Depeche Mode – Memento Mori

von am 26. März 2023 in Album

Depeche Mode – Memento Mori

Memento Mori, das Album nach dem Tod von Andy Fletcher, sieht sich mit Erwartungshaltungen konfrontiert, die nach Sounds of the Universe, Delta Machine und Spirit eigentlich keineswegs angemessen sind.

Schließlich war da zum einen Ghosts Again, der erste Herold des fünfzehnten Studiowerks und immerhin die unmittelbar überzeugendste, mit wogender Melodie und federnd-treibendem Rhythmus endlich auch wieder emotional funktionierende Single von Depeche Mode seit langer, langer Zeit; und zum anderen gab es da diese Dichte aus vorauseilende Kritiken, die sich darüber einig wäre , dass Memento Mori das mit Abstand beste Album der Band in diesem Jahrtausend darstelle. Was angesichts der Klasse des ewig unterschätzten Exciter (2001) sowie dem weitestgehend als brillant anerkannten Playing The Angel (2005) dann eben durchaus die Ansprüche hob.
Der Erstkontakt mit den 50 Minuten von Memento Mori ist in dieser Ausgangslage dann jedoch ernüchternd – wenn auch nicht wirklich überraschend: die zwölf Nummern der Trauerarbeit heben das Depeche Mode-Niveau zwar wirklich wieder merklich über jenes der drei Vorgängerwerke, tatsächliche Euphorie will sich angesichts einer soliden, weitestgehend nach und nach wachsenden, phasenweise aber auch einfach gepflegt langweilig bleibenden Rückkehr allerdings keine einstellen.

Die prolongierte Frischzellenkur findet nämlich nur im Detail statt. Indem der typisierte MO wieder motivierter klingt als zuletzt und als die Routine dabei nicht mehr nach alleiniger Pflicht für die nächste Stadion-Tour etwa. Oder dahingehend, dass der Blues als Krücke aus dem Kosmos der Band endlich entfernt wurde und das Songwriting auch ohne Hymnen oder Hits (und ganz genau genommen: sogar nur leidlich inspirierter Ambitionen) wieder homogener und konstanter überzeugt, die tolle Produktion von James Ford der Band sehr gut steht (wenn sie auch leider nicht dafür sorgt, Depeche Mode aus der Komfortzone herauszuprovozieren) und gerade die drei weiteren Songs, die Martin L. Gore neben Ghosts Again mit Psychedelic Furs-Man Richard Butler geschrieben und nahtlos in der Verlauf von Memento Mori assimiliert hat, stimmig aufzeigen: das kontemplative Don’t Say You Love Me mit seinen melancholisch schwofenden Akkorden, digitalen Streichern und latenten Bond-Flair, das etwas gotisch Schreitendes in der Gefälligkeit pflegt, aber auf den Aha-Moment verzichtet, der aus dem Plätschern reißen könnte, weitaus mehr, als der gar nicht in Gang kommende Electropop von My Favourite Stranger, der seinen Beat pluckern lässt und sich dahinter in ambiente Gefilde verliert, indem er den Noise als ungefährliche Klangmalerei-Effekt nutzt, um von der mangelnden Substanz abzulenken. Caroline’s Monkey ist dagegen einer der wenigen Songs, die schon beim ersten Hördurchgang aufzeigen und hängen bleiben, mit griffiger Hook – auch wenn der Refrain flache Weisheiten serviert, ist da durch den externen Schwung (nein, keine kreative Reibung!) doch wieder flächendeckend Lust an der Sache zu spüren.

Die Prognose, dass Memento Mori wohl auch das finale Album der Band sein dürfte, schien im Vorfeld keine gewagte zu sein. Doch scheint es so nun dagegen wahrscheinlicher, dass Depeche Mode auch über diese 50 Minuten hinausgehend einfach weitermachen werden. Denn im guten wie im schlechten läuft der Prozess auch ohne den Brückenbauer Fletcher, dessen Ableben mutmaßlich in so viele Zeilen der Platte verarbeitet wird, konfrontationsfrei weiter. Schwachstellen wie Before We Drown (Keyboarder Peter Gordeno und Schlagzeuger Christian Eigner bekommen Credits für die zweckoptimistische Botschaft in einer ziemlich müden Synth-Pop-Austauschbarkeit) werden vom Gesamtgefüge souverän getragen, in dem Gore einmal mehr vieles stemmt, um Fan-Herzen zu bedienen.
My Cosmos is Mine eröffnet stimmungsvoll düster, knisternd und fauchend und dicht mit dystopischen Synthies, die atmosphärisch in die Trademark-Welt ziehen, derweil die irgendwann einsetzenden opernhaften Stakkato-Backings sogar etwas von Scott Walker haben. People are Good wummert einnehmend neugierig schimmernd, Always You zieht den Refrain sogar beinahe dringlicher beschwörend im Sedativum zusammen und Never Let Me Go lässt die Gitarre sogar im Ansatz ein klein wenig heulen und quietschen, obwohl dann doch alles seltsam verhalten bleibt. Eratische Ausbrüche scheinen unangemessen. Verständlich – aber hinsichtlich der generellen Spannung und Dynamik eben auch: leider.

Wagging Tongue, der einzige Song, den Gahan und Gore diesmal zusammen geschrieben haben, steht insofern für den Zustand der Platte wohl insofern exemplarisch, indem die entschleunigt pulsierende Club-Tendenz eigentlich nur den raffinierten Knackpunkt vermissen lässt, der eine gute Nummer eine Etage höher hebt.
Soul With Me als von Gores Stimme angeführtes Herzstück und ruhig schwelgende Sehnsucht schippert versöhnlich und verträumt, schafft es aber ebenso wenig wie die anderen Songs emotional wirklich zu packen oder aufzuwühlen. Memento Mori geht nie dorthin, wo es wehtut – was man Depeche Mode angesichts der Umstände freilich kaum vorwerfen möchte. Doch bleibt deswegen auch stets ein latentes Gefühl der Unverbindlichkeit zurück, nicht erst, wenn das retrofuturistisch gemalene Schlußstück Speak to Me (eigentlich wie geschaffen für Gore am Mikro – aber das fünfzehnte Studioalbum der Briten ist eben auch ein Werk der verpassten Chancen) komplett entschleunigt so versöhnlich in der bekömmlichen Distortion badet und vor allem darauf bedacht zu sein scheint, sich selbst – letztendlich dann doch so ganz ohne Enttäuschung! – ein Trost zu sein: „I will disappoint you/ I will let you down/ I need to know/ You’re here with me/ Turn it all around/ I’d be grateful/ I’d follow you around/ I’m listening, I’m here now, I’m found„. Einigen wir uns als Kompromiss einfach auf das beste Album der Band seit Playing the Angel?

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