Frank Ocean – Blonde

von am 1. September 2016 in Album

Frank Ocean – Blonde

Frank Ocean setzt zum Mindfuck an: Der in zwei Versionen erscheinende Nachfolger zu channel ORANGE heißt doch nicht Boys Don’t Cry (obwohl Ocean unter der Dusche zu weinen scheint), sondern nennt sich hinter grünem Kurzhaarschnitt Apple-Exklusiv Blonde – obwohl am Tillmans-Cover Blond zu lesen steht. Nur einen Tag nach Forever legt der R&B-Meister damit demonstrativ nicht das Werk vor, auf das alle Welt gewartet hat.

Es gibt ja die Mär, dass Frank Ocean die Veröffentlichung seines so immer wieder verschobenen channel ORANGE-Nachfolger 2015 kurz vor dem Release wieder abließ, nachdem er Miguels sexy Singleschleuder Wildheart gehört hatte. Eine Geschichte, an der vermutlich nichts dran ist – die nach den nun vorliegenden 60 Minuten von Blonde aber mit etwas Fantasie nicht zwangsläufig aller Wahrheit entbehren müsste. Weil soviel Miguel’sche Potenz alleine grundsätzlich einschüchtern kann, Ocean sich dazu aber auch entschieden hat mit seinem nun definitiven Zweitwerk einen markant anderen Weg zu gehen, als es sein mit Genre-Hits und Ohrwürmern gespicktes Debüt tat: Blonde präsentiert sich als selten konkret werdenden stream of consciousness, der seine Ideen zu einem schleierhaften Fluss verbindet, seine beispiellose Atmosphäre aber immer wieder zu brillanten Momenten kristallisiert.

Vielleicht ist Blonde das Album geworden, für dessen Veröffentlichung Ocean lange Zeit (und eben auch 2015 noch) der Mut fehlte. Für das es erst das Selbstbewusstsein für derartig unkonventionelle Wege stärkende Vorläufer brauchte – wie etwa das aus dem Nichts kommende Konzeptwerk Lemonade, das explizit unfertige The Life of Pablo oder das ohne Fokus tändelnde Views: Nahezu allesamt nicht nur vereint in der Spontanität ihrer Namensgebung und Veröffentlichungsdatum betreffend.
Vor allem das weniger ausgereifte, unausgegorene Patchwork Forever ebnete mit gerade einmal einem Tag Vorlaufzeit stilistisch ideal den Weg für Blonde und schichtete auch Erwartungshaltungen erfolgreich – weswegen man aber dennoch nicht mit einem derart konsequenten Entwicklung in dieser Form rechnen musste. Nein, Blonde ist in nahezu allen Belangen nicht das Album, nach dem sich die Fanscharen verzehrt haben. Es unterstreicht den Ausnahmestatus des Künstlers Frank Ocean aber gerade dadurch  aber umso erstaunlicher.

Was auf den Erstkontakt wie ein konfuses Durcheinander der Songskizzen anmutet, erschließt sich nach und nach als fragmentarisches Puzzle, das voller detailfixierter Facetten steckt. Viel Geduld verlangt, während es Ocean selbst es offenbar kaum erwarten kann, das mikroskopisch fein sezierte Songwriting zu immer neuen Passagen weiterzuspinnen – irgendwann entlohnt diese Zerfahrenheit dann aber doch mit einem dösenden Fluss der Wandelbarkeit, der sich zu einem homogen reflektierenden Stimmungsmeer ausbreitet, fasziniert, gefangen nimmt.
Blonde legt seine Neigung zum ziellosen Mäandern zwar niemals ab, wächst in dieser Odyssee aber als subtiles Kunstwerk aus unaufregenden, zutiefst stimmungsvollen Kompositionsskeletten (die sich nicht nur im ätherischen Ivy mit einer Reduktion auf Stimme, Gitarre oder Synthie begnügen, sondern generell zu weiten Strecken gänzlich ohne Beats auskommen und den Minimalismus walten lassen), wohltemperierten Arrangements, durchaus unprätentiösen Interludes (Mutter Rosie Watson warnt in Be Yourself etwa vor Drogen; in Facebook Story bringt Sebastian den irrsinnigen Spagat zwischen Beziehungen in sozialen Medien und realer Ebene auf den Punkt) und wird letztendlich vor allem in seiner fesselnden Gänze auf lange Sicht beschäftigen – auch wenn es eben die markanten genialistischen Einzelszenen sind, die zuallererst an Bord holen.

