Dry the River [22.11.2014: Generalmusikdirektion, Graz]

von am 24. November 2014 in Featured, Reviews

Dry the River [22.11.2014: Generalmusikdirektion, Graz]

Kreisky mussten ihr Gastspiel an diesem Abend im Bang Bang Club krankheitsbedingt absagen. Und auch Dry the River-Sänger Peter Liddle schleppt sich verkühlt auf die Bühne. Was sich in einer marginal verkürzten Setlist, aber kaum eingeschränkten Performance der himmelstürmenden englischen Indie-Folkrocker niederschlägt.

Allerdings braucht die Band annähernd drei Songs, um inmitten von Weihrauchbehältern am Mikroständer und Leuchtkugeln im Hintergrund auf Betriebstemperatur hochzufahren: vor allem die rockigen Momente gelingen eingangs mit dezent angezogener Handbremse, wirken ein wenig schwerfällig und träge, während der Sound noch nicht vollends ausgeklügelt daherkommt und die Backingvocals etwa komplett untergehen. Spätestens ab ‚Family‚ ist all dies allerdings vergessen, die Band taut auf und die immanente Dramatik ihrer Songs explodiert von da an fein ausbalanciert im dynamischen Wechselspiel zwischen Laut und Leise: dass Liddles Stimmbänder nicht vollends auf der Höhe sind schadet keinem der Songs, dass man die Band bereits zügelloser hat auftreten sehen  gerät sowieso nahezu in Vergessenheit.

dry the River Live 1

Da endet nicht nur das theoretische Inferno von ‚Lion’s Den‚ (mit schönen Spielereien am Rhythmusgerüst) gefühltermaßen gar etwas zu abrupt, während Gitarrist Matthew Taylor zwar immer wieder mit dem Hang zum Noise rücksichtsvoll in die Songs shreddert, dabei aber gerade soviel Exzess bietet, wie das die songgewordenen Schönheiten rund um ‚Gethsemane‚, ‚Alarms in the Heart‚ oder ‚New Ceremony‚ zulassen. In ‚Vessels‚ ersetzt dann die Violine kurzzeitig das Keyboard und auch die Leadgitarre wird mit Bogen gespielt, was dem Szenario einen düsteren Drone-affinen Anstrich verpasst – richtig heimelig wird es allerdings, als sich der Song selbst wohlig zu wiegen beginnt.
Überhaupt: gerade die zurückgenommenen Momente strahlen an diesem Abend eine beeindruckend elegante Erhabenheit aus. Und während sich dabei gerade die Nummern vom Zweitwerk ‚Alarms in the Heart‚ als heimliche Sieger des Abends erweisen (weil sie die Gefälligkeit der Studioversionen zugunsten einer angenehmen Ruppigkeit aufgeben) sind es natürlich die Highlights von ‚Shallow Bed‚, die wiedereinmal die herausragenden Akzente setzen: ‚Bible Belt‚ gelingt schlichtweg groß und den Harmoniegesangstart von ‚No Rest‚ bekämen wohl auch die Fleet Foxes kaum anmutiger hin, während sich der exzellent gewählte Schlusspunkt der regulären Setlist unter textsicherer Unterstützung des euphorisierten Publikums ohnedies immer weiter zum überragenden Finale aufschwingt.

Dry the River Live2

Dass sich Dry the River danach vom halben Weg zum Krankenbett noch einmal auf die Bühne schleppen um ‚Weight & Measures‚ mit stattlicher Haltung auszubreiten darf man der Band durchaus hoch anrechnen (vor allem Drummer Jon Warren merkt man jedoch auch zu jedem Zeitpunkt an, wieviel Spaß ihm der Abend macht, Basser Scott Miller wankt wie ein Metal-Grundierer mit wehender Matte über die Bühne, selbst der ausgemergelte Liddle turnt bei Gelegenheit umher) – die gut gefüllte Generalmusikdirektion dankt es mit anhaltendem, begeistertem Applaus.
Nur: da geht an diesem Abend eben nichts mehr. Weniger, weil Dry The River ohnedies nur zwei Songs unter dem Plansoll geblieben sind und sich am Merchstand als sympathische Kerle durch und durch entpuppen entlässt das aber dennoch ausnahmslos zufriedene Gesichter in den kalten Novemberabend, sondern wohl vor allem, weil der kurzweilige Songreigen mit seiner schwelgenden Hymnik und romantischen Kantigkeit die ideale Schnittmenge zwischen frei schwebendem Druck und zupackender Schönheit gefunden hat. Und eben auf unkitschige Weise schlichtweg herzerwärmend funktioniert.

Setlist:
1. Hidden Hand
2. New Ceremony
3. Alarms in the Heart
4. Family
5. Gethsemane
6. Bible Belt
7. Everlasting Light
8. Rollerskate
9. Lion’s Den
10. Vessels
11. Hope Diamond
12. No Rest

Encore:
13. Weight & Measures

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