Interview: Ripley Johnson (Wooden Shjips)

von am 27. März 2014 in Featured, Interview

Interview: Ripley Johnson (Wooden Shjips)

Wo geht die psychedelische Sound-Maschine in Zukunft hin? Ripley Johnson, der Kopf, Sänger und Gitarrist der grandiosen Wooden Shjips wußte darauf auch keine Antwort.

Obwohl ein Psychedelia-Festival in den Alpen für ihn sehr interessant wäre und leider nicht jedem afrikanische Töne und Gewänder so gut stehen wie Tinariwen und dass der verrückte Gaslamp Killer mitsamt Flying Lotus sicher die Zukunftsmusik der psychedelisch angehauchten Szenerie mitschreiben können. Das und noch einiges mehr erzählte Ripley Johnson Heavy Pop vor dem Konzert der Band im ausverkauften Wiener Chelsea, wunderbar eingenistet unter U-Bahn-Geräuschen und inmitten von Bierdosen, in einem kleinen Kämmerchen backstage.

Was war dein musikalischer Initiationsmoment? Eine Band? Ein Sound? Ein Gefühl?
Als ich klein war, waren das wohl die Rolling Stones. Aber es gab genug Dinge, weil man Vater hatte eine riesige Plattensammlung. Ich kam also recht früh damit in Berührung!

Und gibt es Orte, die du mit Musik verbindest, aus der Zeit in der du jünger warst?
Für mich war es einfach eine Andersartigkeit. Ich wuchs in einer Kleinstadt auf, also repräsentierte Musik diese andere Realität, der Musik-Lifestyle, Rockstars und all das, es schien wie eine Reise zu anderen Sphären. Weil dort, wo ich wohnte, gab es nicht viel Kontakt mit kulturellem Leben. Es gab also nur die Plattensammlung, MTV und Musikvideos.

Wann hast du angefangen Musik zu machen?
Meine Mutter hatte eine Gitarre und ich versuchte darauf zu spielen. Ich nahm zweimal Stunden und dann gab ich auf. Ich weiß aber nicht, wie alt ich da war. Ich war vielleicht in der fünften Klasse. Die Gitarrenstunden brachten mir nichts. Ich bekam dann eine E-Gitarre und experimentierte herum, bis ich in der High School war und andere Menschen kennenlernte, die spielen konnten, die mir Dinge beibrachten und wir coverten Sachen.

Mir fiel auf, dass man zwei Säulen in deiner/eurer Arbeit erkennen kann. Einerseits der überflutende Sound von Psychedelia-Dinosaurieren der US-Westküste und andererseits der minimalistische stringente Sound von New Yorker Bands, wie Velvet Underground und Suicide. Glaubst du, dass das einen tiefen Gegensatz darstellt oder sind das zwei Seiten derselben Medaille?
Eine gute Frage! Für mich sind das zwei Seiten einer Sache. Da ist etwas an der Minimal Music, da ist diese Freiheit, obwohl sie so repetitiv und strukturiert ist. Wenn man sich diese Sachen, speziell die wirklich repetitiven Sachen, anhört, dann hört man Dinge, die nicht da sind. Vorallem Steve Reichs Arbeiten, in denen er mit Layern und andere Komponisten mit solchen Patterns arbeiten. Diese Art von Sound-Überlagerungen kreieren diese andere Art von Sounds, die sich irgendwo dazwischen bewegen, und das ist der psychedelische Aspekt daran. Aber natürlich auch das Improvisieren, das ist frei, das ist sowieso das Ziel, was es in Wirklichkeit nie ist. Von einem intellektuellen Standpunkt aus gesehen machen diese beiden Säulen keinen Sinn zusammen, aber für mich ist es eine Art von primärem Level, auf das ich musikalisch anspreche.

Wooden Shjips gibt es nun schon einige Zeit.
Seit 2006, glaube ich. Es gab eine frühere Band, das war 2004, das waren unterschiedliche Leute, es war eher ein Experiment. Wir spielten keine Shows, wir experimentierten nur im Studio.

