Gallows – Desolation Sounds

von am 16. April 2015 in Album

Gallows – Desolation Sounds

Gallows werden sich giften, dass sie die Option auf das obligatorische selbstbetitelte Album bereits 2011 bei Wade MacNeils Einstand gezogen haben, klingt die britische-kanadische Arbeitsgemeinschaft doch erst mit ‚Desolation Sounds‚ tatsächlich wie eine Band, die sich vom Ballast der vergangenheit freigeschwommen und ihre Identität gefunden hat.

Vor vier Jahren war ‚Gallows‚  als zweites Debütalbum der Band vor allem damit beschäftigt, den textlichen Fokus von ‚Grey Britain‚ zu schärfen und mit einer Entschlackung im Sound zurück zu ‚Orchestra of Wolves‚ zu finden. Man merkte der reformierten Kombo an, dass sie in erster Linie nichts falsch machen wollten. Mit dem Know-how für ein Abo auf brutal geshoutete Knüppler  und einem  permanent im roten Bereich anschlagenden Adrenalinspiegel fiel dem damaligen Quintett nicht einmal die Tatsache in den Rücken, dass man gar zu deutlich in die Hohheitsgebiete von Every Time I Die geschlittert war.
Wo 2011 die Zeit für Experimente also noch dem impuslsiven Tatendrang weichen musste, endlich mit dem neuen Frontmann ins kalte Wasser zu springen, brannte bei den zum Quartett geschrumpften Gallows für ‚Desolation Sounds‚ die perspektivenöffnenden Ambitionen deutlich nachhaltiger unter den Fingernägeln: 10 Songs oder 36 Minuten oder das bisher stilistisch breitgefächertste Gallows-Album lang schmieden die drei Engländer und der Kanadier deswegen nun eine Platte, die nicht nur die interne Wahrnehmung der Band weg vom räudigen Hardcore-Pit korrigiert.

Mit einem neuen Selbstverständnis im Sound schwimmen sich die vier noch deutlicher von den Eindrücken der Frank Carter-Platten frei, weben eine höhere Dichte an Einflüssen in ein Album, dass mit klassischen Gallows-Brechern wie dem direkt und roh in die Fresse hobelndem ‚Mystic Death‚ oder dem hinten raus die Metal-Kante auspackenden ‚Leviathan Rot‚ zwar den Fans der Anfangstagen immer noch die Hand zu reichen versucht, im Grunde aber bereits mit mehr als nur einem Bein in neue Gefilde aufgebrochen ist.
Gallows geben ihren Songs nun viel mehr Raum zum atmen, füllen die neue Breite im Klang vor allem mit einem fürsorglicherem Umgang mit Melodien, was jedoch keinen Pop wie bei Pure Love bedeutet. Das Gitarrenspiel gleitet mehr und mehr in den Einflussbereich von Wade MacNeil, was dann auch gar nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, dass Steph Carter die band 2013 verlassen hat. Der ehemalige Alexisonfire-Gitarrist Macneil hat vielmehr in allen Belangen das Steuer übernommen, drückt seiner Band den Stempel auf ohne deren Grundcharakter zu verwässern, führt sie entlang einiger Feinjustierungen im Trademarksound aber eben bei jeder Gelegenheit über die Genregrenzen hinaus.

Der Titelsong pilgert so beispielsweise mit tanzbarem Twang zum Schminkkoffer der Cramps, ‚Leather Crown‚ klammert seinen galoppierenden Punk in eine Schale aus düsterem Gothrock und ‚Death Valley Blue‚ liebäugelt mit sinister funkelnden Grunge-Elementen. Hardcore ist das eben nur noch am Rande, und wenn dann mit einer aus dem Postpunk entlehnten Stimmung, einem beklemmenden und depressiven Harmonie-Verständnis, dass immer wieder die abgründige Schönheit von Type O Negative vor dem inneren Auge auf den Plan ruft. Das hymnische ‚Bonfire Season‚ positioniert sich so als Aushängeschild der transformierten Gallows breitbeinig in Blickrichtung Alternative Rock und reklamiert nicht zu Unrecht die düstere Seite der 80er rund um Siouxsie And The Banshees oder The Damned als größte Inspiration, während ‚93/93‚ mit Vollgas etwas zu schockrockend durch die Geisterbahn jagt und das wunderbar zerrissene Alptraumwiegenlied ‚Chains‚ mit melancholischer Atmosphäre und choralem Hintergrund regelrecht episch pochend aufplatzt.

Dass ‚Desolation Sounds‚ mit einem Horizont voller neuer Möglichkeiten ausgerechnet mit dem ‚Swan Song‚ endet, darf dann vielleicht als einziges humoristisches Zugeständnis auf einem mutmaßlichen Übergangsalbum gesehen werden. Denn der  Entwicklung, die Gallows darauf nicht nur in Aussicht stellen, sondern bereits über weite Strecken zelebrieren, mag es an einigen Schnittstellen aus der deutlicher denn je hofierten Zugänglichkeit und der knüppeldicken Kompromisslogkeit bisweilen noch an der entscheidenden Balance in der Schlagkraft fehlen, wie einer ansonsten atemlos fließenden Platte in ihrem letzten Drittel ohnedies ein klein wenig die Puste auszugehen droht.
Die Art und Weise aber, mit der das Quartett ihren unter der Oberfläche immer noch fies zupacken könnenden Ex-Hardcore in eine finstere Eleganz kleidet und vielschichtigster agierend anstelle eines Vorschlaghammers erstmals einen hintergründigen Grower geschaffen hat, das lässt die Zukunft für die sich in ihrem zweiten Leben endlich selbst gefunden habenden Gallows von jeglichen Fesseln befreit so unberechenbar wie nie erscheinen.

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