Fucked Up – Glass Boys

von am 12. Juni 2014 in Album

Fucked Up – Glass Boys

Nach ‚David Comes to Life‚ stand in den Sternen wie (und ob überhaupt) es mit der wagemutigsten Hardcorekombo der Jetztzeit weitergehen sollte. 3 Jahre später ist tatsächlich einiges anders und ‚Glass Boys‚ dennoch die vielleicht einzige logische Reaktion einer Band, die bisher stets am Limit agiert hat: Fucked Up richten die Scheinwerfer nach innen.

Da eine Steigerung des Prinzips „Höher, weiter, schneller“ nach den monumentalen ‚Hidden World‚, ‚The Chemistry of Common Life‚ und eben der ausufernden Oper ‚David Comes to Life‚ für’s erste nicht möglich/vernünftig war, macht das kanadische Sextett erstmals in seiner Karriere abseits der rasanten Singlesammlungen den notwendigen Schnitt hält inne ohne durchzuatmen, nimmt sich Zeit für Selbstreflexionen und vor allem die Analyse darüber was es überhaupt heißt Fucked Up zu sein. „The way I make my living has driven me insane“ brüllt ein erschlankter Damian Abraham – der Austausch künstlicher Pharmazeutika gegen natürliches Pot hat nicht nur dem Kampf gegen Angstzustände geholfen, sondern auch die Pfunde purzeln lassen – und arbeitet auch in weiterer Folge abseits fiktiver Charaktere an der Psyche seiner Band: „It’s a 21st century irony, where everything you hoped for in life fills you with anxiety„.

Seine MitstreuterInnen folgen der lyrischen Vorgabe Abrahams und ziehen den progressiven Punkrock ihrer Band kompakter zusammen, erkunden Wurzeln beinahe schnörkellos, legen aber nur zu gerne falsche Fährten: ‚Touch Stone‚ poltert charmant nach vorne, ‚Paper the House‚ geht nahe der Hits von ‚David Comes to Life‚ unmittelbar ins Ohr. ‚Sun Glass‚ begrüßt mit einer J Mascis-Akustikgitarre und schwelgt danach in einer ganz eigenen Erinnerung an die 90er, ‚Led By Hand‚ spoilert ein Dinosaur Jr.-Solo, während ‚The Art of Patrons‚ zuerst Indierock antäuscht um dann beinahe Twee-Pop mit Punkrockmitteln zu spielen. Das groovende ‚Warm Change‚ bietet einem feinen 70s-Solo ebenso Platz wie wärmenden Orgelklängen. Der Sound ist aber auch hier rauer als zuletzt, die Drums pochen mächtig, die Saiteninstrumente funktionieren als Einheit, wirken für sich genommen aber gerne dünn flirrend. Mike Haliechuk, Josh Zucker und Ben Cook verdichten die drei Gitarren immer wieder zu psychedelischen Wollknäuel und drönen in ‚DET‚ regelrecht shoegazig, spielen flächiger, klobiger und weniger highlightkonzentriert, die Dynamik ist bereits im Songwriting eine phasenverschobene: ‚Glass Boys‚ ist dichter gestaffelt und schwerfälliger, die Melodien springen einen nicht mehr derart an, treiben eher massiv zirkulierend, die Hooklines schälen sich erst nach und nach hervor – abseits der Intros und Outros hätten einige Erholungsphasen die Energie der Platte wohl zusätzlich definieren können.

Tatsächlich wirkt ‚Glass Boys‚ letztendlich als Symbiose – als wäre das Meditative von ‚The Chemistry of Common Life‚ auf die Kompaktheit der Einzelbausteine vom ‚David Comes to Life‚ übersetzt worden und mit dem rauen Charme der Single-Compilations der Band dekomprimiert worden. Das mündet im bisher zwar augenscheinlich unspektakulärsten, am wenigsten aufregenden Fucked Up-Albums – einem ausfallfreien, mit 43 Minuten angenehm kurzweilg ausgefallenem Grower allerdings auch, der in Form des melancholisch in der Klaviermangel auströpfelnden Titelsongs dazu eine der schönsten Kompositionen der Discographie abwirft. Spätestens hier zeigt sich dann auch dass Fucked Up ihren musikalischen Kosmos diesmal vielleicht nicht ein weiteres Mal radikal ausgedehnt haben, diesen aber im Detail  ausleuchtend durchaus neue Facetten abgerungen haben und mehr noch: damit wohl den nötigen Freiraum geschaffen haben um im nächsten Anlauf wieder Extreme auszuloten.
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