Du hast dich also schon ans Touren gewöhnt, wie gehst du mit den Freuden und Leiden des Tour-Lebens um?
Es gibt Dinge, die ich wirklich mag am Touren, aber ich vermisse es auch zuhause zu sein. Es ist nicht der beste Lebensstil für mich. Aber ich mag es. So werden wir bezahlt. Wenn wir zuhause sind, verlieren wir Geld  und wenn wir auf Tour sind verdienen wir Geld, das ist schön. Und schön ist es auch, Leute zu treffen und man sammelt Erfahrung. Aber von einem musikalischen Standpunkt aus gesehen bevorzuge ich den kreativen Prozess im Studio. Ich finde beides gut. Als wir unsere Tour in Skandinavien starteten, waren wir andauernd in Hotels untergebracht in denen es Fitness-Center gab. Wir haben wirklich dort trainiert, es war wirklich cool.

Also nicht das übliche Tour-Leben, so mit Trinken…
Ja. Es war interessant, weil als wir die Tour begonnen haben, wollten einige von uns versuchen ein bisschen gesünder zu sein, weil es einfach hilft Energie für die Show zu haben. Aber dann verfallen diese Vorsätze, man schläft in einem billigen Hotel, man spielt späte Shows und man muss früh raus am nächsten Morgen. Es ist leicht in diese Muster reinzukippen, du fühlst dich schlecht. Also trinkt man dann ein wenig mehr und es geht einem schlechter am nächsten Tag, das ist dieser Kreislauf. Deswegen ist es wunderbar, wenn man Tage frei hat und dass man manchmal in einem schönen Hotel wohnt.

Und man viele Orte sieht…
Das ist komisch daran… so wie heute, wir kommen in der Nacht an und wir sehen diesen Club und nicht den Rest von Wien. Wir wachen morgen auf und wir fahren weiter. Immer, wenn wir einen Tag frei haben, können wir uns die Stadt ansehen. So konnten wir über die Jahre hinweg langsam mehr und mehr sehen.

Schreibst du ein Tour-Tagebuch?
Nein, mache ich nicht. Ich tat es für einige Zeit, aber ich bin kein großartiger Tagebuch-Schreiber. Aber natürlich haben wir viele Fotos. Und meine Frau, mit der ich ebenso auf Tour gehe, schreibt ein Tagebuch, sie schreibt sehr viel. Sie hat eine tolle Erinnerungsgabe und ich eine sehr schlechte. Also ist das wunderbar! Sie erinnert sich an alles, sie erinnert sich an jede Venue oder an den Namen jedes Tontechnikers.

Du und deine Frau seid Moon Duo. Was ist der Unterschied in deinem Zugang zu Wooden Shjips und Moon Duo? Glaubst du, dass Moon Duo eher intimer und persönlicher ist?
Nein, das glaube ich nicht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich mit unterschiedlichen Leuten arbeite. Also ist es wie andere kreative Projekte. Mit einer Person ist mein Zugang ein bestimmter, weil es ja eine bestimmte Person ist, mit der man zusammen arbeitet. Und der nächste Unterschied ist, dass es bei Wooden Shjips vier Menschen sind und bei Moon Duo eben nur zwei. Die Kommunikation ist also in einer Gruppe oder von einem Menschen zum zweiten. Als wir mit Moon Duo anfingen, war die Idee es sehr klein und simpel zu halten. So konnten wir viel touren und an Orte reisen, an die man normalerweise nicht kommt, wenn man eine ganze Band mitbringt und all das Zeug. Das sind eigentlich die einzigen Unterschiede.

Eure Thrill Jockey Labelkollegen White Hills arbeiteten mit Jim Jarmusch bei seinem neuesten Film „Only Lover Left Alive“. Kennst du Jarmusch?
Nein, nicht wirklich. Wir spielten bei einem ATP Festival und er kuratierte das, er fragte uns einfach nur, ob wir dort spielen wollen.

Hast du den Film gesehen?
Ich habe ihn nicht gesehen, er ist in den Staaten noch nicht raus. Ich habe nur davon gehört.

Vielleicht solltest du ihn sehen, er ist gut.
Ich möchte ihn gern ansehen, Tilda Swinton ist eine meine Lieblingsschauspielerinnen. Sie ist brilliant!

