Lagwagon – Hang

von am 10. November 2014 in Album

Lagwagon – Hang

Die neun Jahre seit ‚Resolve‚  (bzw. zwei seit dem Tod von Tony Sly) haben Joey Cape kaum älter, aber doch ernster werden lassen und Lagwagon daneben nicht nur zu einer beinahe basisdemokratisch geführten Einheit werden, sondern vor allem auch musikalisch wachsen lassen. Die Klasse dieses bisweilen triumphalen Comebacks darf einen dann aber trotzdem ein klein wenig überraschen.

Es muss kein Widerspruch sein, dass Joey Cape sich im Heavypop-Interview erst darüber beschwert, dass Lagwagon doch zu Unrecht so gerne in die karlauernde Funpunk-Ecke gestellt werden, nur um seine Band im nächsten Moment mit Bananen telefonierend ablichten zu lassen: ‚Hang‚ erschließt für die Kalifornier tatsächlich emotionale Tiefen, wie vielleicht keines seiner Vorgängeralben, vergisst dabei aber das Lächeln nicht und macht an der Oberfläche mit sonnigem Sound und immenser Spielfreude Laune wie die Klassiker in den Hochzeiten der 90er. Nachzuhören vielleicht am deutlichsten bei ‚One More Song‚: ein schweißtreibender Punkrock-Hit mit dem latenten Hang zur Hymne natürlich, dahinter jedoch vor allem der ergreifende Gänsehaut-Tribut an Capes alten Kumpel Tony Sly. Ein den Pit umdrehender Ohrwurm, der Tränen durchs Knopfloch drückt, die Fäuste ballt und doch vor allem das Herz anspricht: „I can’t write this sad song long/and they won’t share the first line anymore/but always long for one more song/ Tony, we’ll always long for one more song„.

Auch sonst hat sich Cape, wie ein knappes Dutzend ausfallfreier Songs (mögen auch einige Nummern wie das dezent schwächelnde ‚Western Settlements‚ im Schatten der herausragenden Highlights stehen) später klar ist, zu keinen phrasendreschenden Lippenbekenntnissen hinreißen lassen. Man spürt die gepriesene neue Gruppendynamik von Lagwagon zu jeder Sekunde (Extra-Kudos alleine für die brillante Bassarbeit von Joe Raposo!), hört das neu entfachte Band-Feuer in den vielleicht vielschichtigsten Songs ihrer Karriere münden. ‚Hang‚ strotzt vor Hunger und Abwechslungsreichtum: gnadenlos zündende Fanpleaser wie das punktgenau galoppierende ‚Poison the Well‚ oder der großartig nach vorne gehende Schlusspunkt ‚Reign‘ gedeihen wie selbstverständlich neben Pianoballaden-Ansatzen im Abendanzug (‚One More Song‚) und nachdenklichen Akustikgirarrenminiaturen (‚Burden of Proof‘).
Alleine ‚You Know Me‚ packt einen Refrain zum Niederknien aus, und das arschtretende Finale von ‚In Your Wake‚ nimmt nach seiner versöhnlichen Harmoniebridge erst recht keine Gefangenen. Das Gespür von Cape für große, geerdete Melodien blüht wie eh und je, wirkt vertraut, wurzelt aber nun in einem soviel weitreichenderen Nährboden. ‚Made of Broken Parts‚ könnte gut und gerne einer der Rock-Hits sein, die den Foo Fighters für ‚Sonic Highways‚ diesmal nicht gelingen wollten, ‚The Cog in the Machine‚ artikuliert die immanente Metal-Liebe von Lagwagon und verneigt sich damit gleichzeitig vor dem jüngeren Hardcore von Propagandhi. Und dass das regelrecht progressiv ausufernde ‚Obsolete Absolute‚ über sechs Minuten alles will und fast noch mehr kann, das ist dann irgendwo ohnedies bezeichnend für ‚Hang‚ als Gesamtwerk.

Man muss dem achten Studioalbum gar nicht zwangsläufig seit fast einem Jahrzehnt entgegengefiebert haben, um sich nun davon in einen 39 minütigen Rausch versetzen zu lassen: ‚Hang‚ ist gleichermaßen ein Schaulaufen alter Tugenden, wie das installieren neuer Stärken und reicht damit auch ohne Kenntnis der knapp 20 jährigen Bandgeschichte Neuankömmlingen unmittelbar die Hand. Letztendlich haben Cape und seine Jungs alles richtig gemacht: Lagwagon emanzipieren ihren Sound, indem sie vorhandene Ansätze weiterdenken und ausdehnen, gleichzeitig eine angenehme Seriösität im Songwriting vor sich hertragen, womit sich ‚Hang‚ nicht zuletzt aufgrund der jugendlich gebliebenen (phasenweise beinahe eine Spur zu weich intonierenden) Stimme von Cape beinahe wie ein zweites Debütalbum der Band anfühlt. Alte Whiskey-Halbwahrheit würden sich da nur zu gerne als Querverweis anbieten, würden sie nicht zu kurz greifen: ‚Hang‚ ist eventuell gerade deswegen das vielleicht stärkste Comebackabum des Jahres, weil es nicht nur in seinen überragenden Momenten mit einer regelrecht zeitlosen Klasse aufwartet.

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  • Joey Cape - Stitch Puppy - […] konnte der niemals zur Ruhe kommende Workaholic Joey Cape im vergangenen Jahr mit ‚Hang‚ ja bekanntlich geradezu triumphal von…

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