Finneas – Blood Harmony

von am 5. Oktober 2019 in EP

Finneas – Blood Harmony

Finneas O’Connell ist als Produzent und Co-Songwriter maßgeblich für den Erfolg seiner Schwester Billie Eilish mitverantworklich, versucht nun auf seiner ersten eigenen EP jedoch durchaus in die Emanzipation von dieser unvermeidlichen Assoziation zu marschieren. Auf Blood Harmony findet der 22 Jährige vorerst aber nur gut gemachten, rundum soliden, aber auch dezent medioker austauschbaren Formatradio-Pop.

Ohnedies will die Abgrenzung zur prominenteren Schwester keineswegs radikal vollzogen sein, wie alleine die Namensgebung der EP erklärt: „The title is to remain ambiguous to listeners, and for everyone to be able to imbue it with their own meaning and justification„, doch „blood harmony is an expression for what it sounds like when siblings sing together, that biologic chemistry — I think that speaks for itself„, so Finneas O’Connell.
Der Abnabelungsprozess ist also eher ein vorsichtiger, wenn die betont moderndere Inszenierung von beispielsweise der 2016er Single New Girl näher an When We All Fall Asleep, Where Do We Go? veranlagt ist, während O’Connell auf Blood Harmony einen etwas klassischeren Ansatz zu verfolgen scheint, auch wenn er sich den aufgeräumten Minimalismus, den detailierten Simplizismus  und die ausbalancierte Reduktion in den Nuancen beibehalten hat, die Eilishs Musik gerade auf ihrem Debütalbum so sehr prägte.
Ein bisschen klingt Blood Harmony deswegen so, als wäre schwedische Pop-Qualitätsware unter dem Eindruck von When We All Fall Asleep, Where Do We Go? entstanden, hätte sich dann aber mit subtiler Handschrift näher hin zu jenen Charts bewegt, in denen sich auch mittlere Coldplay, aktuelle Mumford & Sons oder Hozier ganz allgemein antreffen lassen. Das gibt Finneas im zwangsläufigen Vergleich mit seiner Schwester durchaus eine (wenn schon nicht wirklich eigenständige, dann zumindest) andere Handschrift, lässt das Verwandschaftsverhältnis allerdings eben doch stets klar ersichtlich – im Sounddesign, aber auch im Songwriting.

Alleine das charmant mit subversiver Tanzbarkeit orgelnde Stop-and-Go-Schwelgen I Don’t Miss You at All wirkt etwa wie eine weniger plakative Nachbearbeitung der When We All Fall Asleep, Where Do We Go?-Nummer Wish You Were Gay, wohingegen das schüchtern plätschernde Partners in Crime mit seinem wogenden Zeitlupen-Rhythmus, der warmen Gitarre und feinen Melodie als ästhetischer Nachhall von (dem übrigens von Finneas im Alleingang verfassten) When the Party’s Over erscheint.
Gerade hier wird dann auch überdeutlich, dass die Performance und Präsenz von Eilish eine markanter nachhallende ist, der hinterlassene Eindruck gewichtiger und merklich weniger austauschbar ausfällt. Finneas agiert einfach harmloser und kantenfreier, zeigt nicht die selbe Spannung und Eindringlichkeit wie Eilish.
Blood Harmony transportiert insofern keinen allzu hohen Erkenntniswert: O’Connell ist ein grandioser Zeitgeist-Producer, aber nur okayer Sänger – man vergisst die meisten Nummern noch während sie wohlwollend vorbeilaufen, so angenehm unaufdringlich zu hören. Technisch kann man dem ganzen keinen Vorwurf machen, emotional will aber nichts aufwühlend packen. Im Umkehrschluss pflegt Finneas so jedoch auch ein grunsolides, durch und durch geschmackvolles Songwriting, das im Formatradio elegant über der Masse stehen wird.

Vor allem als Ganzes überzeugt Blood Harmony, das einen runden Spannungsbogen mit gefühlvoll variierter Dynamik beschreitet. I Lost a Friend startet melancholisch und zurückgenommen, ein sehnsüchtiges Piano begleitet Finneas, bevor die Nummer mit schimmernden Synthies und Handclaps sowie latent wuchtigen Synthies seine Fäuste zum Himmel ballt, die Dramatik aber ohne jede Penetranz sanft hält. Am anderen Ende beschließt Die Alone den Rahmen inhaltlich stimmig und musikalisch kohärent als mit Autotune instensivierter Ambient-Pop in souliger Grundierung, abermals fehend und tröstend – quasi Bon Iver im trendigen Mainstream.
Dazwischen stampft Shelter abgedämpft zu flippigen Gitarren und dringlich pulsierender Percussion, pulsierend und dringlich, wohingegen das ätherisch-balladeske Lost My Mind einen harmonischen Drive bekommt und wie jede Nummer hier erhebende cineastisch aufgehen möchte. Selbst wenn Let’s Fall in Love for the Night (als sommerliche Akustiknumer, die einen generischen Beat bekommt und gar nicht mehr sein möchte, als souveräne Hintergrundmusik für Yachten im Sonnenuntergang) dezent abfällt, erlaubt sich Finneas auf dem identitäsunsicheren  Blood Harmony keinen wirklichen Ausfall und kommt tatsächlichen Ohrwürmern schon verdammt nahe. Dazu zeigt er das Potential, bald auch mehr als dies liefern zu können. Bis dahin muss er sich notgedrungen aber wohl damit begnügen, hier sieben gefällige Füller für die Zeit zwischen den Hits von Billie Eilish im Heavy Rotation-Programm zu liefern.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen