The Smile – A Light for Attracting Attention

von am 12. Mai 2022 in Album

The Smile – A Light for Attracting Attention

Zwischen grandioser Resterampe und potent aufblitzender Eigenständigkeit liefern Thom Yorke und Jonny Greenwood mit Sons of Kemet-Drummer Tom Skinner auf dem The Smile-Debütalbum A Light for Attracting Attention das ideale Methadonprogramm für die seit sechs Jahren darbenden Radiohead-Fansscharen – und manchmal sogar mehr als nur das.

Wie nahe das während der Covid-Lockdowns relativ spontan geborene neue Projekt mit dem Mutterschiff Radiohead verstrickt ist, daraus machen The Smile alleine insofern keinen Hehl, indem sich einige Stränge der auf A Light for Attracting Attention verwendeten Kompositions-DNA direkt aus der Historie der Stammband von Yorke und Greenwood speisen, während das um Schlagzeuger Skinner ergänzte Trio auch sonst keine Brechstange verwendet, um die beiden Spielwiesen ästhetisch um jeden Preis voneinander zu unterscheiden.
Ein bisschen mehr Postpunk, Math- und (durch die Sons of Kemet-Beteiligung keineswegs verwunderlich) Jazz darf der Artrock hier atmen, manchmal tendiert das Songwriting stärker zum Jam als Triebmotor, und lässt das Narrativ freier offen, was auch die von Nigel Godrich betreute (und im Vergleich zu den Live-Versionen mit Pitch Correction und weniger Lebendigkeit stellenweise doch nicht perfekt eingefangenen) Soundpalette erweitert: Immer wieder schauen das London Contemporary Orchestra sowie eine Handvoll UK-Brass-Experten (Byron Wallen, Theon und Nathaniel Cross; Chelsea Carmichael, Robert Stillman und Jason Yarde) vorbei, um das vielschichtige Panorama wohldosiert aufzufächern.

Vor allem aber war der erste Vorbote You Will Never Work in Television Again als flotter, kantig schrammender Rocker (mit nicht gerade vielschichtiger Agenda aber prägnentem Punch) hinsichtlich der stilistischen Ausrichtung der Band durchwegs eine falsche Fährte, die nun, aus dem Rahmen des Albums fallend, auch im Kontext Spaß macht, als Standalone-Single aber deutlich besser aufgehoben geblieben gewesen wäre. A Light for Attracting Attention funktoniert ohne diese knapp 3 Minuten eigentlich schlüssiger.
Dass We Don’t Know What Tomorrow Brings – der zweite der beiden Druck relativ straight und (trotz psychedelischem Reverb) schnörkellos ablassenden Tracks (in etwa: Jigsaw Falling into Place mit markanterer Synth-Textur) – als ein deplatzierter Exkurs in die Impulsivität abermals Schwächen im Sequencing offenbart, ist dann symptomatisch für ein Album, das phasenweise wie eine Sammelsurium-Schimäre aus überarbeiteten Radiohead-Überbleibseln und frischen Impulsen wirkt, die eben in letzter Konsequenz die überwältigende Magie vermissen lässt (weil etwa We Don’t Know What Tomorrow Brings sich erst gehen lässt und dann in die Schaltkreis-Einkehr abbremst, leider aber die wirklich überwältigende Auflösung einfach verpasst), dahinter jedoch auch ausnahmslos hochklassiges Material bereithält, dass das Stammklientel mindestens auf extrem hohem Niveau zufriedenstellen wird, manchmal aber auch gar verzückt mit der Zunge schnalzen lässt.

