Clutch – Book of Bad Decisions

von am 30. August 2018 in Album

Clutch – Book of Bad Decisions

Viele schlechte Entscheidungen haben Clutch für Book of Bad Decisions nicht getroffen. Viel eher ist das zwölfte Studioalbum von Neil Fallon und Co. eines der stärksten ihrer Karriere – und darüber hinaus eines, das Jack White so wohl nicht mehr gelingen wird.

Gut, das Quartett aus Germantown hat zwar ohnedies seit mittlerweile xx Jahren mehr oder minder einen Lauf. Dennoch erweist sich das Engagement von Produzent Vance Powell (seines Zeichens als White-Intimus im Entstehungsprozess solcher Alben wie Horehound, Blunderbuss oder High Top Mountain involviert) als kongenialer Schachzug. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass der direkte Book of Bad Decisions-Vorgänger Psychic Warfare doch ein wenig zu sehr vor der Renaissance namens Earth Rocker erstarrte.
Diesen Prüfstein nimmt Powell nun nämlich gekonnt aus den Köpfen – für den Hörer wie vor allem die Band selbst, die gelöst wie selten klingt.

Während Clutch also über analoges Equipment schwärmen und das Live-Feeling des Aufnahmeprozesses preisen, dirigiert Powell die Band immer wieder bis auf Schlagdistanz in den Sound von White-Projekten wie The Dead Weather: Im stakkatohaften Class Rock-Titelsong etwa, oder dem kraftvoll und wuchtig hinausgeschleuderten Groover How to Shake Hands, der zur knackigen Präsidenten-Fantasie („I was born to be President/ Of these United States/…/ Put Jimi Hendrix on the 20 dollar bill/ And Bill Hicks on a five note„) noch eine dramatische Struktur ausbreitet, und auch dem countryesk die soulige Hammond Orgel auspackenden Stomper Emily Dickinson, der hinten raus gar ein psychedelisches, The Who-artiges Flimmern verleiht.
In besonders ausgelassenen Momenten führt die Zusammenarbeit mit Powell gar dazu, dass Clutch zum wilden Space Sci-Fi die Casino-Brass-Sektion einladen und die Bläser zum „Weaponized Funk“ anstacheln, oder Vision Quest von Little Richards archaischem Rock‘n‘Roll inspiriert klimpert. Der Spaß, den alle Beteiligten offenbar beim Entstehungsprozess der Platte hatten – er wird absolut infektiös übertragen und steht über etwaigen Tiefgründigkeiten.

Auch in grundlegend selbstreferentiell vertrauten Gefilden verleiht Powell der Platte schließlich ebenfalls eine dynamische Frischzellenkur und eine unbekümmert aufspielende Direktheit. Book of Bad Decisions klingt enthusiastisch, locker und transportiert vor allem eine immense Spielfreude, die aus der Hüfte geschossen kommt. Der bluesig zum Sludge äugende (Hard)Rock von Clutch zündet so unheimlich lässig unangestrengt anmutend und trotzdem verdammt tight auf den Punkt gespielt – selbst über die eine Spur zu ausführliche Spielzeit. 57 Minuten hätten hier und da freilich doch kleine Straffungen vertragen können (Weird Times etwa besticht primär „nur“ durch seine treibende Schlagzeugarbeit, Sonic Councelor zieht mit seinen knackigen Riff das Erbe von Led Zeppelin ins Breitbandformat, ohne aber das letzte Quäntchen Dringlichkeit zu forcieren; da und dort hätte es zudem die eine oder andere Wiederholung von Songbausteinen nicht unbedingt gebraucht), obwohl tatsächliche Ausfälle ohnedies ausgespart werden.
Im schlimmsten Fall halten Songs wie H.B. Is in Control eher spielend das immens hohe Grundniveau der Platte, anstatt für ein weiteres explizites Highlight zu sorgen – was im Umkehrschluss bedeutet: Im Zweifelsfall würde praktisch ein Gutteil der 15 Nummern hier zur Single taugen und jeder einzelne das Tour-Repertoire der Band bereichern.

Gimme the Keys gönnt sich in der Riege der Fanpleaser als Finte den Ansatz Reverb-Distortion-Beats, ist dann über sein trocken polterndes Schlagzeug aber praktisch unmittelbar ein Sahnestück der Clutch-Diskografie, eine schmissige Stop and go-Eingängigkeit. Spirit of ’76 wiegt sein doomiges Sabbath-Riff dagegen in einen schunkelnden Lynyrd Skynyrd-Refrain und Hot Bottom Feeder ist sowieso mit vollem Herzen ein herrlich gniedelnder Southern Rock samt Crab-Rezeptur, A Good Fire hofiert eine gnadenlose Hook, zumal ein Solo den hemmungslosen Jam in Aussicht stellt. Für einen zeitlosen Rocker wie Ghoul Wrangler würden Motorradclubs, Luftgitarren und endlose Highways wahrscheinlich überhaupt erst gebaut – dass sich in dem Szenario irgendwann zudem alle in den Armen liegen, muss man trotzdem nicht vorhersehen.
Das inbrünstig geschmetterte Paper & Strife kurbelt dann noch einmal die Kurzweiligkeit ab, bevor das majestätisch-entschleunigte Lorelai traditionsbewusst melancholisch und intensiv aus der Party entlässt, Book of Bad Decisions mit aller Klasse nach Hause spielt. Gerade in Szenen wie diesen, die vor allem durch die Routine der Band strahlen, fällt es besonders auf: So lebendig klingen manche Bands nicht einmal auf ihrem Debüt – geschweige denn kurz vor dem 30. Geburtstag.

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1 KommentarKommentieren

  • sebastian - 4. September 2018 Antworten

    sehr starke scheibe, hört sich aber eher nach ner 9 an;)

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