Jimmy Eat World – Integrity Blues

von am 5. November 2016 in Album

Jimmy Eat World – Integrity Blues

Ist Integrity Blues womöglich der Missing Link zwischen Futures und Chase This Light geworden? Oder überhaupt das Geradebiegen jüngerer Fehlleistungen anhand alter Stärken? Fest steht: Jimmy Eat World gelingt nach einer erholsamen Pause ihr stärkstes Album seit Jahren.

Eine weit abschweifende Randnotiz, aber: Beim aussöhnenden Schicksal von Jimmy Eat World fühlt man sich irgendwo doch ein wenig an den Leidensweg mit Weezer erinnert. Wo sowohl das grüne Album, als auch Bleed American nach wie vor wie nur wenige anderen Veröffentlichungen für die geballte Hit-Kraft von 2001 stehen, mussten sowohl Jimmy Eat World als auch Weezer bald danach eine – gemessen an ihren Meisterwerken – längere, wenn auch stark unterschiedlich geprägte Durststrecke durchtauchen, um nun 2016 durchaus überraschend mit dem jeweils stärksten Album ihrer jüngeren Discografiegeschichte dazustehen.

Die Gründe dafür sind dabei gar nicht einmal so Verschiedenen: Wie auch Weezer haben sich auch Jimmy Eat World keineswegs von den Ideen und Ambitionen der weniger geschätzten direkten Vorgängeralben losgesagt – nur schaffen sie es diesmal eben diese rundum stimmiger zu artikulieren und in Szene zu setzen.
Im Falle von Integrity Blues bedeutet dies auch, dass das Quartett gut daran getan hat nach Damages erst einmal eine Pause in dem routiniert-zyklischen Bandalltag einzulegen und sich danach gänzlich in die Hilfe von Außen fallen zu lassen. Mit Tausendsassa (und unter anderem Junk-Geburtshelfer) Justin Meldal-Johnsen hat das Quartett aus Arizona jedenfalls einen Produzenten gefunden, der es schafft, die Band aus der Routine zu kicken und ihr dennoch eine typische Wohlfühlzone zu geben; der den Pop und die Tendenz zur seichten Gefälligkeit der vorangegangenen Platten nicht absägt, diese Ansätze aber in ein dunkleres, bissigeres Licht taucht und Integrity Blues damit nicht nur endlich wieder zu einem rundum stimmungsvollen, atmosphärisch dicht stehenden Gesamtwerk ohne Ausfall macht (gerade dies ist auch der Punkt, der Integrity Blues in Summe sogar dezent über die mit tollen Einzelsongs, aber zuviel Füllmaterial ausgestatteten Vorgängerplatten heben könnte), sondern auch im Detail das Händchen der Band für Hits wie etwa den starken Ohrwurm Sure and Certain oder dem immens schmissigen Collegerock von Through schärft.
Die Vorzüge der Involvierung von Justin Meldal-Johnsen sind insofern auf allen Ebenen zu spüren.

Im Songwriting motiviert er Jimmy Eat World zudem zu Unberechenbarkeiten wie Pass the Baby, das erst andächtig als träumender Electropop mit The xx-Gitarre pulsiert, irgendwann vom übernehmenden Schlagzeuger Zach Lind wohlüberlegt in den Sternenhimmel geschoben wird, nur um letztendlich plötzlich in eine überraschend hart werkende Gitarrenbreitseite umzuschlagen, die massiver drückt als alles, was man die Band in jüngerer Zeit an Wucht aufgefahren hat. Auch die ihre Spannungen immer dringlicher zusammenziehende (für sich alleine noch nicht restlos überzeugend einstimmende) Vorabsingle Get Right sucht die Dramatik mit einer von der Band lange nicht mehr gehörten Angriffslust, entfaltet ihre Energie nun jedoch vor allem im Kontext noch effizienter und unterstreicht: Jimmy Eat World können wieder fester zupacken, sich nicht nur in einen zweckdienlichen Wohlklang gehüllt die Wunden lecken
Tun sie es dennoch, führt es zu berührender Schönheit und es entstehen auf Integrity Blues so triefend schmachtende Kitsch-Walzer wie das simple The End Is Beautiful, das sich zum in aller Rührseligkeit tröstenden Sehnsuchtsstück entwickelt (wann haben Jimmy Eat World zuletzt eine derart innige Gänsehaut verursacht?) oder der grazile, durchaus mutige Titelsong, in dem Atkins alleine im Hall- und Nebelverhangenen Orchestergraben steht, um sich ohne Fremdschämgefahr durch einen theoretisch schmalzigen Disney-Zauber zu tasten. Aber eben wieder: Nicht zuletzt im Gesamten gehen diese Momente auf Integrity Blues nahtlos auf.

Meldal-Johnsen hat es also verstanden, der Band wieder die richtige Balance zwischen einem weltumarmenden Pop und intimen, kantigeren (und dennoch restlos umgänglichen) Alternative Rock einzuimpfen, fängt selbst an sich banale Seichtigkeiten wie You Are Free mit einem innigen Sound auf, der die strahlenden Melodien mit dunklen Texturen grundiert, einer lieblichen Leichtigkeit und Eingängigkeit Gewicht verleiht. Das klingt dann etwa in Pretty Grids als würden Jimmy Eat World ein kühles Wave-Szenario mit ihren bezaubernd wärmenden Charme in Watte betten, das Lagerfeuer ins Stadion holen und Coldplay mit den Editors hinter betörend-romantischen Texten („Sometimes the right one finds us/ Who cares why they do?/ Why not?/ We jumped because we could/ All I see is up-close magic/ Only sweet because it ends“ – auch als Texter läuft Adkins erfreulicherweise immer wieder zu alter Stärke auf) aussöhnen. Oder It Matters mit geschlossenen Augen ganz entzückend um ein Hochglanz-Piano tänzeln lassen, dass  Zugänglichkeit und Qualität nicht als Gegensatz behandelt.
In der Klammer aus dem beschwingten You with Me (mit seinen mitreißend nonchalanten Refrain, den kleinen Gitarrendetails und einer luftigen Wehmut) sowie dem ordentlichen, vielleicht etwas zu bemüht nach den Sternen greifenden Schlusspunkt Pol Rodgers verabreicht der Integrity Blues den beinahe zu alter Stärke auflaufenden Jimmy Eat World damit rundum eine nötige Frischzellenkur. Und was gibt es zudem feineres, als wenn alte Helden, die man zwar nicht aus dem Herzen verbannt, aber insgeheim schon in die Ecke der Beliebigkeit abgestellt hat, sich gerade aus dieser heraus mit einem relevanten Ausrufezeichen zurückmelden? Plötzlich ist sie damit wieder da, die Vorfreude auf die weitere Zukunft von Jimmy Eat World. Chapeau!

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