Der Moment etwa, wenn Ocean im Downbeat-Hip Hop Opener Nikes endlich alle absurden Stimmeffekte abstellt, und die Nahbarkeit seinen Organs wie ein schmeichelweicher Vorschlaghammer trifft. Oder der plätschernde Orgelteppich Solo plötzlich einen Gänsehaut-Refrain auspackt, der in eine sakrale Geschmeidigkeit überleitet und dabei vorführt, dass Ocean aus dem aufgefahrenen Material durchaus Hits machen hätte können, wenn er es denn gewollt hätte. Nights ist dagegen eine funky aus dem Handgelenk geschüttelte Prog-Smoothness, die sich wie hinter einem Schleier perlend zu tröpfelndem R&B wandelt. Pretty Sweet geht irgendwann im treibenden Weltmusik-Pop auf und Godspeed ist instinktiv leidenschaftlicher Soul. Im entspannt dahinlaufenden Pink + White wird aus dem Klavier irgendwann die sonnendurchflutete Gitarre, während der Bass pumpt, Backingchöre in den Song schwimmen und man Anderson.Paak an den Hebeln vermutet – tatsächlich versteckt sich Beyoncè irgendwo in diesem Reigen.
Eine typische Eigenart von Blonde, seine Gäste selbstbewusst zu assimilieren: Nur Andre 3000 darf in Solo (Reprise) unkaschiert das Ruder übernehmen, Kendrick Lamar haucht hingegen kaum merklich in Skyline To, in dem der Rhythmus die verträumte Aura nicht übertönen will. In Self Control begleiten Yung Lean und Austin Feinstein den hingebungsvollen Ausnahmesänger, der nur mit einer Klampfe auf der Veranda sein Herz ausschüttet, pure Schönheit ausstrahlt und vor anschwellenden Streichern immer erhabener wird, ohne eine tatsächliche Opulenz zu benötigen. Die sphärische Synthiewolke vom überragenden White Ferrari mutiert zum Akustikkammerspiel und vermisst damit die Spanne von Bon Iver, Bon Iver bis For Emma, Forever Ago aus der Perspektive von Ocean – dass diese Grandezza dann auch noch eine mutmaßlichen Auftritt des unsagbar zärtlich wispernden Justin Vernon parat hält, diesen in den Credits aber unter den Tisch kehrt (dafür aber nicht weniger sinnvoll James Blake listet), passt da nur zu perfekt ins Bild. Am brillantesten ist wahlweise dennoch Seigfried, das hinter den traumhaften Arrangements von Jonny Greenwood die Beatles neben Elliott Smith sampelt und den nautisch verspulten Song zu einer märchenhaften Technicolor-Glanztat verwandelt, in der die Grauzonen des Rap irgendwann im Ambient verschwimmen.
Spätestens hier entschädigt Blonde für all das immense, frustrierende Brimborium rund um seine Veröffentlichung – gebraucht hätte es dieses nämlich wahrlich nicht. Denn wie schon Kundgebungen rund um die sexuelle Veranlagung von Ocean im Sog von channel ORANGE vollkommen nebensächlich waren, wird auch von Blonde auf lange Sicht nichts anderes bleiben, als seine Musik. Und diese ist auf Blonde eben weitaus weniger griffig, dafür aber kaum weniger grandios.

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