Interpol – Marauder

von am 31. August 2018 in Album

Interpol – Marauder

It Probably Mathers /…./ I Need Answers“ sinniert Paul Banks im anschließenden Stück von Marauder durchaus symptomatisch: Interpol tauchen ihren selbstrefentiellen Sound energisch an, lassen die Frage nach der Relevanz davon aber offen.

Rund um die Veröffentlichung ihres Debütalbums war einer der am heißest diskutierten Punkte ja jener, aus der DNA welcher Postpunk-Vorbilder Turn on the Bright Lights gespeist worden war.
Gut eineinhalb Jahrzehnte später spielen derartige Überlegungen freilich keine Rolle mehr. Über fünf Alben haben sich Interpol (ungeachtet minimaler Feinjustierungen) schließlich ihrem Sound sklavisch hingegeben und lassen längst keine Diskussion mehr aufkommen: Interpol klingen stets und ausnahmslos nach sich selbst.
Das Problem von Marauder ist nun, dass es oftmals nicht mehr tut, als genau das: Nach Interpol zu klingen – allerdings ohne den charakteristischen Sound dahinter mit dem qualitativ entsprechend gewichtigen Songwriting zu stützen. Zu oft wirken die Kompositionen der Platte viel mehr wie aufgewärmte Ausschussware vergangener Alben und lassen den Plünderer Marauder als leidlich inspirierte Verwalterplatte erscheinen.

Ein Umstand, den Interpol im Rätselraten bezüglich Ursache und Wirkung durch die ambivalent-polarisierende Inszenierung der Platte entweder kaschieren wollen, oder eben überhaupt erst zu verantworten haben –  wahrscheinlich liegt die Wahrheit zwischen den Extremen. Unter der Ägide von Produzent Dave Fridmann wurde Sam Fogarinos Schlagzeug im aufgeräumt-reduzierten, aber enorm eng stehenden Instrumentarium jedenfalls so enorm weit in der Vordergrund gemixt, dass es den Gesang und die Gitarren phasenweise regelrecht schluckt und mit seiner Wucht den absoluten Mangel an jedweder erinnerungswürdiger Basslinie zu übertönen versucht.
Wo Marauder durch dieses diffuse Spotlight im Vergleich zu seinen Vorgängern geradezu gelöst, flott, beschwingt und vergleichsweise locker klingt, drängt die Drum-Dominanz aber  jedes andere Element der Interpol-Trademarks in den Hintergrund und wirkt deswegen auf Dauer nicht erfrischend, sondern trügerisch, sorgt letztendlich erst Recht für ambivalent-unausgegorene Ergebnisse.

Sind Songs wie das eröffnende Duo If You Really Love Nothing (offenherzig und zugänglich ist der Opener gerade auch durch den penetrant fistelnd-nervenden Gesang von Paul Banks enorm schmissig) sowie The Rover (eine stacksende Paradesingle, so simpel strukturiert, als würde die Band mit aller Gewalt ins Formatradio wollen) demonstrativ zwischen Antics und El Pintor platziert auf eingängige Uptempo-Hits getrimmt, dann unterstützt das rhythmusfixierte, straighte Auftreten diese Intention natürlich ideal, suggeriert Spontanität und lockert den strickten Dresscode mit einer Eingängigkeit, die (im Gegensatz zur restlichen Platte) für hartnäckig hängen bleibende Ohrwurm-Hooks und Melodien sorgt. Allerdings erkaufen sich Interpol diese Direktheit selbst derart windschnittig teuer: Die beiden Vorabnummern zünden zu offensichtlich, eindimensional und einfach, haben nicht die Raffinesse von Songs wie C’Mere oder zumindest All the Rage Back Home und erschöpfen sich schnell.
Anderswo (wie beispielsweise gerade im Tiefpunkt Party‘s Over) erdrückt das Schlagzeugspiel ohne die nötige Geschwindigkeit schlichtweg, lässt die Band bemüht und ziellos agierend wirken – durch die frontale Produktion kann die Band nicht die Stärken der hauseigenen Trademarks abschöpfen. Gerade wenn es also eigentlich darum ginge, einer atmosphärischen Tiefe Raum zu öffnen, drehen Fridman und Interpol jeder Dynamik schwerfällig die Luft zu. Die an sich schön schwelgende Melodie von Flight of the Fance verkauft seine Überzeugungskraft insofern nicht erst im ohne Bandbreite auskommen müssenden Finale unter Wert, das seiner epischen Ausrichtung kaum Gravitation geben kann.
In Surveilence, einer behutsamen Variation von Lenght of Love, liegt eine müde Beliebigkeit über Banks Stimme, die keine emotional packende Intensität zulässt und ausgerechnet durch das brässig-straffe Sound-Korsett dröge plätschernd anmutet, sobald der Song eigentlich kraftvoll mitreißen sollte: Trotz der physischen Wucht agieren Interpol über weite Strecken der Platte einfach  frustrierend träge.