The Same könnte gut und gerne als programmierter Solosong von Yorke mit ein paar begleitetenden Gitarren im synthetischen Geplucker durchgehen, wiewohl Skinner noch abwesend zu sein scheint. Allerdings erledigt die Nummer einen tollen Job als Opener, wie die subversiv pulsierende Dramatik sich beschwörend unheilvoll verdichtet, sinister im Zwielicht aus Dystopie und Gemeinschaftsgefühl schimmernd. In The Opposite bereiten die prägnanten Drumpattern quasi eine indirekte Fortsetzung von Identikit vor, derweil die gackernden und rollenden Saiten solierenden Auslauf bekommen, und gut kaschieren, dass die Nummer im Gegensatz zum A Moon Shaped Pool-Paten eigentlich nicht vom Fleck kommt, sondern sich krautig dreht.
Pana-Vision ist eine jazzig groovende Klaviernummer, als sollte der Horizont von Daydreaming wieder in behutsamen Schwung kommen, während sich zurückhaltend majestätische Bläser-Arrangements zu den Texturen legen. Alles ist luftig, der Vibe pendelt zwischen 2007 und 2016. Ästhetisch fügt sich Speech Bubbles an diese Ausgangslage fast pastoral über einen orgelnden Teppich gleitend an, wo der ätherisch säuselnde Gesang und das zurückgenommene Schlagzeugspiel zu nautisch perlenden Gitarren überleiten, die In Rainbows-Streichern in den Armen liegen und zappelnde Drums durch ein Klangmeer tauchen, fast märchenhaft erblühend, aber ohne Pointe: Einige Songs dieses Debüts hören gefühlt einfach zu abrupt auf; zumindest aber, bevor sie das von ihrem Verlauf aufbereitete Potential restlos befriedigend abgeschöpft haben. Ein Exzess hier oder da, eine unerwartete Wendung, ein plötzlicher Gangwechsel oder eine aus der Verweildauer hinausentwickelte Idee – diese Kniffe hätten dem vorhandenen Material gut getan.

Immer wieder tauchen The Smile jedoch auch so die Dynamik an, schaffen ohne geniale Gänsehaut ein sehr kurzweiliges Schaulaufen mit selbstreferentieller Prägung. Das grandiose The Smoke hat als sedative Hibbeligkeit beispielsweise einen markanteren Bass (überhaupt: wie famos sind die Tieftöner-Linien auf diesem Album bitte?!) als die meisten Passagen von Atoms for Peace, und neben der markanten Rhythmussektion – sowie einem verträumt-vorsichtigen Yorke im ätherisch vortragenden Modus – sind da auch wieder anmutige Arrangements als meisterhaftes Bühnenbild, die so dezent wie möglich Opulenz ausschmücken. Im frickelnden Thin Thing lassen dagegen die math-fiebrig oszillierenden Gitarren staunen, zu denen der eilige Sog scheppern und bratzen darf, die Spielfreude jubiliert: ein progressiv gezirkeltes Nervosum – und derart ausgerichtet hätte auch You Will Never Work in Television Again Sinn als Albumstück ergeben.
A Hairdryer setzt dafür auf den Kontrast aus dringlich zuckendem Beckenspiel und elegischen Begleitumständen, als würde eine wohlüberlegte Hektik langsam aufkochen – der astrale Ambient-Appendix tut zudem als Atempause gut und wirkt wie eine Erinnerung an den Ausklang des Pyramid Song, was so schon stimmig ist: Meistens artikuliert die Band ihre um den maroden Zustand der Welt kreisenden Befindlichkeiten nämlich in kontemplativen Formen, blickt inhaltlich besorgt nach vorne und musikalisch meist postmodern-zeitlos zurück.

Das bisher u.a. auch als Porous oder San Diego Soundcheck song bekannte Open the Floodgates wird von dem Trio so als Space-Ballade am Piano mit kammermusikalisch folkiger Grandezza interpretiert, und das Acoustic-Kleinod Free in the Knowledge wurde mittlerweile sorgsam ausgebaut, bekommt vom Bandsoud getragen ein schlicht wundervoll weiches Indie-Schmusegewand. Die geloopte Modulation Waving a White Flag schmückt sein akustisches Geplänkel in den Orchestergraben streifend wie ein erlösendes Nachspiel zu Like Spinning Plates, das sich für den romantischen Dämmerzustand entscheidet.
Über allem steht allerdings womöglich die wundervoll zurückhaltende Melancholie von Skrting on the Surface, die den Bogen als Closer über verschiedene Inkarnationen bis 1998 zurückspannt, ruhig und mit einem Eindruck der vagen Spontanität, letztendlich durch die traurige Lounge schwelgenden A Light for Attracting Attention quasi direkt in der Wohlfühlzone von Radiohead beschließt. Das kann man bei dieser Brillanz durchaus bringen. Denn wo Where I End And You Begin da als Frage vielleicht allzu oft offen bleibt, würde es die aufgefahrenen 54 Minuten doch unter Wert verkaufen, The Smile als pure Recyclingmaschine abzukanzeln. Viel eher fühlt sich dieser vielversprechende Einstand wie die Frischzellenkur einer zukunftsbesorgten Zeitreise durch alternative (Radiohead-)Realitäten an.

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