams weiß, wie man süchtig entlässt und stattdessen immer wieder hungrig die Schubumkehr provoziert.
Deswegen leistet sich das Midtempo von Negative With Reason to Be gleich mal eine apokalyptisch dräuende Schlagseite in der Gitarren-Wall of Sound, baut pochende Spannungen auf und tritt dann seine Haken aus, wie Metz oder Melt Downer das beispielsweise zuletzt im vergangenen Jahr weniger griffig demonstrierten.

Überhaupt will Death Lust im prolongierten Todestrieb immer den Blick zurück genehmigen, unter die Arme greifen: Heaven Hell Anywhere Else ist eine supernostalgische Nummer für den entschleunigten Ausklang in der Abendsonne, ein Collegerock-Kracher mit erhebend verbindenden Gemeinschaftsrefrain, der in den Basislagernvon Cloud Nothings über Weezer alle kriegen wird – vor allem, wenn Williams hinten raus den Horizont mit elegischen Elan öffnet und zu träumen beginnt.
Eben dort gönnt sich Suffer ein bisschen Geplänkel und plötzlich steht man doch wieder mittendrin in einem den Knoten aufplatzen lassenden Refrain zum ausgelassen wiegenden Niederknien, den Chastity mal eben superinfekttiös als selbstverständlichste Sache der Welt fallen lassen und genüsslich nach dem Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche arbeiten. Deswegen schlägt Chains das Stimmungskaleidoskop auch wieder mit wuchtig federnden Drums und pummelig grummelnden Bass in Richtung ungemütliches Unwetter um, brutzelt sich sinister und verletzlich zu vorsichtig tastendem Emo-Gesang zu Grunge in seiner abgründig-halluzinierend Version, während sich die Katharsis einen beißend-brüllenden Chorus aus den Rippen schabt, der Steve Albini und Andy Falkous die Zuckerwatte aus den Händen reißt, bevor Chastity den Song im Nirvana-Flirt mit der Dissonanz zur pochenden Manie treiben.
Auch Anoxia ist ein garstig auf den Tisch hauendes, stolperndes Ventil mit supercatchy Hook, wohingegen ein (zu) knappes Come das ruppige letzte Drittel von Death Lust als wunderschöne Nostalgie in Seahavens Reverie Lagoon mit Tendenzen von Brand New samt subtilen Streichern unterbricht, die ebenso romantisch wie intim auf entschleunigt-traurige Art schlichtweg tröstlich funkelt. Dagegen kann Innocence (ein Titel, der hier eher Hoffnung als Ist-Zustand formuliert) als Schlusspunkt im ersten Moment durchaus enttäuschend anmuten, obwohl Chastity mit zärtlicher Nachdrücklichkeit noch einmal Position beziehen und im weichen Feedback verglühen: „I’m stronger than i look/ And I’m much more than what you took/ I’ve got hope„.

Überhaupt ist gerade der immer wieder aufblitzende Optimismus in den Texten ein Endorphinschub hinter der angestauten Wut, wenn Williams Zeilen wie „Don’t waste your pain on hate/ Start your life outside of the chains“  aus der Peripherie schreit.
Auch dank der Texte wirken die 32 Minuten der Platte trotz der breitgefächerten Ausrichtung in ihrer kohärent erkennbaren DNA niemals beliebig oder inkonsequent, doch zünden sie in Nuancen noch nicht immer bedingungslos genug. Phasenweise schrammt Death Lust eher grandios an seinen Möglichkeiten entlang, ohne mit letzter Konsequenz in die Tiefe zu gehen. Weswegen dann zwar auch kein einziger Ausfall im kurzweilig immer weiter hastenden Kontext auszumachen wäre, aber neben einer Wagenladung an Ohrwürmen eben auch der eine oder andere tatsächlich überragende Ausnahmesong fehlt, der das Amalgam Death Lust vehement auf die nächsthöhere Ebene gehoben hätte.
Am nächsten kommt Williams diesen bezeichnenderweise in den Momenten, in denen er Chastity ohne Berührungsängste in die Karambolage mit großen Melodien und hemmungslos catchy aufgehenden Hooks dirigiert, sich versöhnlicher gibt.  Zumindest auf Platte ist dem Mann aus Whitby, Ontario der Pop oft näher, als der brutale Exzess und die rohe Ungeschliffenheit – die stimmige Balance zwischen den Extremen der dynamischen Aggressivität verleiht Death Lust jedoch stets die nötige Kantigkeit.
Deswegen ist Williams auch ein Album gelungen, das keinen Welpenschutz benötigt, sondern sich aus dem Stand heraus über einem Gros der nahverwandten Konkurrenz positioniert: Death Lust ist bereits näher am Meisterstück, als an der Talentprobe.

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