In dieser Diskrepanz entwickelt sich Marauder einerseits zu einer Platte, in der auch grundlegend nachhaltigere Szenen massive Schönheitsfehler haben können. Das mit flapsigem Rhythmus mäandernde Complications oder das entwicklungstechnisch redundant auf der Stelle tretende Déjà-vu NYSMAW leben am Ende primär durch die vertraute Ästhetik der Band, während das konsumfertig-umspannende Number 10 zwar eine Minute mit ambientem Geplänkel verbringt (und die beiden unnötigen Interludes der Platte damit vollkommen ad absurdum führt), nur um dann umso unkomplizierter aufs Gaspedal zu drücken. Hier opfern Interpol ihre Kunst auf dem Silbertablett zwar zugunsten der Halbwertszeit, jedoch geht die Idee einer Frischzellenkur hier durchaus auf.
Andererseits können eingangs ermüdend anmutende Belanglosigkeiten nach und nach durchaus Stärken entfalten. Das Highlight Stay in Touch baut Spannungen über typisch stompende Drums und gackernde Gitarren mit altbekannten Signaturen gekonnt auf, schrammt vertrackt am noisig aufgeriebenen Kontrast und ebbt ohne überwältigenden Climax ruhig ab. Und Mountain Child beginnt vielleicht nach ewig gleich scheinenden Baukasten-Prinzip, hat aber die nötige Dramatik in der Hinterhand und dreht sich flimmern im Kreis.
Beides vielleicht keine ikonischen Bereicherungen für die Diskografie der Band, aber doch der Beweis, dass die Vorhersehbarkeit und relativeEvolutionsresistenz, die mit jeder neuen Interpol-Platte einhergehen, keineswegs so schwer wiegen, wenn die Songs dahinter diese Bequemlickeit/Prinzipientreue stemmen können.
It Probably Mathers ist insofern ganz generell ein durchaus repräsentatives Sinnbild für die aktuelle Form von Interpol: Der versöhnliche Schlusspunkt verdichtet eine fein geführte Eleganz, will sich partout nicht zwischen sportlicher Form und klobigen Inhalt entscheiden, kommt lange nicht in Fahr – und ist abrupt ausgerechnet dann vorbei, wenn es überhaupt erst tatsächlich loszugehen scheint. Gerade in Anbetracht der bisherigen Albencloser der Bandgeschichte eine absolute Enttäuschung, hingegen kein zwangsläufig schlechter Abschied per se. Vor allem aber behält sich It Probably Mathers wie Marauder im Allgemeinen zudem unergründliches, ratlos machendes Element bei, dass insgeheim auch die Hoffnung nährt: Jede Veröffentlichung von Interpol hat sich früher oder später als Grower offenbart, was eventuell ja auch für das bisher schwächste Werk der New Yorker gelten könnte.

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