Hast du eine Art Kino im Kopf, wenn du schreibst, komponierst und spielst? Was läuft in deinem Kopf ab?
Hoffentlich nichts. Ich versuche an nichts zu denken. Wenn du schreibst, dann denkst du an Dinge. Wenn wir spielen, dann versuche ich meine Gedanken auszusortieren so gut es geht. Aber wenn ich Songs schreibe, dann probiere ich das so schnell wie möglich zu tun und nicht darüber nachzudenken. Dann gehe ich zurück und bearbeite es. Und wenn ich zurückgehe, dann sehe ich Muster, Dinge und unbewusste Sachen, die rauskommen. Ich bin weder in der Lage, noch will ich Songs über meinen Hund oder eine imaginäre Liebesgeschichte schreiben. Das interessiert mich von einem künstlerischen Sampling aus nicht. Ich mag Story-Songs, manche, aber ich selbst mache so etwas nicht.

Erzähl mir mehr über eure Wahl mit Thrill Jockey zu arbeiten. Davor wart ihr bei Holy Mountain. Was ist deine Erfahrung mit Labels generell?
Wir hatten immer gute Erfahrungen. Holy Mountain ist eine kleine Firma und wir machten einige Alben mit ihnen. Es war wunderbar und sehr einfach. Aber wir wollten ein größeres Publikum erreichen, deswegen kamen wir dann zu Thrill Jockey. Viele Labels lassen dich einen Deal für mehrere Alben unterschreiben. Dann beginnt man an drei, vier Alben zu denken, das können acht oder mehr Jahre deines Lebens sein, hängt davon ab, wie du arbeitest. Der Zugang von Thrill Jockey ist, dass sie keine multiplen Albumverträge machen, also ein Album nach dem anderen. Und wenn du nach einem Album glücklich bist, dann arbeitet man wieder zusammen, das erscheint mir logisch. Für sie ist das ein Risiko, weil wenn eine Band groß wird und diese vielleicht zu einem Major-Label weggeht. Aber ich glaube, dass sie ihr Bestes geben und sie arbeiten hart an der Promotion von all ihren Bands, also meinen sie, dass niemand gehen muss, außer es gibt kreative Differenzen oder so etwas. Vieles von uns, sogar das Moon Duo Zeug ist auf kleineren Labels, vieles ist ein Vinyl-Deal. Sie pressen eintausend Stück und sie geben dir die Hälfte davon. Du bekommst also kein Geld, du bekommst nur die Hälfte der Produkte und du musst diese verkaufen. Das ist cool, wenn du gerade anfängst und eine kleinere Band bist. Es ist ein ehrlicher Weg es zu tun, du teilst es einfach in zwei Hälften. Das macht die Dinge sehr einfach.

Moon Duo ist bei Sacred Bones. Meiner Meinung nach auch ein gutes Label!
Ja, sie sind wundervoll. Sie sind gerade am Wachsen. Das ist ein kleines Label, das große Ambitionen hat, also ist es ein Vergnügen bei ihnen zu sein.

Es ist eine Schande, dass ich noch nie in San Francisco war. Erzähl mir etwas über San Francisco. Hat es ein gute Atmosphäre um dort zu arbeiten und zu leben?
Ja, hat es. Ich zog gerade weg, ich lebe nun in Portland. Unser Drummer zog auch nach Portland und viele andere, die ich kenne, verlassen San Francisco nun unglücklicherweise. Es ist sehr teuer geworden. Es gibt dort viele Firmen wie Facebook und Google, die ihre privaten Busse haben und ihre Angestellten hin und retour kutschieren, weil sie alle im südlichen Bay ihren Sitz haben. Viele Leute sind deswegen verärgert. Die Mieten erhöhen sich und es gibt auf einmal Klassen-Probleme in San Francisco. Die Arbeiter-Schicht erlebt harte Zeiten und diese Tech-Millionäre haben eine tolle Zeit.
Aber nichtsdestotrotz ist es eine schöne Stadt, aber wie in Manhattan läuft man Gefahr alle Künstler und die Arbeiter-Schicht zu vertreiben, es wird eine saubere, große Shopping Mall und es verliert seinen ganzen Charakter. Hoffentlich wird das in San Francisco nicht passieren, aber es gibt schon einige Zeichen dahingehend. Immer noch ist San Francisco eine schöne Stadt, die man besuchen sollte.

