John Frusciante – Outsides

von am 30. Juli 2013 in EP

John Frusciante – Outsides

John Frusciante bleibt nach ‚Letur-Lefr‚ und ‚PBX Funicular Intaglio Zone‚ auch auf den abstrakten Songs von ‚Outsides‚ elektro-fokussiert und chaotisch, vor allem aber so experimentell ausgerichtet, wie seit ‚Niandra Lades and Usually Just a T-Shirt‚ nicht mehr. Trotzdem kehrt der 43 jährige zuallererst erst sein geschliffenes Gitarrenhändchen in die Auslage.

Das eröffnende ‚Same‚ fußt auf einer lose schwebenden, jammenden Hip-Hop-Drummachine mit zerstreut tupfenden Digibass und vereinzelten Synthie-Effekten als Grundboden, Chöre aus der Konserve tauchen immer wieder geheimnisvoll ganz unten im Mix auf – darüber und vor allem ist ‚Same‚ aber ein 10 minütiges, krautig flirrendes Gitarrensolo von Frusciante. Das erinnert in seiner versierten Ziellosigkeit an das Soloschaffen von Spezi Omar Rodriguez-Lòpez sowie die gemeinsame Ep. Die Verbindung der zuletzt beinahe in Vergessenheit geratenen, zurückgelehnten Fingerfertigkeit des Ausnahmegitarristen und  seiner neu entdeckten Liebe für Rap-taugliche Beats und elektronische Songs. Eine instrumentale Eröffnung, die nicht die Emotionalität alter Frusciante-Soli ausdrückt, aber durchaus solide funktioniert – und sich zudem als zugänglichster Track der EP entpuppt. Was folgt, ist harter Tobak von Frusciante, der seinem einstmals blind zu identifizierenden, harmoniesüchtiges Trademark-Songwriting zu keinem Zeitpunkt mehr nahe kommt.

Breathiac‚ ist im Grunde seines Herzens wohl unterschwellig bedrohlicher Score, mit am Keyboard generierten Bläsern und beliebigen Sequencer-Anschlägen als roter Faden – klingt aber in erster Linie wie das hyperaktive, wahllose Einhämmern auf E-Drums, die mit unzähligen Effekten belegt sind. Also außerordentlich anstrengend. Und nach einem halben Duzend Durchgängen doch nicht ohne Reiz.
Genau dort macht auch ‚Shelf‚ im hektischen Experimental-Treiben weiter, ist zuerst eine willkürlich erscheinende Abfolge von Geräuschen, mischt dann Elemente aus Drum’n’Bass, Acid, IDM, Rock mit 80er freundlichen Ambientelektro bunt durcheinander. Wie ‚Breathiac‚ ein variabler Track, aber nur ein Bruchstück eines tatsächlich als Song zu identifizierenden Konstruktes, wenn überhaupt erst ganz am Ende, wenn Allrounder Frusciante (Synthesizer, Sequencer, Drum Machine, Gitarre, Keyboards, Samples, Vocals) auf ein sich „überraschend gut einfügendes Blues-Solo“ ins Geschehen zirpen lässt und mit seiner Stimme vereinzelte Zeilen einstreut.
Wem dies noch nicht genug Mindfuck für 20 Minuten war, bekommt mit ‚Sol‚ als Abschluß noch einen digital gelieferten Bonustrack: Captain Future-Synthies und ungeordnet durcheinanderwuselnde Klänge, ungreifbar bleibende Rhythmen und Ansätze. Vielleicht kann man als Normalsterblicher hiernach ansatzweise nachvollziehen, wie es für Miles Davis gewesen sein muß Ornette Coleman zu hören.

Für ‚Outsides‚ gilt deswegem mindestens ebenso stark wie für die vorangegangenen beiden Veröffentlichungen: das mag in Frusciantes Bestreben seine ureigene „version of modern classical music“  zu schaffen – also Harmonie-Konzepten des 50er- und 60er-Jahre Free Jazz mit der Klassik der 1920er zu verbinden – beachtenswert radikal und kompromisslos ausgefallen sein.
Weitestgehend wirkt ‚Outsides‚ aber geradezu unnachvollziehbar mit dem Vorschlaghammer auf freakig-experimentell getrimmt, ist in seiner Kompositionsweise gefühltermaßen ähnlich messy wie seine beiden 2012er Vorgängerveröffentlichungen und auf jeden vordergründigen Wiederhörwert verzichtend. Weil Frusciante zwar für sich selbst weiterhin als nimmermüder Musikforscher agierend seinen Prinzipien treu bleibt und alleine dafür Respekt gezollt bekommen soll, aber für den Hörer auf diesem Trip voller Wachstumsschmerzen wenige Erkenntnisse zulässt ist ‚Outsides‚ trotz der Tatsache dass die beiden stärkeren Songs auch den Großteil der Spielzeit ausmachen vor allem eine Veröffentlichung für Hardcore-Anhänger deren Toleranzgrenze  weit jenseits vom reinen open-minded liegt. Und selbst diese dürfen sich hiernach fragen: wieviel Unterhaltungswert sollte Musik im Geringsten und weitesten Sinn besitzen  und – vor allem – würde man dies wirklich auch nur ansatzweise so gut oder zumindest interessant finden, wenn nicht der Name Frusciante am Cover prangern würde?

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