John Frusciante – Letur-Lefr

von am 10. Juli 2012 in EP

John Frusciante – Letur-Lefr

John befindet sich gerade an einem Punkt, wo ihn nichts weniger interessieren könnte, als Musik in Form eines Produkts herauszubringen“ verriet Omar Rodriguez-Lopez unlängst in der Visions auf seinen Langzeitkumpel Frusciante angesprochen. Nun klettert dieser überraschend doch gleich mit zwei Veröffentlichungen aus der Versenkung – und erstmals in seiner umfangreichen Discographie ist das kein restloser Grund zur Freude.


Drei Jahre hat sich Frusciante aus dem Sologeschäft zurückgezogen, sind seit seinem offiziellen kundgetane zweiten Ausstieg bei den Red Hot Chili Peppers ins Land gezogen. Das ist eine lange Zeit, vor allem für jemenden wie den getriebenen Tausendsassa, der ansonsten gefühlte vier Alben pro Jahr rausbrachte. ‚Letur-Lefr‚ ist nun ein Vorgeschmack auf, ‚PBX Funicular Intaglio Zone‚, Studioalbum Nummer Elf und neuerlichen Wendepunkt in der Ausrichtung Frusciantes, eine Vorab EP war notwendig, weil die fünf Songs bereits jetzt ausgespielten Songs nicht in den Album-Kontext passen wollten: ein kurzer Vorgeschmack also dazu, was Frusciante als Progressive Synth Pop kategorisiert  – und natürlich trifft das den Kern nur halb.

Letur-Lefr‚ ist viel mehr Versatz-Hip Hop als alles andere, meint daneben aber vor allem krude Elektronik, die sich über Frusciantes vom Indierock losgelöste Songs stülpt, schlimmer aber: sie dadurch verunstalten. ‚A Sphere in the Heart of Silence‚ im Extremgewand, wenn man so will. Das piepst und fiepft und zerrt, Synthieflächen wabbern durch die Kompositionen, die sich nicht als solche bezeichnen dürften, weil das eigentlich nur Cut-and-Paste Maßlosigkeit ist; Pop, Dubstep und Rockansätze prallen da auf Rappassagen, Frusciante hat offenbar außerdem viel Drum & Bass gehört: weshalb sich die Stücke letztendlich aber derartig sinnlos und erzwungen aneinander aufreiben, bleibt ein Künstlergeheimnis. So in etwa hätte die Sache für Sufjan Stevens auf dessen elektronischer Neujustierung ‚The Age of Adz‚ ausgehen können, wenn so einiges in die Hose gegangen wäre.

Weil Frusciante seine Stärken auch zu konsequent ignoriert: wo der Gitarrenhero die letzten Jahre vordergründig  auf Platten wie ‚8 Diagrams‚ vom Wu-Tang Clan oder der N.A.S.A. Sample- und Featurewut ‚The Spirit of Apollo‚ vertreten war, erscheint es zwar nur logisch, dass sich ein Großteil der Vocals auf ‚Letur-Lefr‚ aus gastlichen Rapeinlagen speist, zu selten aber spielt Frusciante seine Stimme als leidenschaftlich intonierendes As im Ärmel aus, denn immer dann schimmert die alte Klasse durch. So diktieren Kumpanen wie The RZA als prominentester Vertreter der Zunft Songs wie ‚FM‚, das als Arie vor dumpfen Beats beginnt und schnell an Fahrt aufnimmt, Frusciante zum reinen Produzenten abkommandiert und seine Gitarre heulend neben Beats herhecheln lässt. Das hat durchaus seine Momente, wie auch der Synthiepop von ‚In Your Eyes‚ – bis eben vollkommen unmotiviert auf weird getrimmte Störgeräusche in den Song hacken – oder der balladeske Ansatz von ‚In My Light‘. Immer dann eben, wenn Frusciante zurück zur Melodiösität findet, wachsen lässt und nicht nur zusammenschraubt.

909 Day‚ und ‚Glowe‚ sind ohnedies nicht mehr als Zwischenspiele, im ersteren Fall mit angedeuteter Streicheroppulenz aus der Konserve und einem gegen Ende durchs Dickicht greinenden Frusciante, zweiteres ein eiliges Instrumental das wenig von der ansonsten so zerrissenen Attitüde der Platte auskostet. In diesen wenigen Momenten deutet sich eine Perspektive für Frusciante an, in der ‚Letur-Lefr‚ zweckoptimistisch als interessante Richtungsänderung in den Kinderschuhen betrachtet werden darf. Im falschen Licht gelingt dem gerne mal anachronistisch klingenden Frusciante jedoch ein Novum mit dem wild wuchernden Inspirationsgewächs – er klingt schlicht irritierend altbacken, anstrengend wie seit den Kokainjahren nicht mehr und trotz aller Inspiration auch orientierungslos. Gewöhnungsbedürftig ist das schon, und trotzdem kann man die Rastlosigkeit im getriebenen, musikbesessenen John  Frusciante freilich nicht hoch genug honorieren.

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