Was hörst du momentan, jetzt wo du auf Tour bist?
Wir hören alle möglichen komischen Sachen. In unserem Van gibt es nur einen CD-Player, deshalb haben wir all diese Random Cds. Wir hören R’n’B und Soul Compilations. Einer aus unserer Entourage ist aus Finnland, also brachte er einen Haufen Cds von finnischen Bands mit.

Es gibt solch großartige Festivals wie Austin Psych Fest in den Staaten und in Europa verschiedenste Festival mit „Psych“ oder „Psychedelic“ im Namen. Was sagst du, gibt es Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Szene? Oder ist es alles ein großes Ganzes?
Ich weiß nicht, es scheint so, dass in Europa viel mehr darüber geredet wird und in den Staaten ist es kein großes Ding, wobei Austin ein wunderbares Festival ist, jeder liebt es.

Es gibt ein paar andere Festivals, die sehr klein sind und auf dem aufsteigenden Ast. Aber ich habe bemerkt, dass in Europa jede Stadt ihr eigenes Psych Fest haben will. Da gibt es eines in Liverpool, in Eindhoven…In den 1960er Jahren hatte man wirklich lustige psychedelische Namen wie Acid Test oder The Exploding Plastic Inevitable. Es wäre schön, wenn es in der Namenswahl ein bisschen wie damals wäre. In Europa sehe ich eine Begeisterung, alle wollen eine Szene starten und sie wollen, dass etwas passiert. Wohingegen in den Staaten es kein neues oder anderes Ding ist, es ist einfach Rock’n’Roll. Das ist der Unterschied. Die Leute in den Staaten sprechen nicht wirklich darüber. Eines der Probleme des Aufschlüsselns einer bestimmten Musikrichtung und des Zusammenfassens von einigen Bands ist, dass das ein großes Ding wird und alle spielen auf jedem Festival. Es besteht die Gefahr, dass alles gleich klingt oder dass du als Band einen bestimmten Sound haben musst um auf diesen Festivals spielen zu dürfen. Das beeinflusst vielleicht junge Bands.

Afrikanische Bands, wie Tinariwen oder Terakaft sind vielleicht auch aber etwas ganz anderes und auch ein Einfluss!
Ja, das ist eine coole Sache. Sie bringen etwas ganz eigenes ein, das man nicht wirklich kopieren kann. Du kannst nicht Engländer sein und wie Tinariwen klingen, das wäre desaströs! (Lachen) Du kannst es probieren. Das ist super, wenn man internationale Bands sieht. Richtig, es gibt schon eine große Diversität auf den Festivals, hoffentlich bleibt das so!

Und eine interessante Mischung mit elektronischer Musik…
Es gibt so viele Arten an Musik, sogar im Pop. Ich denke da an Psychedelik, sehr eigenartiges Zeug, aber auch in der elektronischen Musik und im Hip Hop. Wenn du ein Festival planst, gibt es soviele Acts, die man buchen kann und es bleibt eine wunderbare Mischung für jeden. Ich glaube, es muss ein Riesenspaß sein solche Festivals zu gestalten!

Psychedelia ist ein großer Begriff…
Es ist ja nicht einmal ein Genre. Wenn die Leute Psych Rock sagen, dann meinen sie Rock’n’Roll. Aber Psychedelia selbst kann alles sein.

Was kommt nach der Tour? Ferien? Familienleben?
Nein, kein Urlaub. Wir arbeiten an einem neuen Moon Duo Album, wir müssen. Das ist einmal der nächste Schritt. Wenn wir dann zu Hause sind, werde ich neue Songs schreiben, dann besuche ich meinen Bruder und wir werden campen für eine Woche, das wird super. Und dann wieder arbeiten. Also eine kleine Pause, dann arbeiten, arbeiten, arbeiten. Aber ich liebe es!

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