Harry Styles – Kiss All the Time. Disco, Occasionally

von am 13. März 2026 in Album

Harry Styles – Kiss All the Time. Disco, Occasionally

Harry Styles ließ sich von seinem aktuellen Wahl-Wohnort Berlin und LCD Soundsystem zu seinem vierten Soloalbum inspirierend. Zumindest letzteres kann man Kiss All the Time. Disco, Occasionally ein wenig anhören – wenn auch nur auf sehr unverbindliche Weise.

Gemeinsam mit seinen beiden Produzenten Kid Harpoon und Tyler Johnson (sowie namhaften Gästen wie etwa Wolf Alice-Frontfrau Ellie Rowsell oder dem House Gospel Choir aus London als Backingstimmen, nebst einem ziemlich verschwendeten Tom Skinner als Session-Drummer) wendet sich der 32 jährige nach Harry Styles (2017), Fine Line (2019) und Harry’s House (2022) der titelstiftenden Disco mit dezentem Electro Pop und (gerade für eine Mainstream-Album) angenehm unaufgeregten House-Beats zu.
Die vorausgeschickte Single Aperture definiert so nun auch als Opener die Ausrichtung: Sie wummert und pumpt mit einer grundlegenden Subtilität, das evozierte Gemeinschaftsgefühl schafft es, subversiv zu bleiben und der Groove kann entlang der eingängigen Melodie eine sanfte Trance erzeugen – aber das Momentum wird einfach nicht zwingend.

Auch im weiteren Verlauf definiert diese soundtechnisch kohärente, vom Songwriting aber nicht konsequent genug intensivierte Ausrichtung die angenehm nebenbei zu konsumierende Ästhetik von Kiss All the Time. Disco, Occasionally.

Das klingt dann mal wie eine verdauliche Chart-Simplifizierung der Animal Collective-Lehren (die visuelle Kiss You-Nostalgie American Girls als charmante Indie-Attitüde, wie sie nur wenige Konsens-Musiker derart authentisch hinbekommen, oder das schön leicht und luftig inszenierte The Waiting Game), tendiert harmlos zum Club (Ready, Steady, Go!) oder entwickelt eine tribal-artige Rhythmik (Are You Listening Yet? sowie dem noch zwingender drückenden Zappler Season 2 Weight Loss), die durchaus anzeigt, wie weit hinaus die Reise gehen hätte können.
Dass die Platte in der zweiten Hälfte nicht nur zwei Ausdrücke der Beliebigkeit zulässt (dabei fällt weder das am Klavier sitzende, zu Streichern elegant durch den Ballsaal schwofende Coming Up Roses aus dem Rahmen, noch die nette Akustik-Ruhe der redundanten Skizze Paint by Numbers), sondern substantiell sowieso immer seichter wird – mit niemanden störenden Egalitäten wie Taste Back, (dem vage funky angereicherte) Pop oder dem unterwältigenden Filler Carla’s Song – dirigiert das zu keinem Zeitpunkt schlechte Kiss All the Time. Disco, Occasionally einfach eine Spur zu weit in die Langeweile.

Zumal es ausgerechnet diesmal keine wirklich zugkräftigen Hits, Single-Smasher oder den Hebel packend ansetzenden Killer-Hooks gibt, wirkt das Viertwerk eher wie eine nirgendwo herausfordernd aneckend wollende Umdekoration von Styles‘ Komfortzone – nicht wie eine Neuerfindung (geschweige denn eine radikale Zäsur), die ein künstlerisch wertvolles Wagnis versprochen hat. Die propangierte Neujustierung, die dem Briten stilistisch gesehen andeutungsweise grundlegend schmeichelhaft entgegenkäme, geht nicht als Frischzellenkur in die Tiefe, sondern bleibt oberflächlich und seicht. Der Superstar suggeriert lieber auf mehrere Ebenen – vom Artwork bis zur Tour-Planung – eine neues Karrierekapitel, als dass er es tatsächlich aufschlägt. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass man als Hörer emotional wenig investieren muß und im Umkehrschluss auch kaum etwas zurückbekommt.
Man steigt nach 42 Minuten und einem einfach zu unverfänglichen Sturm im Wasserglas (oder optimistischer gesehen: einem Übergangsalbum?) einfach ohne Aha-Erlebnis aus – was wiederum eine milde oder weichgespülte Light-Version der anvisierten Leithammel LCD Soundsystem bestenfalls erahnen lässt.

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