KEN mode – Loved

von am 29. August 2018 in Album

KEN mode – Loved

Fun Fact: Das von Randy Ortiz für Loved gestaltete Artwork trägt den wenig subversiven Titel „Happy Person Having a Pleasant Conversation in Public“. Womit man schon viel über den Charakter dieses bestialischen Back to the Roots-Ungetüms der kanadischen Noiserock-Urgewalt KEN mode erfährt.

Eine Rückkehr zu den Wurzeln ist Loved insofern, als dass die Matthewson-Brüder Jesse und Shane im Verbund mit dem zurückkehrenden Basser Scott Hamilton nach dem Vorgänger Success den stilistischen Umkehrschub betätigen. Wo KEN mode vor 3 Jahren unter der Ägide von Produzent Steve Albini ihren Sound in zugänglichere Bahnen umzusetzen versuchten, beendeten sie dieses (durchaus enttäuschende) Experiment 2016 mit der Nerve-EP, kehrten nach Winnipeg zurück und kippen nun mit Andrew Schneider an den Reglern über Studioalbum Nummer 7 geradezu demonstrativ eine Extraportion an finstererer Gift und Galle-Hässlichkeit, die ihren zum Sludge und (Post)Hardcore schielenden Noiserock über die Signature Sound-Katharsis praktisch in heavy walzender Reinform aus den Körpern brüllt.

Auch wenn Success in der relativ straighten, rhythmischen Prägnanz von Songs wie Feathers & Lips, Fractures in Adults oder der fast schon schmissigen Stacheldraht-Achterbahnfahrt Very Small Men doch seine Spuren hinterlassen hat: Loved kennt als Schritt zurück den Weg in die richtige Richtung, ist unangenehm und schroff, zieht mit einer abstoßenden Dichte in seinen Bann, der in seiner ekelhaft-intensiven Atmosphäre ohne Licht kaum Raum zum Atmen lässt.
Es ist durchaus faszinierend, mit welcher Energie KEN mode ihre panischen Schübe und stoische Stakkatoattacken dabei immer wieder aufplatzen lassen; mit welcher Prägnanz die Symbiose aus dem die Magenhöhlen-umrührender Bass und wuchtigen Drums die tollwütigen Gitarren trägt; wie sehr die permanent erbrechenden Songs sich so garstig über dem permanent präsenten, unheimlich massiven Groove verunstaltet.

Doesn’t Feel Pain Like He Should wird so aus der Dissonanz und dem rohen Feedback geboren, wütet dann wuchtig angespannt nach vorne los, wie Unsane in ihren besten Tagen – nur noch unerbittlicher. Das Schlagzeug fällt reißend über sich selbst her, das Bass schiebt wummernd, die Gitarren sind aggressiv räudig angespannt, Jesse keift endlich wieder angepisst und versucht nicht wie zuletzt röchelnd Patrick Kindlon zu imitieren. Hinten raus wechselt der Opener zudem plötzlich in einen schwerfälligeren Gang, die Riffs bratzen, bis das Szenario hyperventiliert.
Learning To Be Too Cold dreht die Schrauben der eng treibenden Landschaft hingegen apokalyptisch auf, entscheidet sich aber doch für die widerspenstige Vertracktheit, während Not Soulmates die Ambivalenz der gegeneinander arbeitenden Rhythmussektion sowie der hyperaktiv flimmernden Kreissägen-Gitarre immer wieder für einen mächtig schiebenden Refrain zusammenbringt. Loved ist hier ein Schaulaufen bekannter Stärken, eine sadistische Übung in Sachen Genre-Dominanz.

Noch beeindruckender gelingen jedoch jene Momente, in denen KEN mode das Noise-Korsett kurzerhand zerfleischen. This is a Love Test zieht sich etwa grungig zurück und hofiert mit grummelnder Miene eine unruhige Annäherung an den Jazz, lässt Jesse rezitieren und forciert eine entschleunigte, nur vermeintlich beunruhigende Einkehr, die aber immer wieder zur Randale explodierend umschwenkt. Ein fesselnder Wechsel in der progressiven, schizophren gerissenen und beinahe psychedelischen Dynamik, der zudem eine der wenigen Gelegenheit bietet, im atemlosen Fluss durchzuatmen.
The Illusion of Dignity probt schon zuvor den in sich zerrissenen Hummelflug über einen stoischen Groove, Jesse kotzt sich zu Gitarren aus, die Glas schneiden. Später wird der Song in psychotischer Schwärze destillierend in jazzig-atonalen Gefilden eines Trompetenexzess eskalieren, als würden The Jesus Lizard und Couch Slut den Kadaver von Botch als Boxsack verwenden – ein Motiv, das im überragenden Schlusspunkt No Gentle Art übrigens noch einmal bedient wird. Hier bauen KEN mode über knapp 9 Minuten martialische Spannungen geduldig abgedämpft auf, flüsternd beängstigend beschwörend, erzeugen einen manisch pochenden Mahlstrom, fletschen alptraumhaft die Zähne, poltern stoisch zur eigenen Bösartigkeit in die Trance und bluten endgültig im Delirium aus.

Deswegen ist Loved gerade am Stück konsumiert durch das gesamte Gewicht seiner summierten Erscheinung ein rauschhafter Brocken geworden, der KEN mode trotz einiger Sternstunden im Detail betrachtet vielleicht nicht restlos an der unbedingten Spitze ihrer Schaffenskraft zeigt (was angesichts solch erschlagender Monster wie Reprisal, Mennonite oder Venerable in der Diskografie freilich ohnedies relativ zu verstehen ist), für die Matthewson-Brüder abseits davon aber ohne viel Luft nach oben vor allem wieder die Perspektiven gerade rückt.
Die Kanadier sind schließlich immer dann am besten, wenn sie ihren Nihilismus dorthin konzentrieren, wo es wehtut, jeden Ansatz von Melodie foltern und malträtieren. Genau dies tut Loved. Die Intention der Band, mit den hier versammelt 35 Minuten den abgründigen Zustand der Welt adäquat zu vertonen, darf insofern als Erfolg gewertet werden – was dann weniger für die Menschheit an sich, als für die Geißel namens KEN mode spricht.

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